Ein offener Brief an Günther Jauch

Günther Jauch Foto: Bastih01 Lizenz: CC/GNU
Günther Jauch Foto: Bastih01 Lizenz: CC/GNU

Die Sexismus Debatte ist im vollen Gange. Längst geht es nicht mehr nur um Rainer Brüderle und seine Sprüche gegenüber einer Stern-Journalistin. Am vergangenen Sonntag wurde das Thema bei Günther Jauch diskutiert. Die Diskussionsrunde rief bei vielen Zuschauern Widerspruch hervor. Ein offener Brief. Von unserer Gastautorin Merle Stöver.

Lieber Herr Jauch,

ich bin eine der Frauen, die sich am #aufschrei beteiligt haben. Angefangen habe ich morgens, als ich Aktion entdeckt habe und dann kamen im Lauf des Tages immer mehr Erinnerungen hoch. Glücklich darüber, Menschen gefunden zu haben, die Verständnis haben und ein Ventil entdeckt zu haben, um das, was so sehr bedrückt, rauszuschreien. Es war wirklich ein Aufschrei. Und ein Kraftakt.

Gestern kam dann Ihre Sendung dazu. Ich habe lange gebraucht, um damit fertig zu werden. Ich habe es angeguckt, war schockiert und sprachlos. Nun habe ich sie mit ein paar Stunden Abstand noch einmal angesehen und möchte Ihnen Folgendes sagen:
Herr Jauch, Sie sind einer der Gründe, warum wir den Aufschrei so sehr brauchen!

Wissen Sie, ich glaube an das Gute in Menschen. Deshalb habe ich den Fernseher angemacht und mir die Diskussion angesehen. Ich hatte wirklich die Hoffnung, dass eine solche Diskussion vielleicht aufschlussreich sein könnte. Aber jetzt bin ich schlauer: Es war naiv, das zu glauben. Immer dann, wenn irgendwie die Möglichkeit bestanden hätte, eine Diskussion über Sexismus, über Privilegien und über männliche Dominanz zu beginnen, haben Sie diese unterbunden, verhöhnt und dem entgegengewirkt. Es wäre ja auch fatal gewesen, über gesellschaftliche Missstände zu reden und das eigene Handeln zu reflektieren!

Um mit meiner Kritik ganz von vorn zu beginnen: Scheinbar habe ich ein anderes Verständnis von Moderation und Redeleitung. Ich bin der festen Überzeugung, dass es Ihre Aufgabe gewesen wäre, sachlich durch die Diskussion zu führen. Stattdessen haben Sie von Anfang an gezeigt, wo Sie stehen und wohin Sie die Diskussion lenken wollen. Ich bitte Sie: Wenn Sie der Aufgabe der sachlichen und respektvollen Moderation nicht gerecht werden können: Geben Sie sie ab! Seien Sie ehrlich zu sich selbst und überlassen Sie das Menschen, die dazu in der Lage sind.
Anstatt alle Diskussionsteilnehmer_innen gleich zu behandeln und gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, fielen Sie denen ins Wort, deren Meinung Ihnen offensichtlich nicht passte. Ist eine solche Show nicht der Ort, an dem die gegensätzlichen Meinungen ausgetauscht werden? Doch anstatt den Austausch zu fördern haben Sie diejenigen verhöhnt und ins Lächerliche gezogen, die sich stellvertretend für viele Frauen in Deutschland äußern wollten. Viel lieber widmeten Sie sich denjenigen, die sexualisierte Gewalt relativieren wollten, die Probleme runterspielen wollten und Frauen zu Täterinnen machten. Oft fiel während der Diskussion die Forderung “sich auf Augenhöhe zu begegnen” – das taten Sie nicht. Sie begegneten Anne Wizorek, Alice Schwarzer und Silvana Koch-Mehrin mit Hohn und Spott.

Ich frage mich nun: Ist das Ihr normaler Umgang? Oder hatten Sie nur Angst davor, dass die Diskussion nicht so verlaufen könnte, wie Sie es wollen? Dass Sie sich vielleicht letztendlich selbst hinterfragen müssten?
Sie haben deutlich gemacht, dass Sie die Realität der Frauen nicht kennen – woher auch? Dabei haben über 60.000 Tweets gezeigt, welches Redebedürfnis besteht!
Aber anstatt diese Diskussion zuzulassen, kamen zwei Strategien zum Einsatz:
Strategie 1: Die Diskussion wurde, sobald es um Sexismus als gesellschaftliches Problem ging und analytisch Thesen aufgestellt wurden (vor allem und überraschenderweise von Alice Schwarzer), von Ihnen unterbrochen und wieder auf Rainer Brüderle gelenkt. Immer wieder wurde über besagten Abend an der Bar gesprochen. Wer, was, wann und warum falsch gemacht hat. Damit sind Sie dem Titel der Sendung, der sich immerhin mit Sexismus als gesellschaftliches Problem beschäftigte, keineswegs gerecht geworden, denn Sie haben die Diskussion darum verhindert.
Und Strategie 2: Anstatt mehr über die Frauen, die im Schutz der Anonymität und der Gruppe den Aufschrei verursachten, zu informieren, versuchten Sie, sich selbst in die Opferrolle zu bringen. Immer wieder wurde versucht, Frauen zu Täterinnen zu machen. Immer wieder wollten Sie nicht über Sexismus in der männlich dominierten Gesellschaft sprechen, sondern versuchten, die Frauen- und Männerrolle umzudrehen.  Der Versuch, Männer im Kollektiv in die Opferrolle zu stecken, zieht nicht! Genauso wenig zieht die Behauptung, dass Frauen bestimmen, was Sexismus ist und damit zu viel Macht über die Diskussion haben. Vielleicht schaffen Sie es, sich noch einmal mit Privilegien und Umgangsformen auseinanderzusetzen. Ich kann Ihnen verraten: Die Definitionsmacht liegt bei Männern. Vielleicht sehen Sie sich auch ihre Show noch einmal an und merken: Die Definitionsmacht, wer wann was sagen darf, lag ganz allein bei Ihnen. Einem privilegierten Mann, der zu stolz ist, um sich selbst zu hinterfragen.

Herr Jauch, Sie sind kein Opfer der gesellschaftlichen Strukturen. Sie sind privilegiert. Und genau das haben Sie in Ihrer Sendung reproduziert. Sobald zu viele Äußerungen Sie als weißen Hetero-Mann in Frage stellten und nicht Ihrer Meinung entsprachen, versuchten Sie sich wieder auf Brüderle oder Männer in Opferrollen zu beziehen. Ich bin nun wirklich keine Anhängerin von Alice Schwarzer. Aber wieso konnten Sie ihre Aufforderung, endlich mal über das Problem an sich und nicht über Ihre Ablenkungsmanöver zu sprechen, nicht ernst nehmen? Ich will es Ihnen sagen: Sie haben kein Interesse an dieser Debatte. Sie wollten uns vorführen. Wenn Sie selbst noch einmal nachlesen wollen, was Menschen widerfährt, die nicht die gleichen Privilegien genießen können wie Sie, schauen Sie doch einmal hier: http://alltagssexismus.de/
Ihr letzter Kommentar, dass man sich ja noch an der Bar sehen könne und dass dann hoffentlich nicht nur die männlichen Diskussionsteilnehmer da seien, mag lustig gemeint gewesen sein. Das war er aber keineswegs. Er hat all Ihren Hohn, Ihre Respektlosigkeit und Ihre Inkompetenz, dieses Thema zu behandeln, zusammengefasst.

Ich hoffe, dass auch Sie eines Tages begreifen können, dass Sexismus kein Problem der Frauen ist und dass der Spott fehl am Platz war. Ich hoffe, dass Sie begreifen werden, dass Unterdrückungsmechanismen immer etwas mit Machtdemonstration zu tun haben und dass Political Correctness, wie Anne Wizorek schon sagte, nichts mit “amerikanischen Verhältnissen”, wie Sie es polemisch betitelten, oder Überwachungswahn zu tun hat. Es geht um Respekt. Es geht um den Respekt, den Sie gestern Frau Wizorek, Frau Schwarzer, Frau Koch-Mehrin und auch Herrn Osterkorn nicht entgegengebracht haben.
Mit dieser schwachen Leistung gestern haben Sie sich alle Sympathien verspielt und haben die Chance vertan, Ihrem Job gerecht zu werden.

Ich gratuliere Ihnen zu einem neuen Niveau-Tiefpunkt und hoffe (denn ich glaube ja an das Gute in Menschen) auf Besserung.

Crosspost: Der Text erschien zuerst auf ihrem Blog merlestoever.blogspot.de.

16 Kommentare

#aufschrei ist eine der besten Twitteraktionen, die es jemals gab. Respekt den Macherinnen und den “Mit”-Macherinnen! Wer es jetzt immer noch nicht verstanden hat, der will einfach nicht.

Ach Gottchen.

Ganz ehrlich: Wer sich dermaßen (hier, in seinem Blog, auf Twitter – Aufschrei, weil Mutti oder Papi oder wer auch voller Sexismus sagt, “In dem Rock gehst Du mir nicht in die Schule”? Herre!) in der Opferrolle suhlt, muss sich nicht wundern, wenn manche Männer das auf alle Frauen extrapolieren und ihnen nicht zutrauen wollen, irgendwas aus eigener Kraft gebacken zu kriegen oder in der Lage zu sein, die Realität vernünftig zu beurteilen. Was soll man da noch sagen als ein resigniertes: “Ja, bist ein armes Hascherl, das unter der Last der männlich sexualisierten Gesellschaft zusammenbricht.” Eiteitei.

Ich tröste mich immer in dem Gedanken, dass auch eine Merle Ströver irgendwann mal eine erwachsene Frau werden wird, die eigenständig zu denken beginnen statt Phrasen nachplappern wird. Bei den meisten engagierten Junglinkinnen passiert das tatsächlich (Sarah Wagenknecht mal ausgenommen). Dann wird sie merken, dass die Prinzessinenwelt, in der sie sich offenbar wähnt, gefangen vom bösen Drachen namens priviligiertem Patriarchat, den sie ebenso wütend wie hilflos ankeift, einfach nicht existiert. Dazu muss auch kein Ritter auf einem weißen Pferd angedackelt kommen. Auch keine Ritterin. Sondern ein laues Lüftchen wird irgendwann wehen, die Schuppen fallen ihr von den Augen, und sie merkt, dass sie in einer normalen Welt mit vielen normalen Leuten lebt, sowie ein paar dämlichen Arschlöchern, aber vor allem so frei von gesellschaftlicher Unterdrückung, wie wohl noch kein Mensch vor Ihrer Generation irgendwo in Zeit und Raum auf diesem Planeten.

Bis dahin wird sie hoffentlich etwas gefunden haben, das ihren energischen Einsatz mehr lohnt als der Kampf gegen Windmühlen. Und dann wird sie diesen ihren Beitrag nochmal lesen, und hoffentlich merken: Ach Gottchen, was war ich damals naiv. Und vielleicht ihrem Kind sagen: “Um zehn bist Du aber daheim, und bevor Du losgehst, ziehst Du Dir einen anderen Rock an”. Auf dass ein neuer Aufschrei durchs Netz gehen kann…

@Stadtfuchs, ich habe nicht das Gefühl, dass sich das Gros der Frauen (inkl. Merle Stöver) in einer “Opfer-Rolle suhlt”. Vielmehr gehen viele jetzt in die Offensive. Und das ist ein Unterschied.
Auch wenn man vielleicht einige Analysen nicht teilen mag – dass die Debatte läuft, ist meiner Ansicht nach das eigentlich Wichtige. Sie ist zwar nicht “überfällig”, weil sie seit Jahrzehnten ständig geführt wird. Andererseits ist Resignation ja auch keine Option. Daher finde ich #Aufschrei und die Dirndl-Gate-Debatte eine gute Sache.

Herr Jauch ist aus vielen Gründen ein Ärgernis.

Es beginnt schon damit, dass ich hier über ihn einen Kommentar schreibe und das mache, was man bei solchen Personen eigentlich unterlassen sollte, ihn mit zu viel Aufmerksamkeit beschenken.

Wenn ich mich richtig erinnere, hat er in einem Interview mal erzählt, dass er so etwas wie der Klassenclown war, heute ist er der Talkshow-Clown. Die Sexismus-Sendung lief nicht ohne Grund in direkter Konkurrenz zur Großen-Dschungelcamp-Wiedersehen-Show.

Ich habe mir die Sendung nicht angeschaut. Tatsächlich habe ich es noch nie geschafft eine Sendung von Herrn Jauch von vorne bis hinten zu sehen, das war schon bei Stern-TV so und ist bei seiner Sendung im Ersten noch schlimmer geworden.

Der Herr fragt immer gezielt daneben, ist parteiisch und wirkt oft desorientiert. Offenbar mögen die Leute ihn gerade deshalb und zappen aus den selben Gründen immer wieder zum Dschungelcamp. Der große Unterschied ist aber, dass die Ekel-WG werbefinanziert läuft, Herr Jauch aber Millionen Rundfunkbeitragsgroschen in seinen Allerwertesten geschoben bekommt, die man besser der Redaktion der Sendung mit der Maus zukommen lassen sollte.

Man sagt zwar, dass Frauen mehr Schmerzen ertragen könnten als Männer, sich freiwillig eine Jauch-Sendung zweimal anzuschauen, grenzt nach meiner Meinung schon fast an Selbstverletzung.

Liebe Frau Stöver,

versprechen Sie mir, dass Sie das nie wieder tun?

Passen Sie auf sich auf! Herr Jauch ist das nicht wert.

Ach Stadtfuchs Ihre Phrasen habe ich schon so oft gelesen, dass mir völlig klar ist, wer hier nachplappert.

“Angefangen habe ich morgens, als ich Aktion entdeckt habe.”

“Glücklich darüber, Menschen gefunden zu haben, die Verständnis haben und ein Ventil entdeckt zu haben, um das, was so sehr bedrückt, rauszuschreien.”

“Gestern kam dann Ihre Sendung dazu. Ich habe lange gebraucht, um damit fertig zu werden. Ich habe es angeguckt, war schockiert und sprachlos.”

Ich habe ohne Abstand aufgehört, weiter zu lesen.

wo blieb denn bitte der aufschrei, als die missbrauchsaufklärung von pfeiffer durch die katholische kirche abgewürgt wurde oder als das vergewaltigungsopfer in köln von zwei katholischen krankenhäusern abgewiesen wurde, um nur zwei jüngere beispiele zu nennen. da wäre ehrliche solidarität geboten gewesen. so ist der twitteraufschrei nur ein feministisches strohfeuer, welches sich durch seinen ursprung der ernsthaftigkeit entzieht.
die ganze aufscheiaktion ist dermaßen egoistisch, unauthentisch und dämlich, dass es weh tut. fremdschämen inklusive.

Ich hatte zunächst per E-Mail an die ARD kritisiert, dass Jauch nur eine Frau unter 70 eingeladen hatte, und wie war auch noch von der FDP. So sah nämlich die Ankündigung im Videotext aus; dort war Frau Wizorek nicht erwähnt. Dieser Ankündigungslapsus ist trotzdem bezeichnend für die Seniorenorientierung der ARD und die Sendung war es dann auch. Ahnungslos, unser Geld nicht wert.

Merle Stöver ist nun 18 Jahre alt, sie ist eine “feministische Bloggerin” und will dem guten Onkel Jauch mal die Welt an und für sich und die Geschlechterrollen insbesonders erklären. Ja toll. 60.000 Tweets stehen nun für einen gesellschaftlichen Wandel. Auch toll. Wie viele Frauen haben getwittert? Wieviele Frauen haben trotz technischer Möglichkeiten nicht am #aufschrei teilgenommen?

Und: wie gemein von Jauch, dass er mehr Brüderle-Kritiker als -Verteidiger eingeladen hat. Empörend geradezu.

sexismus ist ein problem und logische konsequenz unserer patriarchalen gesellschaft. dennoch ist es meiner meinung nach taktisch unklug dies über in der mehrheitsgesellschaft als “triviale” zwischenfälle, denn als solche werden sie wahrgenommen, zu thematisieren. diese ganze debatte bietet mir als mann (selbst wenn ich wollte)leider keinen ansatztpunkt mich selbst zu hinterfragen, denn wie in den kommentaren unten steht, wird hier kritisiert, ohne jedoch konkreten handlungsvorschläge aufzuzeigen.

“…wird hier kritisiert, ohne jedoch konkreten Handlungsvorschläge aufzuzeigen….”

@Andi: Also wenn jemand zu einem Schwarzen: “Du stinkender Nigger, bist doch genetisch faul!”, sagt, muss ich ihm Handlungsvorschläge unterbreiten, wie er derartige Äußerungen in Zukunft vermeiden soll? Aber wahrscheinlich beruft er sich dann auf seine Meinungsfreiheit oder tut es als Flirt oder Kompliment ab.

Sind manche Männer wirklich so dumm, oder tun sie nur so?

[…] Schon seit längerer Zeit beabsichtige ich eigentlich einen Artikel zum Thema “Geschlecht und Sprachgebrauch” zu schreiben, aber wie das häufig so ist habe ich den einfach vor mir hergeschoben. Während ich mich also noch über mein Versäumnis und ob meiner offensichtlichen Faulheit ärgere wird Deutschland promt von einer Sexismusdebatte überrollt, die der Brüderle stilsicher mit einem Tritt ins Fettnäpfchen auslöste. Was folgte, war ein #aufschrei über Twitter, der die Sexismusdiskussion mitten in die Prime Time der öffentlich-rechtlichen ARD katapultierte. Ich gestehe, ich habe die Sendung nicht selbst gesehen, da ich sie einfach nicht ertragen kann, aber nach allem, was sich im Netz dazu findet, scheint sie nicht besonders gut gewesen zu sein. […]

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