Die Blaue Bude


In den letzten Wochen hatte ich die Gelegenheit, über die  Bedeutung des Wortes „Wir“ nachzudenken. Denn meist wird es heute einengend, und zugleich ausgrenzend verwendet. Von unserem Gastautor Helmut Junge. 

Der Anlaß war ein Besuch meines Freundes Gilbert aus fernen Kindheitstagen an meinem Ausstellungstand auf dem Kunstmarkt in Duisburg-Ruhrort im letzten Sommer.

Er fragte mich ob ich mich mit einem Vortrag und einer Ausstellung an einem Projekt in Dinslaken-Lohberg beteiligen würde, Er und eine Kollegin würden dort ehrenamtlich ein Projekt mit dem Namen „Blaue Bude“ organisieren.

Lohberg? Ich? Das muß gut überlegt sein.

Blaue Bude? Nie gehört. Lohberg dagegen schon.

Ein Neffe und seine Frau haben dort ein Bergmannshaus gekauft, es innen sehr gemütlich eingerichtet, fühlen sich dort wohl, und ziehen dort meinen bisher einzigen Großneffen groß. Äußerlich stehen diese Häuser unter Denkmalsschutz, sonst hätten einige schon so schöne häßliche Fassaden wie andere Häuser anderswo.

Aber Lohberg hat einen schlechten Ruf und steht seit Jahren in den Medien, weil von dort aus eine Gruppe Jugendlicher nach Syrien gefahren ist, um sich dort dem IS anzuschließen. Etliche von ihnen sind seelisch zerstört und frustriert zu ihren Eltern nach Lohberg zurückgekehrt.

Um die Jungens ist es still geworden, aber nicht um ihre ehemalige  Religionslehrerin , Lamya Kaddor, die ausschließlich durch diesen Zusammenhang der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden ist, und diesen Bekanntheitsgrad durch zahlreiche Auftritte in Talkshows sogar erweitern konnte. Sie lehrt einen moderaten Islam und viele Zeitgenossen hoffen, daß ihr das gelingt, obwohl sie ja doch der lebende Beweis dafür ist, daß es bei Religionen nicht darauf ankommt, was gelehrt wird, sondern darauf, was die jeweiligen Schüler glauben wollen. Lamya Kaddor hat jedenfalls mit ihrem Religionsunterricht das Image von Lohberg nicht verbessern können.

Meiner Auffassung nach müssen andere Wege begangen werden, wenn man das erreichen möchte. Und es gilt die Gründe zu finden, die dazu führen, daß aus manchen, meist jüngeren Moslems radikale Islamisten im Sinne von al Kaida oder dem IS werden, oder auch nur die Gründe, die eine Integration verhindern, herauszufinden. Eigentlich ist die Aufgabenstellung nicht auf Lohberg beschränkt, denn diese mangelnde Integrationsbereitschaft ist in allen Vororten des Ruhrgebiets zu erkennen, und wird auch heftig diskutiert. Man spricht allerdings übereinander, weniger miteinander. Und wenn jemand in diesen Diskussionen „wir“ sagt, sagt er das als Gegensatz zu „denen“.

Es gibt eben keinen Zusammenhalt in den ethisch gemischten Bevölkerungen. Früher gab es den Pütt, der vielen Leuten Arbeit gab. Man kannte sich durch die Arbeit und war dort aufeinander angewiesen. Die Zeche ist aber stillgelegt, und vergleichbare Arbeitsmöglichkeiten sind nicht vorhanden. Das ursprünglich durchaus vorhandene „WIR“ hat keinen Ankerplatz mehr.

Als Folge ist dieses andere „wir“ entstanden, bei dem es diese beschriebene Abgrenzung voneinander gibt.

Eine Ortschaft muß aber, schon der Selbsterhaltung wegen, dieses gemeinsame „WIR“ entwickeln. Wenn es nicht über den gemeinsamen Arbeitsplatz entsteht, weil es den nicht gibt, geht es vielleicht über andere Wege. Ziel muß jedenfalls dieses WIR sein.

Und genau dieses echte WIR steht mit großen Buchstaben oben auf dem Dach eines kleinen blauen Häuschens an der Hünxer Straße, der Hauptstraße, die jeder nutzen muß, der  nach Lohberg hinein, oder aus Lohberg heraus will.

Ich bin einer von WIR

Im  Verein „Forum Lohberg eV.“ dessen Vorstand sich aus allen Teilen der dortigen Bevölkerung zusammensetzt, bzw. Das Kreativ.Quatier Lohberg sind einige rührige Kräfte dabei, diesem Stadtteil wieder ein besseres Image zu verschaffen. Eines der angegangenen Projekte ist eben diese „Blaue Bude“.

Die Blaue Bude an der Zechenmauer hat in der jetzigen  Form bald den ersten Geburtstag  ist dann aber bereits 90 Jahre alt, denn eigentlich sollte das ursprüngliche Schaffnerhäuschen, das dann zwischenzeitlich Kiosk war, wie fast alle „Buden“ im Ruhrgebiet so allmählich verfallen und abgerissen werden. Das ist sie auch, aber sie ist von örtlichen Handwerkern etwas größer an gleicher Stelle wieder aufgebaut worden,  um damit an einer vielbefahrenen Straße des Stadtteils Lohberg ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Natürlich ist „Zentrum“ eine etwas waghalsig übertriebene Formulierung für eine so kleine Hütte. Aber sie hebt sich hellblau vor der alten schmutzigen Zechenmauer ab, und ist, so wie sie jetzt da steht, ein Gemeinschaftsprojekt Lohberger Bürger, und zwar sowohl der Älteren als auch der Jüngeren. Denn die Schriftzüge sind in der Lehrwerkstatt einer nahegelegen Firma hergestellt worden. Das erklärt auch, daß die jungen Leute stolz auf ihr Werk sind. Und es gibt Leute, die für ein Programm sorgen.

Janet Rauch, stellvertretende Vorsitzende im Forum Lohberg und Gilbert Kuczera sorgen für das Programm. Jetzt, im zweiten Jahr stehen 55 Veranstaltungen an. Mit dabei sind drei Ausstellungen in der Galerie neben der Apotheke von Werner Heuking, der auch seit elf Jahren die Galerie betreibt. Werner Heuking ist auch im Vorstand des Forum Lohberg und unterstützt das Projekt Blaue Bude. Als Apotheker kommt Werner Heuking täglich mit allen ethnischen Bevölkerungsgruppen seines Ortes zusammen. Er ist vor langer Zeit von Duisburg nach Lohberg gezogen, weil er den Ort sympathisch fand. Er läßt nichts auf Lohberg kommen. Als ein WDR-Team vor einiger Zeit über Lohberg einen Bericht drehen wollte, ist er mit den Redakteuren durch die Straßen mit den Zechenhäusern gefahren, und hat ihnen einiges über die Geschichte und die Häuser erzählt, und es wurde eine gute  Reportage, wie er mir schmunzelnd sagte.

Ich nehme also mit  meinen geplanten Aktivitäten im April und im Juni, an einem Experiment teil, das heißt: Ich bin einer von wir.

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