Dortmund zwischen Wut und Verzweiflung

War auch schon einmal besser drauf: Jürgen Klopp. Foto: Robin Patzwaldt
War auch schon einmal besser drauf: Jürgen Klopp. Foto: Robin Patzwaldt

Eigentlich sollte beim BVB nach der Winterpause ja alles besser werden. Rückkehrende Verletzte und eine konzentrierte Vorbereitung sollten den scheinbar zu Unrecht ans Tabellenende der Bundesliga gerutschten Champions League-Teilnehmer im neuen Jahr wieder auf Kurs bringen.
Doch nachdem das 0:0-Unentschieden vom Wochenende beim Spitzenteam von Bayer 04 Leverkusen trotz eigentlich schon eher dürftiger spielerischer Leistung insgesamt noch als Erfolg und ein Schritt in die richtige Richtung verkauft werden konnte, fehlten Fans und Beobachtern nach dem gestrigen 0:1 gegen den FC Augsburg, der zuvor noch nie gegen die Dortmunder in der Bundesliga gewinnen konnte, zunächst irgendwie die rechten Worte.
Eine Mischung aus Wut und Verzweiflung zeigte sich nicht nur direkt nach Abpfiff im Stadion unter den gut 80.000, zumindest soweit sie dem BVB die Daumen drückten, diese gefährliche Mischung waberte nach Spielende auch durch die sozialen Netzwerke und Foren.
Die Stimmung im Umfeld des Vizemeisters kippt nach zwei Rückrundenspielen mit erneut nur einem einzigen Punkt, und noch immer ohne eigenen Treffer im Pflichtspieljahr 2015, anscheinend eindeutig mehr und mehr in Richtung offene Wut! Diverse Fans zeigten keinerlei Verständnis mehr für die Leistung der hochbezahlten Millionentruppe.
Quasi automatisiert folgt inzwischen auch schon irgendwie reflexartig die allzeit in Zeiten sportlichen Misserfolgs beliebte Forderung ‚Wir wollen Euch kämpfen sehen!‘ und werden Aufstellung und Wechsel des zuvor über Jahre als Held verehrten Meistertrainers Jürgen Klopp inzwischen hinterfragt und offen und lautstark kritisiert. Ob diese Stimmungslage dem Team jedoch weiterhelfen kann?
Besonders die Tatsache, dass der BVB nach dem Rückstand in der 50. Spielminute (und auch mit seiner fast 30 minütigen Überzahl auf dem Feld nach dem Platzverweis für Augsburg) selber kaum noch konzentrierte Angriffsbemühungen vortragen konnte, eher völlig verunsichert durch den Gegentreffer wirkte, sorgte bei vielen Schwarzgelben gestern nach dem Spiel für viel Missmut.
Überhaupt mussten sich die Zuschauer an diesem Abend erneut ganz ähnlich wie bei schon allzu vielen Spielen der Hinrunde vorkommen: Spielerische Überlegenheit der eigenen Elf, jedoch kaum Ideen und Offensivkraft, wenige Fehler führen hingegen sofort zu Gegentoren.

All das war gegen die Augsburger gestern wieder präsent, als hätte es die Winterpause und die angeblich so konzentrierte und gewissenhafte Vorbereitung nie gegeben.
Ebenfalls ähnlich auch die Reaktion von Trainer Klopp nach dem Spiel. Sprüche wie ‚Wir werden jetzt nicht aufgeben!‘ hörte man von ihm auch schon im Oktober.
Geändert hat sich seither nicht viel. Zumindest nicht in die für BVB-Fans richtige Richtung. Eher im Gegenteil!
Inzwischen muss sich der BVB bei solchen Leistungen über das Tabellenende wahrlich nicht mehr wundern.
Nächste Chance zu Wiedergutmachung in Freiburg am kommenden Wochenende.
Und wenn es auch dort wieder keinen Dreier für den BVB geben sollte?
Man mag es sich gar nicht ausmalen.
Und erneut trifft der BVB dort übrigens auf einen Gegner der ihm in den letzten Jahren stets wenige Probleme bereitet hatte.

Aber was das heißt, das haben wir ja am Mittwoch gegen Augsburg gesehen…. Und zuvor gegen Bremen und Köln… und Hannover und Wolfsburg… und Mainz….

14 Kommentare

Also das war schon erschreckend….die Spieler sind trotz des besten Trainingslagers allerzeiten :), trotz aller individuellen Qualitäten und trotz Jürgen Klopp als Mannschaft mausetot…

Diese Offensive ist ein Schatten früherer Angriffsabteilungen des BvB. Klar, dass man Lewandowski, Götze und Perisic nicht adäquat ersetzt hat, ersetzen konnte. Die hätten das Spiel gestern jeweils allein für Dortmund entschieden. Immobile, Kampl, Mchitarjan sind eher Mittelmaß. Aber Sahin, Kagawa, Gündogan – was ist los mit denen? Ich verstehe das nicht. Der einzige, der herausragt, ist Mats Hummels.

Es kam wohl nicht nur mir so vor, als hätten die meisten Spieler gestern eigentlich (je nach eigenen Möglichkeiten) am Ball nicht allzuviel falsch gemacht – bis zum Punkt, wo irgendwas Planvolles damit passieren sollte, sei es Abwehr, Pass, Schuss, Flanke, irgendein vernünftiges, verwertbares Anspiel.
Ehrlich gesagt spiele ich genau so, wenn ich nicht *für* irgendwas, sondern *gegen* Trainer/eigene Mannschaft/Kumpels/Masseur/Frau/Kinder/Verein/Fans (richtiges bitte ankreuzen) spielen *will*.

Dazu sieht man in den Gesichtern der Spieler auch noch eine alles lähmende Erschöpfung und Lethargie, so als hätte man sich mit Irgendwas schon längst abgefunden und nur dem Rest der Welt noch nicht Bescheid gegeben. Was läuft da grad bei meinem Verein, abseits von Kameras, Mikros und Schreibblöcken????

Gleich um 13.30 Uhr ist übrigens wieder eine Pressekonferenz (die übliche Spieltags-PK vor dem Spiel in Freiburg) in Dortmund. Bin gespannt ob sich Klopp schon wieder etwas erholt hat und was er mit etwas zeitlichem Abstand zum gestrigen Rückschlag sagt. Ich bin ja, wie ich hier schon häufiger mal betont habe, vor Spielen grundsätzlich etwas skeptisch. Aber aktuell bestätigen die Spiele dann auch fast immer diese Skepsis. Das ist wirklich bemerkenswert und hat man als Dortmunder so ja auch schon Jahre lang nicht erlebt. Neutral gesehen muss man aber auch sagen, dass es solche Abstürze in der BL-Geschichte immer mal wieder gegeben hat. An eine so krasse Form kann ich mich allerdings so nicht mehr erinnern. Der 1. FC Nürnberg ist tatsächlich mal als Meister in der Folgesaison abgestiegen. Aber sonst… Und im modernen Fußball, wo die Kaderstärke auch immer stärker vom Geld bestimmt wird, da hätte ich einen solch extremen Absturz eigentlich für unmöglich gehalten. Und dann noch ausgerechnet beim BVB. Das stimmt schon extrem traurig…

Robin, als der Club als Meister abstieg, rettete sich der BVB erst am letzten Spieltag durch ein 3:0 gegen den OFC, der dann zusammen mit dem Club für viel Kassiererfreude in der damaligen Reg. Süd sorgte. Die Saison 68/69 war was den Abstieg anging, eine der spannendsten überhaupt, noch nach dem 31. Spieltag musste sich die Hälfte aller Mannschaften sorgen, der Club stieg mit 29-39 Punkten bei damals 2 Absteigern als 17.ab Nach heutiger Rechnung hatten Nürnberg und Offenbach je 38, der BVB 39 Punkte. Hätte der BVB nicht am 33.Spieltag ein glückliches 2:2 beim Club geholt, hätte auch der Sieg gegen den OFC nix genutzt, nur drei Jahre nach dem EC2 Sieg 66.

@Thomas: Das war noch vor meiner Zeit. Ich bin Jahrgang 1971 😀 Lebhaft in Erinnerung sind mir aber noch der Abstieg des 1. FC Kaiserslautern, der als Mannschaft mit damals internationalen Ambitionen völlig überraschend abstieg, dann direkt wieder Aufstieg und unter Otto Rehagel dann sofort Meister wurde. Aber natürlich auch die schwere Saison des BVB mit Retter Udo Lattek zur Jahrtausendwende. Auch Leverkusen war vor ein paar Jahren mal bis kurz vor Schluss unten drin. Aber wirklich abgestiegen als ernsthafter Meisterschaftskandidat ist wohl bisher tatsächlich nur der Club damals. Na ja, noch sind es bekanntlich 15 Spieltage, aber das Spiel von Gestern gibt nun tatsächlich spätestens Anlass zu größter Sorge um den BVB… Irgendetwas stimmt da nicht. Und entgegen der Aussagen von Klopp & Co. war es wohl doch nicht allein die Art der Vorbereitung im Sommer….

Robin, die Frage nach Klopp stellt sich nun gebieterischer denn je in dieser Saison. Noch ein paar solch blutleerer Vorstellungen…. zu begreifen ist es aber nach wie vor kaum. Beim Club damals war es angeblich die Saisonvorbereitung. Einer der damaligen Stammspieler meinte, er wäre nach der Rückkehr aus dem hochgelegenen Trainingslager kaum mehr die Treppe zu Hause hochgekommen. “Goldköpfchen” Brungs war nach Berlin abgegeben worden, denn Merkel hatte die Meistermannschaft “verjüngt, am 2.Spieltag in Offenbach Torhüter Wabra schon nach 5 Minuten wg eines Fehlers beim 1:0 ausgewechselt. So kam dann eins zum anderen, dann ging Merkel und am Ende der Club. Und ein Schmankerl noch: der erste BL-Sieg von S.04 in Dortmund war fällig, 1:0 im März.

“Und im modernen Fußball, wo die Kaderstärke auch immer stärker vom Geld bestimmt wird, da hätte ich einen solch extremen Absturz eigentlich für unmöglich gehalten.”

Es ist ein altes Vorurteil, dass nur Geld die Tore schießt. Der aktuelle Tabellenplatz von Dortmund und Augsburg belegen, dass schon etwas mehr als nur Geld dazu gehört um guten Fußball zu spielen. Das ist mir schon seit 30 Jahren klar und nun dürfte auch so mancher Bayerngegner ins Grübeln kommen. Um welchen Faktor ist der Etat von Dortmund gleich wieder größer als der von Augsburg? (Der FCA ist auf dem besten Weg in der kommenden Saison in der CL zu spielen)

Dortmund hat viele Jahre über seine Verhältnisse gespielt, Klopp hat mit einer durchschnittlichen Mannschaft in den Meisterjahren den Fußball mit seinem Offensiv-Pressing zwar neu erfunden, aber die Gegner haben sich darauf eingestellt und Dortmund hat sich trotz des vielen Geldes nicht weiterentwickelt. Im Gegenteil, viele Spieler sind einerseits satt und andererseits durch die Misserfolge verunsichert. Diese Verunsicherung ist völlig normal und es ist eine Fußballbinse, wer unten drin hängt verliert auch gerne gute Spiele. Ein Weltklassespieler wie Hummels ist zu wenig für die Bundesliga. Es wird in jedem Fall eine enge Kiste für Dortmund. Platz 15 würde am Ende vermutlich wie eine Meisterschaft gefeiert werden. Glück für Dortmund, dass Paderborn nach toller Vorrunde nun wohl durchgereicht wird, aber wer wird Vorletzter?

PS: Klopp entlassen geht nicht – Dortmund hat ihm alles zu verdanken – Das könnte ein Problem werden.

@ Manfred B Mit “über die Verhältnisse spielen” holt man nicht 2 Meisterschaften inclusive 1 Double und ist nur 1Tor vom CL-Sieg entfernt. Stehengeblieben und satt sicherlich, auch verunsichert. M.E. spielt auch die lange Amtszeit von Klopp eine Rolle. Man hat sich nur noch wenig oder nichts zu sagen.

@Thomas Weigle: Man muss sicher diskutieren, ob Klopps joviale Rolle als Überkumpel mit viel persönlichem Kontakt und dem “Feeling” eher eines Spielertrainers einer Mannschaft *auf Dauer* guttut. Denn diese “heimelige” Konstellation ist ja ein auf Arbeitsverträge aufgebautes Konstrukt und kein privat gewachsenes, also werden kleinste Animositäten grade bei jungen Spielern auch wesentlich schneller zu sozialen Brüchen in diesem Dreamteam führen, als es bei Trainertypen wie z.B. Heynckes oder Ferguson zu vermuten steht.

@Klaus Lohmann: Die Frage, ob der Typ Klopp einer Mannschaft gut tut, beantwortet sich doch selbst. Der Mann trainiert seit 2008 den BVB und hat Erfolge erreicht, die kein anderer Dortmunder Trainer geschafft hat. Und das mit einem wirklich sehenswerten Fußball. Nur irgendwann gibt es Abnutzungserscheinungen. Derzeit wirkt Klopp ratlos und seine Mannschaft verkrampft und auch hilflos. Aber das gab es auch bei Trainern wie Alex Ferguson und Jupp Heynckes.

1.
Leider,leider,leider muß ich wie so oft in der Hinrunde auch jetzt wieder zu “meinem BVB” festellen:
“ich bin ratlos, ich bin sprachlose, aber ich bin -immer noch- nicht hoffnungslos”.

2.
Gründe für die existentielle Krise?
Ich habe hier bei den Ruhrbaronen schon einmal auf einen einschlägigen Beitrag hingewiesen, nämlich unter der Überschrift ” Hasen im Wampen: Krisen: Borussia……..” -DER SPIEGEL 5/2o15, S.100-103.
Die dortige Analyse und die dort vertrenene Meinung haben mich mehr als alle anderen Analysen, Meinungen zur Krise des BVB nachdenklich gestimmt. Leider hat es dazu hier bei den Ruhrbaronen keine Diskussion gegeben.

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