Duisburg-Wahl: Jobs, Jobs, Jobs und Sicherheit

Duisburgs OB-Kandidaten


Am 24. September wählen die Duisburger nicht nur den neuen Bundestag. Sie stimmen auch über ein Einkaufszentrum ab und wählen einen Oberbürgermeister.

Sollen auf dem alten Güterbahnhofgelände Wohnhäuser entstehen, schicke Bürogebäude oder sich gar Hightech-Unternehmen ansiedeln? Irgendwann reicht es Sören Link (SPD) dem Duisburger Oberbürgermeister. Sicht- und hörbar genervt bringt er seine Mitbewerber und die mehreren Hundert Bürger, die sich am Dienstag in der Liebfrauenkirche versammelt haben, um über die Ansiedlung eines Designer-Outlet-Centers (DOC) auf der Fläche am Rand der Innenstadt zu reden, auf den Boden der Tatsachen zurück „Das Gelände gehört Herrn Krieger, und der will dort ein Outlet-Center errichten. Und er hat klar gesagt, dass er die Fläche brachliegen lässt, wenn er das Center nicht bauen kann.“ Duisburg könne gerne Ideen entwickeln, was man auf dem Gelände alles machen könne und auch das DOC könnten Bürger und Stadt verhindern. „Aber wir können ihn nicht zwingen, dort etwas zu bauen, was er nicht will.“

Wieder einmal geht es in Duisburg um den ehemaligen Güterbahnhof. Keine andere Fläche bewegt die Stadt so sehr – und das seit über 20 Jahren. Es ist eine Fläche, an der sich die Schicksale von Politikern entschieden: Die SPD-Oberbürgermeisterin Bärbel Zieling verlor 2004 gegen den CDU-Kandidaten Adolf Sauerland. Sauerland war gegen das Einkaufszentrum Multicasa, das Zieling auf dem Gelände errichten lassen wollte. Sauerland versuchte später, auf der Fläche einen Plan des britischen Star-Architekten Sir Norman Foster umzusetzen: Hochwertiges Wohnbebauung, Büros, Parks, etwas Einzelhandel. Die Bahn-Tochter Aurelis gab nach anfänglicher Euphorie schnell die Vermarktung auf und verkaufte das Gelände an den Möbelhändler Kurt Krieger. Dessen Pläne, dort ein Möbelhaus zu errichten, nannte Foster einen Alptraum. Bevor der Bau losgehen sollte, ließ Krieger es auf Bitten der Stadt zu, dass dort 2010 die Loveparade stattfand. Die Katastrophe mit 22 Toten und Hunderten Verletzten, dessen juristische Aufarbeitung noch immer nicht begonnen hat, kostete Sauerland das Amt: Im März 2012 wurde er abgewählt, im Juni gewann sein Nachfolger Sören Link (SPD) die OB-Wahl.

Nun spalten die Pläne Kriegers erneut die Stadt. Nachdem er, im Streit mit der Verwaltung, kein Möbelhaus mehr bauen will, hat er einen neuen Plan: Der spanische Designer Outlet-Betreiber Neinver soll auf einem Teil der Fläche zwischen 150 und 180 Läden mit heruntergesetzter Mode sowie zahlreiche Gastronomiebetriebe bauen. Alles, so verspricht es ein Werbevideo, im Industriearchitektur-Stil mit viel Backstein und patinös wirkendem Stahl. 1500 Jobs sollen hier entstehen, zwei Drittel davon sozialversicherungspflichtig.

Sebastian Sommer, Geschäftsführer von Neinver Deutschland, sagt auf einer Veranstaltung im Katholischen Bildungswerk, es ginge nicht mehr darum, ob eine Outlet-Center komme: „Die einzige Frage ist, kommt es nach Duisburg oder entstehen andere Center in der Umgebung eher?“ Sommer versprach, mit den Einzelhändlern in der Stadt zu kooperieren. Auch die würden von den 14 Millionen Besuchern, die das Center aus ganz Deutschland und Europa anziehen will, profitieren. Immerhin würde im Schnitt jeder zehnte Outlet-Kunde in die Innenstadt gehen. Krieger wirbt mit einer Kampagne für die Zustimmung zu dem Neinver-Projekt.
Lars Hoffmann, Inhaber eines Geschäfts für Elektrotechnik in der Innenstadt, gehört zu den Gegnern des DOC. „So ein Center wird den Einzelhandel in Duisburg weiter belasten. Schon dass wir seit fast 20 Jahren immer wieder über den Bau irgendeines großen Centers sprechen, sorgt dafür, dass Einzelhändler aus Unsicherheit nicht mehr investieren oder gleich einen Bogen um Duisburg machen.“ Auch dass die Bürger am kommenden Sonntag nicht über den Bau des DOCs abstimmen, sondern nur darüber, dass die Stadt ein Bauplanungsverfahren einleitet, beruhigt ihn nicht: „Ein solches Verfahren wird sieben bis zwölf Jahre dauern. Das bedeutet nur, dass die Blockade weitergeht.“

OB Sören Link sieht das anders. In der Liebfrauenkirche erwähnt er die Innenstadt kaum. Jobs und Steuereinnahmen für die Stadt sind seine Argumente. Nach einer Umfrage der WAZ folgen ihm 46 Prozent der Duisburger nicht, nur 35 Prozent sind für das DOC. Doch auf die Mehrheit kommt es gar nicht an: 37.000 Duisburger müssen gegen den Ratsbeschluss stimmen, der sich für eine weitere Planung des DOCs ausgesprochen hat. Viel hängt also davon ab, welche Seite ihre Anhänger an die Wahlurne bekommt. Eindeutiger fällt eine Umfrage der Uni-Duisburg Essen zur OB-Wahl aus: 38,5 Prozent wollen Link wählen, der Abstand zu seinem Hauptkonkurrenten Gerhard Meyer, dem Kandidaten von CDU, Grüne, Junges Duisburg und Bürgerlich Liberale, der nur auf zehn Prozent kommt, ist gewaltig. Auch wenn Links Vorsprung zum Teil auf Meyers Schwäche zurückzuführen ist, einem Kandidaten, der sympathisch ist und dem man schnell bereit ist recht zu geben, auch wenn es schwerfällt zu verstehen, wofür und wogegen er überhaupt ist, weiß der amtierende OB mit klassischer sozialdemokratischer Politik zu punkten. Bei einer Podiumsdiskussion beim Alevitischen Kulturverein in Marxloh am vergangenen Sonntag sprechen sich alle Kandidaten für mehr Jobs und den Erhalt der Stahlarbeitsplätze aus, doch Link wird am konkretesten. Noch mehr Gewerbeflächen müssten ausgewiesen werden, um Unternehmen in die Stadt zu ziehen. Als die Diskussion darauf kommt, dass nur weniger Schüler mit Migrationshintergrund die Aufnahmeprüfungen für eine Ausbildung in der Stadtverwaltung schaffen, ist Link im Gegensatz zu Erkan Kocalar, dem Oberbürgermeisterkandidaten der Linkspartei, nicht dafür, etwas an den Aufnahmeregeln der Stadt zu ändern. „Das große Problem sind die Deutschkenntnisse. Da müssen wir schon in der Schule ran und den Jugendlichen sagen: Wir freuen uns, wenn du bei der Stadt arbeiten möchtest, aber dafür musst du die deutsche Sprache sehr gut beherrschen.“ Auch dass die Stadtverwaltung unter Link mit einer Task-Force heruntergekommen Häuser räumen lässt und hart gegen Sinti und Roma vorgeht, kommt in Marxloh bei den Aleviten an. Jobs, Jobs, Jobs und Sicherheit und Ordnung sind Links Credos. Er scheint aus einer längst vergangenen sozialdemokratischen Ära zu stammen. Vermeintlich weiche Themen wie Kultur, Umwelt oder Integration spricht er, im Gegensatz zum Linken Kocalar, kaum an, der wie alle anderen Kandidaten außer Meyer und Link in der Uni-Umfrage nicht über 1,5 Prozent kommt. Bei den Aleviten, sagt Link, sein bundesweit kritisierter Satz, er hätte gerne mehr Syrer und weniger Osteuropäer in der Stadt, sei falsch formuliert gewesen: „Aber Tatsache ist: Wir haben in Duisburg kein Problem mit Asylbewerbern und bei der Integration der Osteuropäer, macht sich die Bundesregierung eine schlanken Fuß und hilft uns kaum.“ In dem Stadtteil mit den meisten Ekelhäusern, bekommt er dafür Applaus. „Du hättest früher anfangen sollen, die Ekelhäuser zu räumen“, raunt ein Alevit halblaut in den Raum hinein. Jobs, Jobs, Jobs und Sicherheit und Ordnung könnten Links Erfolgsrezept werden. Und vielleicht auch eines der SPD außerhalb Duisburgs.

Der Text erschien in einer anderen Version bereits in der Welt am Sonntag

2 Kommentare

Inwieweit das DOC für die Innenstadt förderlich sein wird, kann man mit Blick auf das benachbarte Oberhausen sehen. Dort gibt es ein großes Einkaufscenter (Centro) und eine zunehmende Zahl von Billigläden in der Innenstadt. Warum sollte die Entwicklung in Duisburg anders laufen?
Daß der Amtsinhaber OB Link während einer Podiumsdiskussion besser mit Zahlen und Fakten ausgerüstet ist, als seine Konkurrenten, geschenkt. Aber er ist ja 5 Jahre im Amt, und manche Idee hätte in dieser Zeit umgesetzt werden können. Aber außer daß er gerne vor Medienvertrern Currywurst ißt, oder Toilettenanlagen besichtigt, krieg ich nicht viel von seinem Elan mit. Zur Zeit sind wichtige Brücken in Duisburg dringend reparaturbedürftig. Ganz plötzlich, ohne Vorankündigung. Das sind wichtige Themen. Und wer sagt denn , daß all die erwarteten Kunden überhaupt das DOC erreichen können? Auch dahin wird es Brücken auf der Anfahrtsstrecke geben. Sind die alle ok? Ich nehme Herrn Link jedenfalls nicht ab, daß er der Macher ist, als den er sich präsentiert, sondern beobachte, daß er lieber echte Probleme unter den Mantel kehrt und "heile Welt" spielt. Übrigens esse ich auch oft Currywurst, nur lade ich dazu nicht die lokale Presse ein.
Mir ist das einen Touch zu populistisch.
Was die "Schwäche" seiner Gegenkandidaten betrifft, läßt die sich zum Teil auch mit dem kurzfristig vorgezogenen Wahltermin erklären. Es ist nämlich schwierig Kandidaten innerhalb weniger Wochen, zudem in der Ferienzeit bekannt zu machen. Da zählt der Amtsbonus doppelt. Und Link hatte diesen vorzeitigen Wahltermin selber festgelegt. Das Argument war ja, daß die Zusammenlegung mit der Bundestagswahl Kosten sparen würde. Das klappt bei der Zustellung der Briefwahlunterlagen aber nicht. Da kommt für jede Abstimmung ein eigener Brief. Es gibt in Duisburf drei Abstimmungen. BT-Wahl, OB-Wahl und Bürgerentscheid zum DOC. Auch bei den Wahlplakaten sehe ich keinen Willen zum Sparen. Einzig die Stimmauszählung könnte billiger werden, wobei für die OB-Wahl vermutlich sowieso ein zweiter Wahlgang nötig sein wird. Also zählt aus meiner Sicht das Sparargument nicht so richtig. Aber der Vorteil des Amtsinhabers ist dadurch recht groß.

"Jobs, Jobs, Jobs und Sicherheit" klingt gut. Nur wie soll das konkret realisiert werden?

In den letzten 5 Jahren ist nicht viel passiert, jetzt wird die Stahl-Fusion kommen und der Rhein wird auch immer öfter zum unüberbrückbaren Hindernis.

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