Duisburgs guter Ruf

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In den vergangenen Jahren sind tausende Roma aus Rumänien und Bulgarien nach Duisburg gekommen. Ihre Integration stößt an die Grenze des für Duisburg leistbaren – die Stadt braucht Hilfe.

Duisburg hat einen guten Ruf – zumindest in Bulgarien und Rumänien: „Viele Roma, die in den vergangenen Jahren nach Duisburg kamen, haben gehört, dass die Stadt ein wichtiges Industriezentrum sei und es hier Arbeit gäbe“, sagt Heiner Augustin, Pfarrer in Duisburg-Rheinhausen. Mit den Problemen der Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien beschäftigt sich Augustin seit Jahren. Bevor er die Pfarrei in Rhein- hausen übernahm, arbeitete er in Hochfeld, dem anderen Stadtteil Duisburgs, in dem viele Roma in den vergangenen Jahren untergekommen sind. Unter den geschätzten 5.000 Zuwanderern, seien zahlreiche Opfer der europäischen Wirtschaftskrise: „Viele der Roma in Duisburg haben früher auf dem Bau in Groß Britannien gearbeitet oder in der Gastronomie in Spanien. Als es mit der Wirtschaft bergab ging, wurden sie als erste rausgeworfen.“ Und zogen weiter nach Duisburg, der vermeintlichen Wirtschaftswunderstadt mit den vielen, freien Wohnungen.

Dass Duisburg eine der ärmsten Städte Deutschlands ist, geprägt von hoher Arbeitslosigkeit und einem seit Jahrzehnten maroden städtischen Haushalt, war nur den wenigsten der Duisburger Neubürger klar.

Ihre Integration stellt die Stadt Duisburg vor Probleme. Schon 2012 beschloss der Rat ein Handlungskonzept zur Integration, das über die wirtschaftlichen Möglichkeiten Duisburgs deutlich hinaus ging: 18 Millionen, davon 13 Millionen für Gesundheitsfürsorge, und die Versorgung mit angemessenem Wohnraum – zu viel für Duisburg, sagt Sören Link (SPD), der Oberbürgermeister: „Aufgrund der Haushaltslage können diese „freiwilligen“, nicht gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben in diesen beiden Kernbereichen nicht finanziert werden. Aus diesem Grund wirkt Duisburg als unmittelbar betroffene Kommune bei der Bund-Länder-AG mit und fordert pragmatische Fondslösungen zu diesem Zweck.“

Die Stadt habe zusätzlich eine Million Euro bereit gestellt, um Empfehlungen aus dem Handlungskonzept umzusetzen. Dazu gehören Maßnahmen der Elternbildung, Sprachförderung, Impfaktionen, Deutschkurse und der Ausbau der interkulturellen Beratung. Link: „Die Gesundheit der zugezogenen Kinder ist der Stadt wichtig. Deshalb hat das Gesundheitsamt in großflächigen Aktionen mit der Impfung der Kinder begonnen.“

Das Land NRW hat Duisburg zusätzlich sieben Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Viel Geld, aber kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Und die Zeit drängt: In den vergangenen Wochen eskalierte die Situation. Der seit Monaten schwelende Konflikt um die vor allem von Roma bewohnte Anlage „In den Peschen 2-5“ brach offen aus. Auf einer Facebook-Seite wurden die Bewohner mit dem Tode bedroht, Forderungen wie „Zündet das haus einfach an und ruhe ist fertig“, „ne riesen bombe rein und fertig“ und „Napalm rein Auf Wiedersehen“ (Fehler im Original) machten die Runde. Der Staatsschutz nahm daraufhin die Ermittlungen auf, und junge Leute aus Duisburg und Umgebung begannen Nachtwachen zu organisieren, als eine in der Anlage tätige Sozialarbeiterin um Hilfe bat. Sie hatten Angst, dass der Hetze Taten folgen würden.

Diejenigen, die an den Nachtwachen teilnahmen, trafen auf Menschen aus einem völlig überbelegten Haus, die Angst hatten. Eine Teilnehmerin: „Wir haben immer das Gespräch mit den Bewohnern gesucht, was fast nur über Dolmetscher lief, und wurden freundlich aufgenommen.“ Ziel der Nachtwache sei es nie gewesen, das Haus dauerhaft zu sichern, sondern dass die Polizei diese Aufgabe übernimmt.

Über 1000 Menschen wohnen in den rot verklinkerten Häusern. Die Überbelegung, die Enge führt zu Problemen und einige Kriminelle unter den Bewohner tragen zu einem Ruf der Anlage bei, unter dem alle zu leiden haben. Auch die frommen Pfingstgemeindler unter den Roma, die weder trinken noch Drogen nehmen und sich allein schon aus religiösen Gründen strikt an alle Gesetze halten.

Pfarrer Augustin: „Die halten sich strikt an die zehn Gebote.“

In den letzten Monaten hätte sich zudem das Verhältnis zu den Nachbarn entspannt: „Natürlich haben sich viele über den Lärm und den Dreck beschwert. Lange Zeit gab es viel zu wenige Mülltonnen für die vielen Menschen, aber wenn es darauf ankam, wenn irgendwo ein Wasserrohrbruch war, hat man sich in der Nachbarschaft geholfen.“ Über ein Ferienprojekt im Jugendzentrum Komma seien sich die Kinder näher gekommen und hätten festgestellt, dass sich ihre „Wünsche und Träume eigentlich nicht unterscheiden.“

Als Belastung wurden die vielen Zuwanderer trotzdem gesehen. Ein Grund für Rolf Karling vom Verein „Bürger helfen Bürger“ am vorletzten Freitag eine Bürgerversammlung zu organisieren. Karlins Verein betreibt eine Sozialstaation in Rheinhausen. Türken, Roma, Deutsche – viele kommen in das Ladenlokal des Vereins, um ein warmes Mittagsessen zu erhalten, Lebensmittelspenden abzuholen oder einfach nur einen Kaffee zusammen zu trinken. „Ich wollte“, sagt Karlin, „nachdem der Zoff im Internet hochkochte, den Bürgern eine Chance geben, sich zu äußern.“ Rassistisch sei es nicht gewesen, was die Nachbarn der Häuser gesagt hätten, aber sie hätten sich aufgeregt: „Über gestohlene Fahrräder, den Dreck, die Menschen haben über ihre Sorgen gesprochen.“

Hinterher sei es zu einem Überfall von linken Jugendlichen auf Teilnehmer der Veranstaltung gekommen. „Ich habe selbst gesehen, wie die Knüppel aus dem Kofferraum von Autos geholt haben.“ Nazis seien nicht auf der Bürgerversammlung gewesen, nur ein NPD-Mann, und der habe nichts gesagt.

Andere, wie Werner Wirtgen aus dem Kreisvorstand der Duisburger Linken, berichten davon, dass es keinen Überfall von linken Jugendliche gegeben haben kann. In einem Augenzeugenbericht, der dieser Zeitung vorliegt, schreibt Wirtgen: „Als ich auf dem Nachhauseweg an dem Kiosk vorbeikam, wurde der vor mir gehende junge Mann mit kurzgeschorenem Kopf mit “Für Deutschland” begrüßt. Der Vorfall war an einem nahegelegenen Kiosk. Als ich nach dem Ende der Bürgerversammlung dort ankam, wurde ich plötzlich von zwei  aggressiven jungen Männern angegriffen.“

Die Polizei geht von einem Angriff linker Jugendlicher aus und ermittelt gegen zwei Personen wegen Landfriedensbruch.

Im Rahmen ihrer Ermittlungen stürmte die Polizei dann noch die Wohnanlage In den Peschen. Ein Zeuge habe unter den sich in der Nähe des Hauses stehenden Mitgliedern der Nachtwache Teilnehmer der Schlägerei nach der Bürgerversammlung erkannt und die seien in das Haus gestürmt, teilte die Polizei mit.

Hanim Gül bestreitet die Darstellung der Polizei. Sie war bei den Nachtwachen dabei und kümmert sich ehrenamtlich um die Betreuung von Roma Kindern. Die Polizei sei an den Mitgliedern der Nachtwache vorbei gefahren und direkt in das Haus gestürmt.

Dort kam  es zu einem weiteren Zwischenfall: Zwei Roma attackierten die Beamten, es kam zu Festnahmen. Ein Roma sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft.

„Die Roma im Haus“, sagt ein Mitglied der Nachtwache, „hatten Angst vor einem Angriff der Nazis. Die Situation sei angespannt gewesen, Gerüchte über eine bevorstehende Nazi-Attacke hatten die Runde gemacht.

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Am Donnerstag war dann die Sorge groß, dass es erneut zu Auseinandersetzungen kommen würde, als die rechte Splitterpartei „Pro Deutschland“ nur wenige hundert Meter von dem Haus entfernt mit knapp 20 Mitgliedern eine Kundgebung abhielt. Po Deutschland- Bundesgeschäftsführer Lars Seidensticker forderte unter anderem verbindlichen Musikunterricht für Roma-Kinder, denn „solange sie ein Instrument spielen, können sie nicht mit Kot werfen.“ Und versprach, wenn er Innensenator Berlins wäre, für schnelle Abschiebungen zu sorgen. Die Chancen Seidenstickers, ein solche Amt jemals zu erhalten, sind indes gering. Bei der letzten Wahl in Berlin kam seine Partei auf knapp über ein Prozent der Stimmen.

Die knapp 900 Gegendemonstranten, darunter NRW-Innenminister Jäger und Duisburgs OB Link, protestierten laut und friedlich gegen die Rechtspopulisten. Den Gefallen, durch Ausschreitungen dieser Partei Schlagzeilen zu bescheren, tat Pro Deutschland an diesem Tag niemand.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Welt am Sonntag.

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