Diskussion über Hausbesetzung im Ruhrgebiet

45114_101279083265800_7842885_nIm Kulturhauptstadtjahr 2010 wurden im Ruhrgebiet nach längerer besetzungsfreier Zeit wieder öffentlichkeitswirksam Häuser besetzt. In Essen besetzte eine Gruppe freier Künstler Mitte Juli ein ehemaliges Verwaltungsgebäude des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), das bereits seit mehreren Jahren leer gestanden hatte.

Einen knappen Monat später besetzte die Initiative für ein Unabhängiges Zentrum Dortmund die ebenfalls seit Jahren leerstehende und vom Verfall bedrohte Kronen Brauerei an der Märkischen Straße. Beide Initiativen wurden auf Wunsch der Eigentümer von der Polizei geräumt. Beide Besetzungen hatten gemein, dass sich die Kritik der Aktivisten dezidiert gegen die Entscheidungen und das Gebaren der Verantwortlichen des Kulturhauptstadtjahres gerichtet hatte.

Aber auch nach 2010 gab es Besetzungsversuche. So wurde im Dezember des Jahres 2011 aus dem Umkreis der Duisburger „DU it yourself“ Initiative eine ehemalige Hauptschule in Duisburg besetzt. 2013 dann besetzte die Gruppe „Aktion für Freiräume in Essen“ (A.F.F.E.) eine leerstehende Hauptschule an der Bärendelle in Essen. Und vergangenen Monat versuchte sich eine von „A.F.F.E.“ unterstützte Gruppe an der Besetzung einer Immobilie von Thyssen Krupp im Süden Essens. Doch jedes Mal machten die Eigentümer von ihrem Hausrecht gebrauch und vertrieben die Aktivisten. Im Nordpol findet heute eine Diskussionsveranstaltung zum Thema statt. Die Ruhrbarone sprachen aus diesem Anlass mit dem Künstler Joscha Hendricksen und dem Stadtforscher Tino Buchholz. Beide waren an den Besetzungen im Jahre 2010 beteiligt und engagieren sich nach wie vor für die Leerstandsnutzung.

Ruhrbarone: Herr Buchholz, Herr Hendricksen: Sind Hausbesetzungen überhaupt noch zeitgemäß?

Buchholz: Absolut.

Hendricksen: Häuser sind ja auch noch zeitgemäß.

Ruhrbarone: Haltet ihr Hausbesetzungen tatsächlich für notwendig? Immerhin heißt es doch immer wieder in öffentlichen Reaktionen auf die Besetzungsversuche, die Stadt stelle Räume für Kreative gern zur Verfügung, man müsse nur fragen. Etwa im Dortmunder Unionsviertel, das in Dortmund ja massiv beworben wird.

Buchholz: Das hat alles mit den Bedingungen der Raumnutzung zu tun.

Hendricksen: Wer so fragt, hat sich mit den Themen und Zielsetzungen der Hausbesetzung nicht befasst. Die gängigen Antworten zielen ja immer nur darauf ab, das Thema zu entpolitisieren.

Buchholz: Genau, denn worum geht es hier eigentlich. Um welches Wagnis handelt es sich, ein leeres Haus zu betreten. Das ist für mich in ungefähr dasselbe, wie ein Ticket für zu schnelles fahren.

Ruhrbarone: Warum gibt es im Ruhrgebiet seit dem Jahr 2010 nahezu jährlich einen Besetzungsversuch?

Hendricksen: Weil die vorherigen Besetzungsversuche alle nicht erfolgreich waren.

Buchholz: Die eigentliche Frage ist doch, warum gab es nicht viel mehr?

Ruhrbarone: Bei den ersten Besetzungen im Jahre 2010 wurde von den Aktivisten immer wieder die Kulturpolitik des EU Projektes Kulturhauptstadt 2010 kritisiert. Spielt diese Politik auch heute noch eine Rolle?

Buchholz: Das Kulturhauptstadtjahr war ein Spektakel, das den kreativen Kapitalismus befördern sollte – und hat sich doch dann als ordinäre Wirtschaftsförderung herausgestellt.

Hendricksen: Im Umfeld der Ruhr 2010 ging die massivste Verblödungslawine durch das Ruhrgebiet, die ich jemals erlebt habe – und die rollt noch immer durchs Ruhrgebiet und gewinnt offensichtlich an Fahrt.

Ruhrbarone: Stehen die aktuellen Besetzungen in der Tradition der Besetzungen der 70er und auch 80er Jahre? In Dortmund etwa gab es in den achtziger Jahren zahlreiche Besetzungen, aus denen mittlerweile Institutionen wie das Künstlerhaus oder das Kulturzentrum Langer August hervorgegangen sind.

Hendricksen: Für solche Fragen bin ich absolut unterqualifiziert, in den Siebzigern kenne ich mich gar nicht aus, in den Achtzigern auch nicht.

Buchholz: Um es kurz zu machen, in den 70er und 80er Jahren ging es ja durchaus ums Wohnen, es war ein Konflikt mit einer tieferen sozialen Dimension. Letztlich zehren wir noch heute von dieser Infrastruktur.

Ruhrbarone: Glaubt ihr, dass es in naher Zukunft zu weiteren Besetzungsversuchen im Ruhrgebiet kommen wird?

Hendricksen: Das ist nicht einschätzbar.

Buchholz: Solange die Bemühungen zu nichts geführt haben, steht die Frage weiter im Raum.

Hendricksen: Am 19.09. veranstaltet die Kampagne A.F.F.E. ersteinmal eine Tanzdemo für Krupp, um 16.30 Uhr geht’s am Bahnhof Essen West los.

Buchholz Oh, da kann ich nicht.

Ruhrbarone: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Vortrag: Freiräume erkämpfen – Vier Jahre Besetzungen im Ruhrgebiet.

Heute, 20 Uhr, Nordpol, Münsterstraße 99

 

Weitere Infos:

 

Veranstaltung im Nordpol:

http://www.nrdpl.org/veranstaltungen-2/?event_id1=228

Zwei Artikel von Tino Buchholz:

http://www.ruhrbarone.de/ueber-die-ironie-kreativen-leerstands-im-ruhrgebiet/35860

http://jungle-world.com/artikel/2012/22/45550.html

Kampagne A.F.F.E.:

http://kampagne-affe.de/

Who’s Bad?

 

5 Kommentare

Sorry für die harten Worte, aber wollt ihr mich verarschen? Buchholz und Hendricksen beantworten keine einzige Frage:

Warum sind Hausbesetzungen denn nun zeitgemäß?

Warum sind Hausbesetzungen notwendig und was sind die Bedingungen der Raumnutzung? (Merke: Wörter, die auf “ung” enden, erklären meist gar nichts)

Was sind denn die Themen und Zielsetzungen einer Hausbesetzung?

Warum hätte es denn viel mehr Hausbesetzungen geben sollen?

Welche Verblödungslawine meint Hendricksen? Inwiefern gewinnt sie an Fahrt? Ich fühle mich zumindest nicht dümmer als vor 2010…

Lieber Lilalaunebär, leider kann ich Interviewpartner nicht zwingen, mehr zu sagen, als sie sagen wollen, und leider hatte ich selbst nicht die Zeit, noch einen die Aussagen interpretierenden Artikel zu schreiben. Dieser Artikel dient aber auch als Veranstaltungshinweis für die Diskussion heute in Dortmund, bei der beide anwesend sein werden, so viel ich weiß. Und solltest du dir die verlinkten Artikel angeschaut haben, wirst du zumindest zahlreiche Informationen aus Buchholz` Sicht finden. Und ich finde schon, dass man, insofern man sich mal mit dem Thema befasst hat, die Aussagen von den beiden als Antworten auffassen kann.

So sehe ich das auch, die beiden geben ja quasi zu, dass es sich bei diesen Besetzungen um einen reinen Selbstzweck handelt.

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