Ein blaues Auge gegen häusliche Gewalt

Screenshot: youtube/McCann Düsseldorf
Screenshot: youtube/McCann Düsseldorf

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat sich zu einer fragwürdigen Aktion hinreißen lassen. Um über häusliche Gewalt aufzuklären, hat die Organisation in Berlin einen Schminkstand aufgebaut.

Dort wurde Frauen angeboten, sich kostenlos schminken zu lassen. Was diese nicht wussten: Das extra für die Aktion hergestellte Make Up “The Truth” sollte “nicht abdecken sondern aufdecken”: Den Frauen wurde ein blaues Auge gemalt. Damit wollte die Organisation auf die Misshandlung von Frauen durch ihre Lebenspartner aufmerksam machen. Auf der Verpackung selbst stand dann ein Info-Text zur Kampagne, sowie ein Spendenaufruf. Die Aktion wurde von der Agentur McCann Düsseldorf unterstützt.

Das Blog antiprodukt.de problematisiert, dass man ja nicht wissen könne, ob es sich bei einer teilnehmenden Frau “um eine Betroffene handeln könnte, die von so einer ‘Überraschung’ re-traumatisiert” würde:

“Die Aktion ist auch dann höchst verstörend, falls dieser Fall nicht eingetreten ist. (…) Unwissende Frauen als Betroffene maskieren und sie spontan mit etwas ‘konfrontieren’, das für viele Frauen sowohl persönlich als auch im näheren Umfeld Alltag ist, um dann um Spenden zu bitten, ist nicht okay. Wieso werden mal wieder keine Täter angesprochen? Um Frauen zu zeigen ‘Hey, hier, das kann dir jederzeit passieren, gar nicht so unwahrscheinlich’? Die Promotion macht was genau sichtbar? Häusliche Gewalt? Wohl kaum. Allerdings mal wieder die Feinsinnigkeit von Werbung.”

Das Blog ruft zur Beschwerde beim Deutschen Werberat auf. Hier das Kampagnenvideo:

(Gefunden bei Shehadistan via Facebook)

7 Kommentare

Gut gemeint ist halt das Gegenteil von Gut. Manchmal würde es helfen, wenn der Verstand vor dem Eifer einsetzen würde…..

Blinder plakativer Aktionismus kann manchmal ja sogar zielführend sein. In diesem Fall finde ich was ganz anderes offensichtlich problematisch:Neben einer pauschalen Haltung zu Opfertypus und Betroffenheitsattitüde wird – wie so oft bei dergestaltem Aktionismus – auf eine ziemlich aggressive Art und Weise Selbstbestimmungsrecht ignoriert. Das spiegelt übrigs auch ganz wunderbar den Blick auf den Gegenstand der Kritik:Was will man bei häuslicher Gewalt tun? Die Opfer gegen ihren Willen, ohne ihre Einsicht, ohne ihr Zutun ans Licht einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit zerren? DAS könnte so klappen.

ein “echtes”, durch Gewalteinwirkung entstandenes “Veilchen” sieht anders aus.
Das verändert sich, nebenbei gesagt, täglich in der Färbung. Die Make-up-Damen haben sich von schlechten B-Filmen inspirieren lassen.

Da ich in meinem Duisburger Vorort über Jahre hinweg zweimal die gleiche Frau mit so einer Zeichnung sehen konnte, (mußte) glaube ich, dass eine Trennung vom ehelichen Gewalttäter in Verbindung mit einer Strafanzeige, ein guter Ratschlag wäre. Jedenfalls ein besserer Rat, als zu jammern, und weiter mit dem gewaltbereiten Mann in einer Wohnung zu bleiben.
Welchen Grund gibt es für solche betroffenen Frauen eigentlich, wenn sie bei ihm bleiben? Ist der sonst ganz nett? Oder was?
Dann darf man (frau) sich auch nicht beklagen.

Ich denke, dass diese Aktion weder betroffene Frauen, noch gewalttätige Männer erreicht.

Hat man den Frauen wenigstens gesagt, daß man ihnen ein Veilchen schminken würde? Im Text habe ich dazu nichts gefunden.

Ich stelle mir gerade vor, ich komme da vorbei und jemand böte mir an, mich zu schminken. Da kann ich als Frau davon ausgehen, daß ich hinterher mindestens wie Angela Jolie oder Julia Roberts aussähe.

Und wenn ich dann fertig geschminkt bin, sehe ich, daß man mir ein Veilchen geschminkt hat. Ich neige ja nicht zu Gewalt, aber ich glaube, wenn das einer mit mir machen würde, liefe er oder sie Gefahr sich eine Watschn einzufangen.

Mit solchen Aktionen macht man sich in meinen Augen indirekt sogar noch lustig über die betroffenen Frauen.

It’s Marketing stupid…..

Schminkaktion von TERRE DES FEMMES zu Häuslicher Gewalt

The Truth- by TERRE DES FEMMES. Das erste Make–up, das aufdeckt und nicht abdeckt. Um den Menschen die Folgen Häuslicher Gewalt vor Augen zu führen und sie so für das Thema zu sensibilisieren, wurde mitten in einer Berliner Passage ein Make-up Stand aufgebaut, bei dem Frauen eingeladen wurden, sich kostenlos schminken zu lassen. Anstelle eines tollen Make-ups erhielten sie jedoch ein blau geschminktes Auge…

Häusliche Gewalt ist nach wie vor ein stark tabuisiertes Thema in Deutschland, obwohl die Zahlen von Betroffenen erschreckend hoch sind: Jede vierte Frau in Deutschland hat schon einmal in ihrem Leben Häusliche Gewalt erlebt. Für viele Frauen bleibt es leider nicht bei einem einmaligen Erlebnis, sondern manche von ihnen ertragen jahrelang die Gewalt ihres Partners. Im Schnitt dauert es sieben Jahre, bis es eine Frau schafft, sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen.

Trotz der hohen Betroffenheit in der Gesellschaft bleibt die Gewalt häufig im Verborgenen. Es gibt keine gesellschaftliche Debatte über die Ursache, die Zahlen und die Folgen von Gewalt, unter der im Endeffekt die gesamte Bevölkerung zu leiden hat.

Mit einer Schminkaktion in der Berliner Innenstadt hat TERRE DES FEMMES auf die hohe Betroffenheit bei Häuslicher Gewalt hingewiesen. Passantinnen wurden eingeladen, an einer besonderen Schminkaktion teilzunehmen. Die Gestaltung des Standes wies bereits eindeutig darauf hin, dass es sich hierbei nicht um die bloße Vermarktung eines Schminkproduktes handelte: Der komplette Stand war mit dem Namen TERRE DES FEMMES, mit dem Produkt “The Truth – das erste Make-up, das aufdeckt“, sowie mit aufklärenden Texten zur Organisation und zum Thema Häusliche Gewalt deklariert.

Den Frauen wurde ein blaues Auge geschminkt, was bei ihnen und ihren meist männlichen Begleitern zu Überraschung und Erstaunen geführt hat. Dieser Überraschungsmoment wurde von den Standfrauen genutzt, um auf das Thema Häusliche Gewalt aufmerksam zu machen. Die PassantInnen waren sehr interessiert und haben gerne die Informationen mit- und aufgenommen, auf denen u.a. auch die Telefonnummer der Beratungsstelle von TERRE DES FEMMES veröffentlicht war.

Eine Frau, die nach ihren eigenen Auskünften selber Häusliche Gewalt in ihrer Familie erlebt hat, war besonders angetan von dieser Aktion. Sie fand es bemerkenswert, wie stark die anderen PassantInnen zum Nachdenken über Häusliche Gewalt angeregt und das Thema öffentlich diskutiert wurde.

Die Schminkaktion wurde mit ausdrücklichem Einverständnis der DarstellerInnen auf Video aufgezeichnet und auf YouTube und Facebook verbreitet. Die vielen positiven, aber zum Teil auch sehr kritischen Reaktionen auf Facebook zeigen, dass diese Aktion bereits eins ihrer Ziele erreicht hat: darüber zu sprechen. Denn nichts ist schlimmer, als Häusliche Gewalt totzuschweigen und unter den Teppich zu kehren.

@TERRE DES FEMMES e.V.
den betroffenen Frauen hat ihre Aktion nicht geschadet, aber auch nicht geholfen. Das können allein sie selber, indem sie sich von ihren Männern trennen. Geheimnisvollerweise tun sie das aber erst nach Jahren.
Strafanzeigen gegen den Mann werden darum auch immer wieder zurückgezogen, weil diese Frauen nach einigen Tagen wieder anders über den Mann, der sie geschlagen hat, denken.
Manchmal ändern sie ihre Meinung aber sogar spontan, nämlich wenn ihr jemand von außerhalb beistehen will, ihr also gegen den Mann, Freund helfen will. Der hat es schnell nicht nur mit dem gewalttätigen Mann, sondern auch noch mit der Frau selbst zu tun, die plötzlich solidarisch mit ihrem Peiniger wird . Habe ich persönlich beobachtet.
Dabei ändern sich solche Männer nicht. Selbst dann nicht, wenn sie das versprechen.
Die öffentliche Anteilnahme ist übrigens immer sehr hoch. Man spricht darüber, denn so ein Veilchen ist auffällig. Da bedarf es nicht Ihrer Aktion.
Aber wie ich schon eingangs sagte, schadet die auch nicht.

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