Update: Polizei nimmt NSU-Terrorhelfer fest!

Update: Die Polizei hat heute einen Terrorhelfer der NSU in Düsseldorf festgenommen. Über den haben wir schon in der vergangenen Woche berichtet:

 

Wie das WAZ-Rechercheblog gestern veröffentlichte, hielt der heute in Düsseldorf lebende Carsten S. bis 2000 engen Kontakt zu der NSU-Terroristen in Thüringen. Heute arbeitet der angebliche Aussteiger aus der Nazi-Szene, der nichts dazu beigetragen hat die Nazi-Terroristen zu fassen, bei der AIDS-Hilfe in Düsseldorf.

Nach dem WAZ-Bericht war Carsten S. nicht irgendein kleines Licht der Thüringer Naziszene, sondern einer der führenden Aktivisten:

Nach Angaben des Verfassungsschutzes war Carsten S. zusammen mit dem bereits im November inhaftierten Ralf Wohlleben zumindest in den Jahren 1999 und 2000 „maßgebliche Kontaktperson“ der untergetauchten NSU-Mitglieder. Zudem soll Carsten S. die Terroristen mit Geld versorgt und nach einem Unterschlupf gesucht haben.

Der Verfassungsschutz lässt offen, ob S. einer der Unterstützer der NSU bei den Anschlägen in NRW war, aber klar ist: Sie brauchten bei dem Mord in Dortmund und bei den Bombenanschlägen in Düsseldorf in Köln Hilfe. Aber eines ist klar: Carsten S. ist wohl aus der Naziszene ausgestiegen, hat aber auch danach nichts dazu getan, dass die Terrorzelle aufflog. Er studierte an der FH Düsseldorf, wollte Schwulenreferent des AStAs werden und arbeitet heute nach Informationen die diesem Blog vorliegen bei der AIDS-Hilfe in Düsseldorf. Dort berät  er Homosexuelle in Gesundheitsfragen und verteilt auf Parties Cruising-Packs.

S. angeblicher Ausstieg war in Düsseldorf bereits 2004 Thema. Das Magazin Terz schrieb damals in seiner Juli/August-Ausgabe:

Ein weiterer lokaler Fall ist der aus Jena nach Düsseldorf zugezogene FH-Student der Sozial- und Kulturwissenschaften Carsten S.. Bis ungefähr Ende 2000 war dieser einer der führenden Aktivisten und Funktionäre der Neonazi-Szene in Thüringen, insbesondere im Raum Jena. Er brachte es bis zum NPD-Kreisvorsitzenden, stellvertretenden JN-Landesvorsitzenden, “Landesbeauftragten der JN-Bundesführung”, sogar kurzzeitig in den JN-Bundesvorstand. Er dürfte zu den wichtigsten Organisatoren und Koordinatoren der damaligen Thüringer Neonazi-Szene gehört haben, war auch für Schulungen des Nachwuchses und als “Versammlungsleiter” für Aufmärsche zuständig.
Heute ist S. nach Angaben des Antifa-Arbeitskreises an der FH Düsseldorf im gemeinsamen Schwulenreferat an der FH Düsseldorf und Heinrich-Heine-Universität aktiv, wurde sogar kürzlich auf der Schwulen-Vollversammlung zum Schwulen-Referenten (FH) gewählt. Eine derartige Wahl führt aufgrund des autonomen Status des Schwulenreferates grundsätzlich zur Bestätigung durch das StudentInnenparlament und damit zu einer stimmberechtigten Mitgliedschaft im AStA der Fachhochschule. Eine Auseinandersetzung über seine politische Vergangenheit fand indes bis zu seiner Wahl nicht statt, die Schwulen-Vollversammlung war von S. schlichtweg im Unklaren gelassen worden.

Die Düsseldorfer Antifa hat heute in einer Pressemitteilung Aufklärung über die Verstrickungen von S. gefordert und Fragen formuliert:

Hat S. tatsächlich als Kontaktmann zum NSU fungiert? Wenn ja, wie sah diese Unterstützung konkret aus, wer war noch involviert?

War es S. bekannt oder hatte er Hinweise darauf, wer hinter der Mord- und Anschlagsserie steckte, die laut vorliegenden Erkenntnissen mit dem Mord an Enver Simsek am 9. September 2000 in Nürnberg und dem Bombenanschlag am 19. Januar 2001 in Köln begann? Besteht vielleicht sogar ein Zusammenhang zwischen diesen Anschlägen und seinem Ausstieg?

Hat S. Informationen oder Hinweise bezüglich der abgetauchten Neonazis und der Anschläge weitergegeben, um weitere Anschläge zu verhindern? Wenn ja, wann und an wen?

Lena Hönscheid, Sprecherin der “Antifaschistischen Linken Düsseldorf”: “Die Öffentlichkeit und insbesondere die Angehörigen und FreundInnen der Opfer haben ein Recht darauf zu erfahren, was geschehen ist. S. muss Verantwortung übernehmen für das, was er mit angerichtet oder aber nicht verhindert hat.”

13 Kommentare

Als Verschwörungstheoretiker würde ich jetzt mutmaßen, dass der Herr möglicherweise gar kein V-Mann (Verbindungsmann) bei den Nazis war sondern dort als verdeckter Ermittler oder gar Agent Provocateur à la Peter Urbach tätig gewesen sein könnte. Als Asta-Schwulenreferent hätte er dann bei der “antifaschistischen Linken” weiterschnüffeln können.

Klar, klingt ziemlich spinnert aber:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741826,00.html

http://www.taz.de/Verdeckter-Ermittler-vom-LKA/!63275/

http://linksunten.indymedia.org/node/30691

Disclaimer:

Wegen des letzten Links muss ich wohl anmerken, dass ich auf diesen Link über eine Google-Suche gestoßen bin. Ich habe nicht geprüft, wer auf dieser Seite schreibt, wer dort was publiziert, wer dort interviewt worden ist und welche Meinungen, Verschwörungstheorien etc. dort möglicherweise verbreitet werden. Gleichwohl distanziere ich mich vorsorglich von sämtlichen möglicherweise rassistischen, linksradikalen, rechtsradikalen, frauenfeindlichen, homophoben, antisemitischen, antikapitalistischen, antiimperialistischen, antikirchlichen, radikalklerikalen oder in anderer Weise suspekten Aussagen, die auf dieser Webseite in der Vergangenheit verbreitet wurden, derzeit verbreitet werden oder in Zukunft verbreitet werden könnten.

Mutmaßungen anzustellen ist keine Kunst. Es wäre ja auch zu einfach, wenn dieser Carsten S. eventuell “lediglich” seine politische Verwirrung eingesehen und sich dann vom Pfad der Untugend abgewendet hat.

Und jetzt, mit jahrelanger Verspätung, kommen sie alle aus ihren Löchern, die Antifanten – vielleicht zu Recht, vielleicht aber auch zu Unrecht. Und warum soll er auch zur Aufklärung etwas beitragen – eventuell hat er nichts gesagt aus Angst um Leib und Leben? Als Aussteiger wird einem von den alten Kameraden mit Sicherheit das Leben nicht gerade leicht gemacht. Zumal als dann bekennender Schwulenaktivist.

Ich mutmaße nun ganz offensichtlich auch, aber angedeutete und pauschale Vorverurteilungs-Vermutungen gehen mir einfach gegen den Strich 😉

Stimme Falkin zu, denn wenn man den Links folgt kommt man zu dem Schluss: nix genaues weiß man nicht – und so lange das so ist, sollte man dem Rat Dieter Nuhrs folgen.

Ich bin um jeden froh, der den den Ausstieg schafft, denn das ist aus zahlreichen Gründen alles andere als einfach.

Was wird uns denn hier wieder für ein Affentheater aufgeführt?

Der Herr S. war, wenn ich es richtig gerechnet habe, als er in Thüringen ausstieg, 19 Jahre alt. Das ist 12 Jahre her. Jetzt geht er einer geregelten Arbeit nach und hatte vor seiner Verhaftung bereits einen Anwalt beauftragt.

Dass man da direkt mit der GSG 9 anrückt, erscheint mir doch sehr unverhältnismäßig.

@68er: Die Staatsanwaltschaft geht davon aus dass er bis 2003 aktiv war und den NSU-Leuten Waffen besorgt hat. Zudem hat er ja wohl nichts zur Aufklärung der Straftaten beigetragen. Vielleicht könnten ja mehrere Menschen noch leben, wenn er sich anders verhalten hätte. Der Polizeieinsatz geht in Ordnung.

Der S. hat gelogen. Deswegen haben die den festgenommen.

Er hat gesagt, er ist 2000 raus. Hatte aber bis 2003 Kontakte.

2003 ist der nach Hürth bei Köln gezogen.

2004 gab es den Anschlag in Köln.

Ich glaube S. kein Wort.

@ 68er
Ob das nun 1, 2, 12 oder sonstwieviele Jahre her ist, ist irrelevant. Sollte er eine Waffe und Muntion beschafft haben, besteht zumindest der Verdacht der Beihilfe zum Mord, und die verjährt meines Wissens nach genausowenig wie der Mord selbst. Und was die GSG9 angeht… wenn ich es richtig mitbekommen habe, dann bedient sich die Bundesanwaltschaft bei solchen Aktionen immer der GSG9, ein normaler Vorgang.

Wenn man mal bei Herrn Leyendecker, der offenbar beste Kontakte zu unseren Sicherheitsbehörden hat, nachliest, gibt es bisher keinerlei konkrete Hinweise darauf, dass Herr S. Waffen an die NSU geliefert hat. In der Geschichte über die Übergabe einer Waffe an Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos , die in der SZ erzählt wird, taucht Herr S. gar nicht auf. Vielmehr wurde eine Waffe von Ralf Wohlleben an Holger G. übergeben, der sie nach Jena brachte.

http://www.sueddeutsche.de/politik/gsg-verhaftet-frueheren-npd-funktionaer-eingeholt-von-der-braunen-vergangenheit-1.1273221-2

Wieso Holger G. erzählt, er habe die Waffe nach Jena gebracht, ist mir absolut schleierhaft. Was hat er davon, dass er sich ohne Not selbst belastet?

Interessant ist doch, wie bereitwillig die Herren alle aussagen. Wenn alle geschwiegen hätten wie Frau Zschäpe und wie man es bei richtigen Nazis eigentlich hätte erwarten können, wäre es mit den Fahndungserfolgen so schnell wohl nichts geworden. Und dass man mit kollektiven Schweigen ziemlich weit kommen kann, haben die Ex-RAF-Terroristen im Buback-Prozess jüngst eindrücklich vorgemacht. Im diesem Prozess erhielt man aber auch eine Ahnung, dass es auch von Nutzen zu skönnte, als Terrorist mit den Diensten und der Bundesanwaltschaft zusammenzuarbeiten. Denn letztlich scheint es den Bundesanwälten und Schlapphüten egal zu sein, wer für welchen Mord eingesperrt wird und wer nicht. Hauptsache alle Uneinsichtigen, die nicht mit ihnen zusammenarbeiten, werden lange eingesperrt. Der Rest darf später ruhig wieder als Anwalt arbeiten, Gemüsezüchten oder als Heilpraktikerin in Frührente auf Safari nach Afrika gehen.

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