Die WAZ-Gruppe setzt auf “Bürgerreporter”

Mit ihren Anzeigenblätter will die WAZ Mediengruppe die Bürger als Reporter für ihre eigenes Online-Angebot gewinnen. Zum Startschuss von Lokalkompass.de sind die Städte Wesel, Xanten, Menden und Fröndenberg dabei. Hinter dem Angebot steckt die Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft (WVW) mit ihren 61 Titeln.

“Mit Lokalkompass.de festigen unsere Anzeigenblätter ihre Marktposition als Medium mit lokaler und sublokaler Ausrichtung und erschließen zusätzlich neue Leser- und Umsatzpotentiale”, sagt WVW-Geschäftsführer Haldun Tuncay. “Die lokale Online-Community ist ein ideales Modell, unsere Kundenbeziehungen auszubauen und noch näher bei unseren Leserinnen und Lesern zu sein.” In Wesel berichten die Reporter über die Jahrestagung der DLRG, die neue Fassade des Rathauses und stellen die Landtagskandidaten vor. In Fröndenberg haben sich bisher erst 24 Bürger als Reporter eingetragen und in Xanten sind es immerhin schon 89. Die Redakteure der etablierten Anzeigenblatttitel sollen als Moderatoren die lokalen Communities betreuen und Tipps zum Schreiben von Beiträgen liefern. Mit dem Angebot möchte man neue Leser gewinnen und sich jüngere Zielgruppen erschließen. Ein gewünschter Nebeneffekt ist die Nutzung kostengünstiger Inhalte. Die meistgelesene Themen und besondere Beiträge werden in der Printausgabe der jeweiligen Region abgedruckt. Die journalistische Qualität steht bei den Anzeigenblättern ohnehin nicht im Vordergrund, da es hier um Marktabdeckung und Werbekunden geht.

Die WVW und die Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft (ORA) sind Marktführer in Deutschland und Europa. Nach eigenen Angaben erreichen sie alleine in Nordrhein-Westfalen, mit einer wöchentliche Auflage von über 5 Millionen Exemplaren, “nahezu jeden Haushalt in ihrem Verbreitungsgebiet”. Die WVW gehört seit 1977 zur WAZ Mediengruppe. An der Schwester-Gesellschaft ORA halten sowohl die WAZ wie der Verlag Lensing-Wolff jeweils 50 Prozent. Entstanden ist die Plattform Lokalkompass.de in Zusammenarbeit mit WAZ New Media und der Firma Gogol Medien als technische Dienstleister. Die vier Städte sind nur der Anfang und bis zum Jahresende sollen die übrigen Tittel der WVW folgen.

13 Kommentare

Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Was verdient man denn so als Leserreporter für solche Anzeigenblätter (Honorar)?

bei diesem konzept geht es nur darum, den profit weiter zu steigern und die personalkosten auf das niedrigste zu drücken… als bürgerreporter fungieren dann ehrenamtliche oder vereinsvertreter, die sich die arbeit machen und dafür ins blatt kommen… einige stadtspiegel arbeiten ja bereits auf so einem – nicht vorhandenen – niveau.. oder das anzeigenblatt firmiert als jubelorgie für media markt in neuer werbeform

honorar werden solche bürgerreporter bestimmt nicht bekommen, besonders wenn es vereinsvertreter sind… ihr lohn ist dann, dass sie sich als gebundene leser regelmäßig mit ihrem schützen-, fussballverein, chor, damenkränzchen oder weiß gott was im käseblatt lesen können…

im waz-konzern ist damit auch der lokaljournalismus der stadtteil-ausgaben innerhalb der titel bedroht… es ist doch schon realität, dass diese ausgaben auf das einsenden von material angewiesen… mit dem gebot journalistischer unabhängigkeit ist es dann dahin…

Da haben wir es wieder! Qualität ist Nebensache –
Es geht den Machern offebar doch wohl nur darum, das Blatt möglichst billig mit Content zu füllen. Durch das Portal haben die Werbeblätter – falls sich genügend Hobbyreporter finden – bald Zugriff auf einen riesigen Fundus an für sie frei verwendbaren Fotos und Texten. (Hochgeladene Fotos werden auch gleich durch ein entsprechendes Logo “enteignet”)
Ausgebildete Fotojournalisten und Redakteure kosten eben Geld – Bürgerreporter kosten nix. Sie arbeiten oft aus Spaß an der Freud und zur Selbstbestätigung! Schade um die vielen freien Journalistem, denen auf diese Weise die “Butter vom Brot” genommen wird. Und schade auch um die journalistische Qualität der Werbeblätter…

Interessanter Thread! 🙂
Die journalistische Qualität der Stadtspiegel bzw. Stadtanzeiger (oder wie sie sonst noch heissen) ist seit Einführung des roten Richtungsmessers und des Internetportals tief in den Keller gefallen. Schon beim fischen des Blattes aus dem Briefkasten (der wegen der vielen eingelegten Prospekte trotz Hinweis „keine Werbung“ praktisch platzt) stelle ich fest, dass es immer dünner wird. Wenn ich dann als Aufmacher lesen muss, dass ein Bürgerreporter – gratis für die Zeitung – „auf Dienstreise“ in Korsika ist, dann rollen sich bei mir die Fußnägel auf. Scheinbar hat der Verlag wieder einen Dummen gefunden, der Ihm umsonst aus dem Urlaub Amateurfotomaterial nebst Text zur Verfügung stellt, damit sein Name unter den Bildern und Texten in der Zeitung steht. Schließlich will dieser Mensch ja auch einmal auf Seite 3 als „bester Bürgerreporter“ geehrt werden. Wenn ich dann noch auf dem Titelblatt mit einem riesigen Eigenwerbungsbericht zugepflastert werde, in dem erwähnt wird, dass eine Redaktion in Essen mit einem tollen Preis wie z.B. der „goldenen Schreibmaschine“ ausgezeichnet wurde, verschließen sich bei mir alle Klappen. Wen interessiert denn diese Lobhudelei? Ich will Informationen aus der Heimat – ansonsten brauche ich so ein Reklameblatt nicht und kann es gleich ungelesen in die gelbe Tonne befördern.
Schlimm, wie sich seit knapp einem Jahr dieses Käseblättchen füllt. Haben die Herausgeber kein Geld mehr, Journalisten zu beschäftigen?
Vereine, die heute ins Blatt wollen, bekommen keinen Redakteur mehr in die Versammlung geschickt. Sie müssen –falls sie keinen Draht zu einem entsprechenden Werbe-Sponsoren haben- selber aktiv werden! Dass heißt unter anderem: Ran an den Knipser und die Schreibmaschine, damit der neue Fotoreporter Namens „PRIVAT“ auch wieder ein mehr oder weniger verwackeltes Bild vom Vorstand oder den neuen Trikots (aber nur wenn der jenige, der auf den Trikots wirbt, auch Werbung schaltet) veröffentlichen kann.
Allgemeine Berichterstattung, um die das Blatt nicht rum kommt, passiert scheinbar nur noch durch Umschreiben von Texten aus den hiesigen Lokalzeitungen.
Besonders wichtig sind offenbar nur noch die Werbekunden., denn diese bekommen stets einen Hobby-Fotografen in die Firma geschickt, der sie für ihr Inserat ablichtet.
Allerdings haben die Ausdünnung des Blattes auch schon einige Werbetreibenden registriert – denn statt Anzeigen finden sich dort immer mehr Platzhalter mit Eigenwerbung.

da einige Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen der WAZ Lokalredaktionen im Ruhrgebiet schon unter dem Generalverdacht stehen, ohne eine solide Ausbildung an den Computern der hiesigen Redaktionen werkeln zu dürfen, können Amateurreporter die Zeitung nur aufwerten. Denn was da momentan abgeliefert wird, regt schon zum nachdenken an.

@11
Was für Mitarbeiter – außer Laien und Schüler– bekommt man denn auch sonst, die bereit sind, für ein Zeilenhonorar von rund 15 Cent freiwillig zu arbeiten? Statt Profis einzustellen, wird aber lieber gespart. Auch wenn keine Woche ohne Richtigstellung wegen Fehlrecherche vergeht.

Den Ausführungen von Christian V. kann ich voll und ganz zustimmen.
Ich habe eine journalistische und fotografische Ausbildung, bin aber weder als Journalist noch als Fotograf tätig.
Ich bin seit einigen Jahren Bürgerreporter und befinde mich von Anfang an in einem Dilemma. Ich bin mir darüber im Klaren, dass durch den Einsatz der Bürgerreporter – inzwischen sind es sicherlich Tausende im Ruhrgebiet – gelernte Journalisten und professionelle Fotografen ihren Arbeitsplatz verlieren können, andererseits ist für mich das Schreiben und das Fotografieren seit langer Zeit ein liebgewordenes Hobby, auf das ich nicht verzichten möchte.
Wenn ich Bürgerreporter werde, trete ich automatisch das Recht an Text und Foto an den zuständigen Verlag ab und habe keinen Einfluss darauf, ob mein Text bzw. meine Fotos in einer Anzeigenzeitung abgedruckt werden.
Den Ehrgeiz, der „beste Bürgerreporter“ zu sein, habe ich nicht, aber ich muss zugeben, dass ich mich freue, wenn meine Texte oder Fotos in einer Anzeigenzeitung abgedruckt werden, habe immer aus den oben genannten Gründen ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich sehe, wie viele Beiträge nicht von der Redaktion sondern von Pressewarten von Vereinen oder von anderen Bürgerreportern geliefert werden.
Wenn von mir gefordert würde, den Abbau von Stellen in den Redaktionen nicht zu fördern, müsste ich auf meine Beiträge im „Lokalkompass“ verzichten. Aber wie ich schon geschrieben habe, ist das Schreiben und das Fotografieren schon sehr lange ein Hobby von mir, nicht erst seit es den „Lokalkompass“ gibt. Ich möchte nicht darauf verzichten, auch andere Leser daran teilhaben zu lassen.
Fazit: Das Dilemma bleibt. Gibt es einen Ausweg?

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