Die FIFA zensiert (nicht nur) den Protest

Der WM-Pokal. Foto: Robin Patzwaldt

Die WM ist vorbei. Frankreich ist Weltmeister und Russland hat sich vermeintlich als guter Gastgeber erwiesen. Selbst der in Deutschland so umstrittene Videobeweis funktionierte während der WM gut. Dennoch gibt es Anlass zur Kritik.

Was mich bei TV-Übertragungen von Fußballspielen generell stört, ist, dass unliebsame Szenen wie Ausschreitungen, der Einsatz von Pyrotechnik oder auch Flitzer nicht gezeigt werden. Die Begründung für dieses Vorgehen klingt zunächst einmal verständlich: Man möchte nicht, dass die Zuschauer vor den Bildschirmen zum Nachahmen angeregt werden. Doch zum Ende der WM nahm die Zensur immer absurdere Züge an.

Vor den letzten beiden Spielen beschloss die FIFA, weniger Nahaufnahmen von Fans zu zeigen – mit der Begründung, dass niemand zu sexuellen Anspielungen verleitet und keine geschlechterdiskriminierenden Vorurteile geschürt werden sollten. Das wirft mehrere Fragen auf: Wer soll nicht zu sexuellen Anspielungen verleitet werden? Die Zuschauer oder gar die Kommentatoren? Gab es zuletzt Fälle, die belegen, dass das ein Problem ist?

Sicher wird es den einen oder anderen Fußballfan geben, der sich beim Anblick hübscher Frauen zu sexistischen Kommentaren hinreißen lässt. Doch ist dann nicht dieser Fan das Problem, und nicht die Tatsache, dass Nahaufnahmen von Fans gezeigt werden? Und sollte die FIFA nicht vielleicht lieber die Auswahl der Nahaufnahmen überdenken, anstatt sie insgesamt einzuschränken? Schließlich fängt das Problem ja damit an, dass die Regie in der Regel dem gängigen Schönheitsideal entsprechende Frauen zeigt. Würde man nicht nach solch oberflächlichen Kriterien entscheiden, welcher Fan im TV zu sehen ist, würden Nahaufnahmen wohl kaum geschlechterdiskriminierende Vorurteile bestärken. Was ist das überhaupt für eine krude Logik, die hinter diesem Beschluss steckt? Wie wird das erst bei der WM in Katar, wo nach derselben Logik Frauen nicht unverhüllt aus dem Haus gehen dürfen?

Schon in Russland zeigte sich, dass die von der FIFA betriebene Zensur bei Störungen des Spielbetriebs bei einer WM in einem autokratisch regierten Land höchst problematisch sind: Als im Finale vier Mitglieder von Pussy Riot auf’s Spielfeld liefen, um gegen Putins Politik zu protestieren, wurden schnell Wiederholungen einer vorangegangenen Szene gezeigt. Die FIFA machte sich somit nicht nur bei der Vergabe des Turniers, sondern auch mit der Bildauswahl zum Erfüllungsgehilfen des Kreml und seiner Propaganda.

Unabhängig davon, ob man Frankreich den Titel gönnt, kann man daher nur sagen: Die WM endet genauso unwürdig, wie sie begonnen hat. Die Auslosung fand bereits im Kreml statt, bei der Eröffnungsfeier hatte Putin eine Rede gehalten und im Finale konnte das russische Sicherheitspersonal von den TV-Zuschauern unbemerkt die “Störenfriede”, wie sie der deutsche Kommentator Béla Rethy nannte, vom Platz führen. Man mag sich kaum vorstellen, welche Strafe den vier Frauen für ihre Protestaktion droht. Doch jetzt, wo die mediale Aufmerksamkeit nicht mehr so auf Russland gerichtet ist, wird das hierzulande wohl auch keine hohen Wellen mehr schlagen.

7 Kommentare

Dass Straftäter und Störer keine Öffentlichkeit bekommen, ist richtig.

Wir müssen auch daran denken, dass insbesondere leicht bekleidete Frauen (ab sichtbare Haare) für einige Länder ein Problem darstellen, wenn sie gezeigt werden. Dann ist es doch effizienter, wenn direkt das Weltbild nur das Spiel und die Logos der Werbepartner zeigt.

Katar wird spannend. Mal sehen, ob ich dort die ca 3-4h , die ich von dieser WM mitbekommen habe unterbieten werde.

Die Reaktionen aus dem Publikum der alten Fussballübertragungen sind doch heute das schönste an den alten Bildern.

'Vorsortierte' TV-Bilder, gerne auch mal vom jeweiligen Veranstalter vorproduziert für das internationale Publikum, sind bei Sportgroßereignissen inzwischen längst kein Einzelfall mehr. Macht es natürlich nicht besser. Ist aber eben längst kein reines FIFA oder gar Putin-Problem. In den USA haben sie letztens sogar künstlich eine kleine Verzögerung bei TV-Livebildern eingebaut um eventuelle Zwischenfälle noch rechtzeitig ausblenden zu können.

Jetzt mal im Ernst, Robin: Es besteht seit einigen Jahren zwischen Fußballverbänden und TV-Sendern weltweit eigentlich Einigkeit, dass solche "Ereignisse" und deren Verursacher nicht noch eine Aufwertung durch das Draufhalten und Senden ihrer egomanen Störungen erhalten dürfen. Es wird also ohne – sowieso in der Kürze der Reaktionszeit nicht mögliche – Recherche eventueller Hintergründe weggeblendet und das ist imho in der überwiegenden Mehrzahl der Vorkommnisse auch genau die richtige Handlungsweise. Dass es nun Pussy Riot- Unterstützer(innen) trifft, hätten sie selbst vorhersehen müssen.

Wer sich abseits dieses Einzelfalls berechtigten Protestes (der wohl nicht "angemeldet" war) unbedingt Krawall, kriminelle Auswüchse und pubertäre Selbstdarsteller angucken muss, kann sich gern um eine Eintrittskarte bemühen.

Ups, Robin, sorry. Ich hab Dich wohl schon automatisch als "Mister Sport" bei den Baronen gespeichert;-))

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