Duisburg: Traumzeit kein überflüssiger Kropf

Das Duisburger Festival Traumzeit fällt in diesem Jahr aus – und wird vielleicht nie mehr stattfinden. Geldmangel und die Unfähigkeit des Duisburger Kulturdezernenten Karl Jansen sind die Gründe für die Misere. In die Diskussion um das Festival schaltete sich nun auch Duisburgs ehemaliger Kulturdezernent Konrad Schilling ein. In einem Artikel in der WAZ nannte er die Traumzeit “unwichtig wie ein Kropf”.   Eine Replik von unserer Gastautorin  Luise Hoyer von der Initiative Traumzeitretter.

Sehr geehrter Herr Dr. Schilling!

Schön, wenn Menschen in der letzten Phase ihres Lebens zufrieden zurückblicken können und sich gar einiger Dinge rühmen, die sie geschafft oder geschaffen haben. Besser noch: Damals, in schwierigen Zeiten, geschafft haben. Noch besser: Damals, in ganz schwierigen Zeiten, mit ganz wenig Geld geschaffen haben. Ich gönne Ihnen, Herr Dr. Schilling, Ihren freundlichen Rückblick auf Erreichtes in Ihrem Leben von ganzem Herzen.

In der heutigen Duisburger Situation aber ausgerechnet das Traumzeit – Festival als Beispiel für die Verursachung zu hoher Kosten durch die Hinzuziehung von Agenturen und als unwichtig wie einen Kropf hinzustellen, zeugt erstens von einer sich selbst durch  Altersweisheit vermeintlich zustehenden Befugnis zu leicht abwertenden, wegwerfenden Handbewegungen – Dinge betreffend, die einen selbst nun nicht mehr befeuern – andererseits von einer Nichtinkenntnisnahme der momentanen Umstände.

Die DMG und das Festivalbüro mögen – die Erkenntnis ist seitens des Rechnungsprüfungsamtes geäußert worden – nicht die finanziell günstigste Form der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gewesen sein – daher: Ja, vielleicht selber, auf jeden Fall anders machen! Iststand ist jedoch, dass es derzeit noch nicht einmal mehr das Geld  gibt, das 2012 für die Traumzeit hätte zur Verfügung stehen können – warum auch immer. Wir sind also ganz konkret, lieber Herr Dr. Schilling, gerade in einer Situation, die durchaus mit der Ihrigen damals an Bescheidenheit der Mittel zu vergleichen ist, und das natürlich nicht nur, was die Kultur betrifft.

Die Traumzeit ist jedoch ein Festival, das mitnichten mit einer Mangelerkrankung, einer unangenehmen Schwellung am Hals verglichen werden kann – eher mit der blühenden Gesichtsfarbe einer im Inneren schon lange kränkelnden Stadt an einem guten Tag.

Und es gibt eine Initiative, die versucht, durch viel persönlichen Einsatz und auf der Suche nach neuen Möglichkeiten dieses Stück europaweit anerkannter, „gesichtgebender“  Duisburger Kultur zu erhalten.

Wir versuchen, es Ihnen gleich zu tun, Herr Dr. Schilling, in schlechten Zeiten mit wenig Geld – dafür mit neuen Ideen und Vernetzungen –  trotzdem Kultur zu schaffen. In Ihren Augen mag die Vorliebe für die Traumzeit als „persönliches Steckenpferd“ gelten – jedoch wird aus Ihren eigenen Äußerungen klar, dass auch Sie damals Vorlieben hatten, Ideen und Konzepte toll fanden. Noch jetzt spürt man Ihren Stolz auf die „DDR – Akzente“ oder das Festival rund um die jüdische Kultur, für deren Gelingen Sie sich ähnlich eingesetzt haben werden, wie andere das jetzt für die Traumzeit tun. Und übrigens – die Traumzeit kooperiert mit dem Goethe – Institut und dem NRW Kultursekretariat, siehe Myanmar – Schwerpunkt.

Ich persönlich lehne es ab, einer Meinungsmache zu folgen, die darauf abzielt, unterschiedliche Interessen innerhalb einer Stadtgesellschaft gegeneinander auszuspielen. Ich möchte nicht, dass Schulkinder ohne Mittagessen und Fahrschein dastehen, dass soziale Dienste reduziert werden, aber auch nicht, dass Kindertheater oder Oper geschlossen werden und Festivals verschwinden.

Sicher haben auch Sie damals – als „die Mittel bescheidener waren“, keinem Obdachlosen die Decke weggerissen. Trotzdem haben Sie sich – und das mit einigem Erfolg – für die Kultur eingesetzt und Einiges erreicht für Duisburg.

Nichts anderes möchten wir versuchen: Auf Protzerei und Verschwendung möge verzichtet werden, die Fantasie möge in die Verwaltung wieder Einzug halten und die Satthälse (Satthals –alte Bezeichnung für Kropf) dieser Stadt, die in der Vergangenheit viel in den Sand gesetzt und viel damit verdient haben, mögen durch interessierte, fähige Menschen ersetzt werden. Vielleicht sogar in Teilen der Duisburger Printmedien, deren stets eindimensionale Berichterstattung im kulturellen Bereich NRW-weit legendären Status anzunehmen beginnt.

Herr Dr. Schilling, ich sehe Ähnlichkeiten. Sie da in Ihrem „Unruhestand“ – wir hier in kultureller Unruhe. Sie mit Ihrer Freude über das, was Sie damals geschafft haben, wir mit dem Willen, heute ebenfalls etwas zu bewirken. Tun Sie mehr für Duisburg als mit einer flüchtig in den Raum geworfenen medizinischen Fehldiagnose. Werden Sie Mitglied bei den Traumzeitrettern.

Luise Hoyer

Duisbürgerin, Traumzeitretter e.V.

3 Kommentare

Es ist doch immer das Selbe mit den Geschäftsmodellen. Hier der Exklusiv-Alleingroßveranstalter der “Traumzeit”, Höhnerbach.

Ich sehe in der kommunalen Bürgergesellschaft in Duisburg und in allen anderen Ruhrgebietskommunen nach wie vor ein riesiges Potential an personellen und finanziellen Ressourcen, die im Bereich Kultur/Kunst nicht hinreichend genutzt, von den Bürgerschaft nicht hinreichend eingebracht werden.

(Dazu gehört im kleinen, aber nicht unwichtigen z.B. auch, daß sich Persönlichkeiten wie Dr.Schilling bei den Traumzeitrettern engagieren könnten,engagieren sollten.)

In meiner kleinen Heimatstadt Waltrop, die neben Haltern über das höchste Pro-Kopfeinkommen im Kreis Recklinghausen verfügt (wohlhabende Bürger-arme Stadt?), gibt es immerhin eine Bürgerstiftung, die sich u.a. im Bereich Kultur/Kunst gelegentlich finanziell einbringt. Es gibt wie überall Lions und Rotaria, die sich engagieren ,und es gibt zahlreiche Bürger, die mit kleinen finanziellen Beiträge und viel persönlichem Engagment im Bereich Kultur/Kunst aktiv sind.

Ich bin Mitglied -im Vorstand-des Vereines Pro Kapelle.
Wir finanzieren unsere Veranstaltungen im Kulturforum Kapelle (www.kulturforum-kapelle-waltrop.de ) – ohne jede städtische Zuwendung -aus Spenden,Eintrittsgeldern,Mitgliedsbeiträgen- und vor allem erbringen die Vereinsmitglieder ein Höchstmaß an Eigenleistung!
(Vergleichbare Projekte,Initiativen gibt es bekanntlich in allen Städten der Region.)

Und trotz allem gilt auch für Waltrop und die Region:
Hier sind bei weitem nicht alle personellen und finaziellen Möglichkeiten der Bürgergesellschaft genutzt, um eine lebendige und lebhafte Kultur- und Kunstszene zu erhalten und weiter zu entwickeln.
( Der Rat in Waltrop wird am 28.7. weitere drastischer Kürzungen in einem ohnehin völlig unzureichendem städt.Kulturhaushalt beschließen.)

Um zu “Mehrbürgerschaft” und gezwungenermaßen “weniger Stadt” im Bereich von Kultur/Kunst zu kommen, bedarf es zum einem noch größerer Anstrengungen alle interessierten/engagierten Bürger, die sich sozusagen tagtäglich werbend an die Mitbürger, an die Unternehmen zu wenden haben, und es bedarf zum anderen einer grundsätzlich höheren Bereitschaft wohlhabender Bürger und der vielen nach wie vor gut verdienden Unternehmen in unseren Städten für ein Engagement im Bereich Kultur/Kunst.Ein solches Engagement müßte für wohlhabende Bürger und Unternehmen etwas Selbstverständliches sein, dh., zur “bürgerlichen ” Kultur und zur “unternehmerischen Philosophie” gehören, was m.E. im Ruhrgebiet -noch nicht, noch nicht hinreichend der Fall ist.

Über das Wie,Wann durch Wen eines größeren bürgerschaftlichen/unternehmerischen Engagements im Bereich Kultur/Kunst sollte ‘mal in jeder Stadt systematischer als bisher nachgedacht und diskutiert werden.

Das setzt m.E. jedoch voraus, daß die grundsätzlichen, gesellschaftspolitisch begründeten Vorbehalte gegen ein “Mehr” an bürgerschaftlichen Engagement, gegen ein “Mehr ” an privater Finanzierung im Bereich Kunst-/Kultur, gegen ein “Mehr” an Sponsoring, gegen ein “Mehr” an privatem Stiftungsengagement zurückgedrängt werden, ohne sie außer acht zu lassen. Ist das überhaupt denkbar z.B. im Bereich der sog.alternativen Kultur-/Kunstszene;”heiligt der Zweck die Mittel”? Jedes sicher nicht, aber so manches, trotz aller Vorbehalte.

Es bleibt uns m.E. im Bereich Kultur/Kunst hier im Ruhrgebiet doch gar nichts anderes übrig als “Mehrbürgergesellschaft” im Bereich Kultur/Kunst zu wollen und zu organisieren.
Die weitere Reduzierung des städt.Engagment in diesem Bereich scheint mir -leider-zur Zeit und in absehbarer Zukunft unabänderlich.

( Umschichtungen im städt.Haushalt zu Gunsten von Kultur/Kunst? Weitere Erhöhungen der komm.Steuern, z.B. der Grund-/Gewerbesteuern zu Gunsten von Kultur/Kunst? Hoffnung auf eine grundsätzliche Verbesserung der Strukturen der Kommunalfinanzen durch Bund7Land? -Träumereien, mehr nicht!)

Hallo Luise Heyer

Als leidenschaftlicher Jazzfreak und Freund von Weltmusik stimmt mich das diesjährige Aussetzen und die Diskussion um das wahrscheinliche Ende der Traumzeit natürlich traurig, weil ich dieses Festival in den vergangenen Jahren gerne besucht und in wunderschöner Erinnerung habe. Diese Art des Festivals sind in unserer Gegend rar, im Ruhrgebiet vergleichbar ist sonst nur das Moersfest. Wer mehr möchte, muss schon bis Gronau und Leverkusen fahren, oder in Städte ausserhalb NRWs.

So richtig beunruhigend, ja fast schon panisch macht mich deshalb die Tatsache, dass auch das Moersfestival vor dem Aus steht. Sollten auch in eurer Nachbarstadt die Lichter im und um das Zirkuszelt im Moerser Schlosspark ausgehen, sieht es im Ruhrgebiet recht düster aus, was diese Art der Musik betrifft.

Über die meist roten Kulturfunktionäre in den Ruhrgebietsstädten und die Unfähigkeit ihrer Ämter brauchen wir uns an dieser Stelle wahrscheinlich nicht weiter zu unterhalten. Die gibt es hier in jeder Stadt, in Gelsenkirchen, Bochum, Dortmund oder Essen genauso wie in Duisburg oder Moers. Das sind zumeist hochdotierte Trittbrettfahrer, die sich das Geschick privater Initiatoren und Gruppierungen zu eigen machen, solange sich deren Erfolge politisch nutzen lassen. In Zeiten klammer Kassen und genehmigungspflichtiger Haushalte ändern sich leider die Vorzeichen innerhalb der Politik. Galt man früher als erfolgreich, wenn man Kultur – in welcher Form auch immer – gefördert hat, gilt man heute als erfolgreich, wenn man Kultur einstampft um zu sparen. Ausgenommen sind natürlich persönliche Leuchtturmprojekte, von denen man glaubt, sich trotz Geldnot und auf Lebzeiten ein Denkmal setzen zu können. Bestes Beispiel ist für mich derzeit der krampfhafte Versuch in Bochum um jeden Preis ein neues Muskzentrum zu errichten, koste es was es wolle, wo es doch in den Nachbarstädten Gelsenkirchen und Essen und darüber hinaus auch in Dortmund und Duisburg bereits Opernhäuser gibt.

Soweit ich mitbekommen habe, hat jüngst auch in Duisburg der komplette Kulturbereich zu Gunsten der Oper den kürzeren gezogen und um die Kurve zurück zur Traumzeit und zum Moersfestival zu bekommen: Traurige Tatsache, aber wir werden demnächst im Ruhrgebiet trotz klammer Kassen und hoher Schulden ein Opernhaus mehr haben und damit fünf (!) Opernhäuser, dafür aber kein vernünftiges Jazzfestival mehr. Traurig aber wahr.

Gegen die Dickschädelpolitik der bürokratischen Ruhrkulturapostel lässt sich leider nichts ausrichten. Wenn sie sich in ihre Betünköpfe setzen, dass ihre Stadt unbedingt eine Oper braucht, nur weil die Nachbarstadt auch eine Oper hat, dann werden sie alles dafür tun, dass diese Oper kommt oder bleibt, auch für den Preis, dass viele andere Kulturveranstaltungen, wie die Traumzeit auf der Strecke bleiben, weil anschliessend kein Geld mehr da ist. Diese dilletantische, alles niederwalzende Kulturpolitik ist deshalb möglich, weil die Verantwortlichen einen völlig eingeschränkten Horizont haben. Dieser hört nämlich genau an der Stadtgrenze auf. Für das Ruhrgebiet hat sich in diesem Zusammenhang der Name “Kirchturmpolitik” etabliert.

Mein Vorschlag an alle, die die Traumzeit retten wollen: Ihr solltet nicht in dieselbe Denkweise verfallen, wie die von euch zu Recht kritisierten Kulturfuzzis der Stadt. Ihr müßt Grenzen überwinden und zu aller erst eure Duisburger Stadtgrenze. Zeigt der Politik, dass man durchaus mit anderen Städten zusammen arbeiten kann, wenn man es will. Natürlich wäre es toll, wenn es sowohl die Traumzeit als auch das Moersfestival in Zukunft weiter geben würde, aber reicht bei den maroden Haushaltssituationen der Ruhrstädte vielleicht auch ein Festival im Jahr aus? Das Moersfest und die Traumzeit haben musikalisch gesehen sehr viel Ähnlichkeit. Der Moerser Schlossgarten und der Landschaftspark Duisburg Nord liegen keine 10 km Luftlinie auseinander. Muß es wirklich zwei ähnlich geartete Großveranstaltungen in so enger räumlicher Nähe geben oder reicht nicht auch eines aus? Eins ist besser als keins.

Die Moerser Initiatoren des dortigen Jazzfestes haben dieselben Probleme wie ihr in Duisburg. Wieso arbeitet ihr nicht einfach zusammen? Ich könnte mir Beispielsweise sehr gut vorstellen, dass Moersfest und Traumzeitfestival nur noch alle zwei Jahre stattfinden, dafür aber im jährlichen Wechsel, im einen Jahr findet die Traumzeit in Duisburg statt, im folgenden das Moersfest. Darin liegt jede Menge finanzielles Einsparungspotenzial und es würde die Existenz beider Veranstaltungen retten, die sich mit 15 Jahren Laufzeit (Traumzeit) bzw. 40 jahren (Internationales New Jazz Festival Moers) zurecht zu einer Tradition in der internationalen Jazz und Weltmusikszene entwickelt haben. Ich würde mich zumindest freuen, wenn auch im nächsten Jahr eines der beiden Festivals vor meiner Haustüre stattfinden würde, weil man irgendwie doch einen Weg findet.

Johannes.

Kommentar verfassen