Die entfremdeten Saarländer

 

Ein Bundesland mit einem problematischen Selbstverständnis. Foto: Mario Thurnes

Die Saarländer sind in Deutschland eine „entfremdete Minderheit“. So soll es eine Soziologin gesagt haben. In ihrem bürgerlichen Leben geht sie laut Wikipedia der Geschlechterforschung nach, der feministischen Erkenntnistheorie und der Queer-Theorie. In Sachen Saarland hat Sabine Hark aber recht.Die Saarländer sind die Iren Deutschlands. So soll es ein bedeutender saarländischer Journalist mal gesagt haben. Und der Vergleich liegt nahe: Sie sind katholischer und trinkfester als die Deutschen, vor allem aber verlassen viele von ihnen der schwachen Wirtschaft wegen ihre heimische Scholle. Sodass es neben den Saarland-Saarländern immer auch die Reichs-Saarländer gibt.

So wie es irische Gemeinschaften verteilt auf die ganze Welt gibt, genau so gibt es saarländische Kolonien in allen deutschen Großstädten. Dort fallen sie auf: Sie sind ein wenig tapsiger als der Rest, auch direkter und viele können sich in ihrem Idiom nicht ganz von der heimischen Sprache lösen.

Im Reich gehänselt

Also hat Sabine Hark recht. Die Professorin der Berliner TU soll von den Saarländern als „entfremdete Minderheit“ der Bundesrepublik gesprochen haben. So schreibt es die FAZ in „Wider den Opferkult“, einem Beitrag über die Frankfurter Kopftuchkonferenz.

Der Saarländer wird für seine Herkunft im Reich gehänselt. Reich ist übrigens das saarländische Wort für Restdeutschland. In den Medien kommt das Bundesland meist nur als Bezugsgröße für Naturkatastrophen vor: „… eine Fläche xy mal so groß wie das Saarland…“ Oder es geht um befremdlich wirkende Politiker. Von denen ist die saarländische Geschichte reich: So liegt mit Franz von Papen der Mann in Wallerfangen begraben, der Adolf Hitler den Weg an die Macht ebnete.

Nun ließe sich sagen: Ja, so ist das Saarland halt und Medien dürfen es nicht besser machen, als es ist. Aber auch die bildende Kunst kennt kein Erbarmen mit dem kleinsten Flächenland. Als Jochen Senf 1988 im Tatort sein Debut als Kommissar Palu gab, sah die erste Szene so aus: Palu fuhr auf dem Fahrrad (Klischee eins) mit einem Baguette (Klischee zwei) auf dem Rücksitz, schwatzte freundlich mit dem Nachbarn, den er kannte (Klischee drei) und nahm dann – dramaturgische Wendung – eine Verfolgungsjagd mit einem Verbrecher auf, auf dem Fahrrad (Klischee Nummer vier). So macht man Menschen zur „entfremdeten Minderheit“.

Es fehlt an Selbstvertrauen

Den Saarländern fehlt es an Selbstvertrauen. Meist können sie sich nicht richtig entscheiden, ob sie devot sein wollen oder aufmüpfig. Die allermeisten schaffen beides gleichzeitig. Für das Bundesland selber wirkt sich das dramatisch aus: Das Land hat keine große Literatur hervorgebracht.

Den bedeutendsten saarländischen Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte lieferte Nicole. Mit „Ein bisschen Frieden“ holte sie 1982 den Sieg im Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, später ESC. Bis 2010 war es der einzige Sieg, den das Reich für sich beanspruchte.

Dabei ließ sich die junge Frau von einem aus Ostdeutschland stammenden Mann die Worte „Ich bin nur ein Mädchen / Das sagt, was es fühlt“ in den Mund legen. Devot und aufmüpfig, eine „entfremdete Minderheit“. Selbst wenn sie für das Reich unterwegs sind.

1 Kommentar

Politiker aus dem Saarland sind wirklich eine bizarre Spezies. So seltsam wie Honecker und Lafontaine wirkt nun auch Kramp-Karrenbauer. Die will das Europaparlament aus Straßburg fortjagen, obwohl das Saarland wirtschaftlich von der Nähe zum wohlhabenden Elsass profitiert. Was Straßburg (und der deutsch-französischen Beziehung) schadet, kann für Saarbrücken nur schlecht sein.

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