Die Akte Purczeld II – Der Genosse Volksbildungsminister und „irre Faschisten“

Statue von Ferenc Puskás in Dudapest. Quelle: Wikipedia, Foto: Fekist, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Statue von Ferenc Puskás in Dudapest. Quelle: Wikipedia, Foto: Fekist, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im zweiten Teil seiner ‚Akte Purczeld‘ beschäftigt sich unser Gastautor Thomas Weigle diesmal mit ‚irren Faschisten‘.

In diesem Zusammenhang möchten wir auch auf seine bereits vor einiger Zeit bei uns im Blog veröffentlichten Texte zur SED-Justiz hinweisen.

 
„..nach mitteilung der kd beeskow hat der minister gen.Lange angeordnet, dasz die 12.Klasse aufgelöst ist und somit keiner der schüler das abitur ablegen kann.“ (Fehler im Orginal vom 22.12.56 Volkspolizei Frankfurt/O.)
Der Freiheitskampf der Ungarn 1956 bewegte natürlich auch die Menschen in der Zone, die nach wie vor unter der Diktatur der Pankower Machthaber litten. Weder gab es demokratische Freiheiten noch ein ausreichendes Angebot an Waren des täglichen Bedarfs, nach wie vor waren Lebensmittel tw. rationiert. Die Kritik an der mangelnden Versorgungssicherheit ließ Hermann Matern ausrasten: “Es muß doch einmal eine Grenze im Nahrungsmittelverbrauch geben. Man kann doch schließlich nicht nur essen, die Bevölkerung isst ihr ganzes Geld auf“, zitiert die „Freie Presse“ im Februar 57 diesen SED-Fachmann für die Alltagsorgen der Arbeiter und Bauern.

 

Über die Westmedien, in der Regel RIAS, informierte sich die Bevölkerung der DDR,„denn der DDR-Rundfunk war ein Loch des Schweigens, dass der RIAS füllte.“ (Garstka, Das schweigende Klassenzimmer)Am 29.10 rief der RIAS zu einer Schweigeminute für die Opfer des ungarischen Freiheitskampfes auf. In der DDR waberte gleichzeitig das Gerücht, dass Ferenc Puskas unter den Opfern dieser Kämpfe gewesen sein soll. Möglicherweise ist dieses Gerücht in der Folge des abgesagten Länderspiels Ungarn-Schweden entstanden, dass für Ende Oktober vorgesehen war.

 
Da die DDR-Medien in den Jahren zuvor die Goldene Elf aus Budapest aufmerksam und wohlwollend begleitet hatten, war Puskas natürlich auch bei den Fußballfreunden in der DDR, bei den Schülern in Storkow zu Recht bestens eingeführt und bewundert.
Auf Grund der RIAS-Meldung und des Gerüchtes über den Tod des ungarischen Virtuosen am Ball, beschlossen die Schüler der Abiturklasse in Storkow am nächsten Tag um 10.00 für fünf Minuten zu schweigen, keine Fragen zu beantworten. Am darauf folgenden Tag schwiegen die Schüler nochmals für eine Minute.

 
Nun beginnt sich eine Geschichte zu entwickeln, ein Beispiel an Mut und Zivilcourage, wie sie kein Romanschreiber besser hätte erfinden können. Die wenigen Minuten Schweigen dröhnten in der Folge der DDR-Regierung schwer in den Ohren und sogar bis nach London. Das propagandistische Desaster im Kampf gegen den Imperialismus und die Bonner Ultras nahm seinen Lauf. Angesichts der Dummheit und der Brutalität, der Missachtung der eigenen Verfassung, der Rechtlosstellung der betroffenen Schüler und ihrer Eltern durch eine völlig verunsicherte SED, die wild um sich schlug, beantwortet sich die Frage, ob die zweite deutsche Diktatur ein Unrechtsstaat war, von selbst.

 
„…am 1.11.56 hat die 12.klasse der oberschule in storkow…5 gedenkminuten für die gefallenen freiheitskämpfer der konterrevolution eingelegt“, (Fehler im Orginal, T.W.)heißt es in einer ersten Meldung der Volkspolizei in Frankfurt/ Oder,
Die SED-Bezirksorganisation hat wie gewohnt in jenen Zeiten der allseits beliebten Selbstkritik auch in den eigenen Reihen Schuldige ausgemacht:
„Die Parteiorganisation der Schule hatte nicht die Führung im Pädagogischen Rat inne und auch nicht innerhalb der Schülerschaft… ungesunde Streitereinen innerhalb der Lehrerschaft und auch der Parteiorganisation“, benannte SED-Bezirkssekretär Mückenberger die Mitschuldigen aus den eigenen Reihen nach Berlin. Daraufhin schickte die Regierung den Genossen Volksbildungsminister als Inquisitor aus, der streng und unnachsichtig Gericht zu halten hatte.
„Daraufhin folgte das, was Ulbrichts fortschrittliche Staatskunst für derlei Aufweichung bereithält: Verhöre, Verhöre, Drohungen in gesteigerter Reihenfolge und schließlich der „väterliche Einsatz“ des Genossen Volksbildungsministers. Lange“, so das Haller Kreisblatt am 12.1.57. Der „Rädelsführer Garstka“ schildert den denkwürdigen Auftritt des obersten Pädagogen in aller Deutlichkeit:
„Er brüllte, Blödsinn….Hier gäbe es einen oder mehrere Rädelsführer….Wie sollten ihm nichts von Puskas erzählen, hier seien ganz andere Elemente am Werk….Wenn einer hier den Putsch verteidige,…dem werde er eigenhändig die Fresse polieren… erfahre er, wer der oder die Rädelsführer seien, gehen die anderen straffrei aus“, schildert Garstka den denkwürdigen Auftritt des Volksbildungsministers.

 
Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass die SED durch die „Konterrevolution“ in Ungarn einen neuen 17. Juni am düsteren Winterhimmel heraufziehen sah, zumal die Lage in Ungarn noch längst nicht bereinigt war, Streiks und Demonstrationen provozierten nach wie vor die kommunistische Regierung, Todesurteile wurden von Standgerichten verhängt und sofort vollstreckt. Auch in Polen lief es nicht wirklich rund, der Sommer 56 war im übertragenen Sinne heiß gewesen, hatten doch im Juni(!!!) Streiks, Kämpfe in Posen, Wechsel in der Parteispitze stattgefunden und so musste die heute immer noch übel beleumdete Revolutionswächterpostille „Junge Welt“ einen harschen Verweis Richtung Osten auf den Weg bringen: „Polnische Jugendorganisation bringt die Begriffe Revolution und Konterrevolution durcheinander“, zitiert die Freie Presse am 10.12.56 das Zentralorgan der sog. Freien Deutschen Jugend. Im eigenen Land werden den Aufmüpfigen die Instrumente gezeigt: „Betriebskampftruppen“ paradierten mehrfach u.a. rund um die Humboldtuni, nach dem es dort zu studentischen Protesten und Versammlungen gekommen war. In einer dieser Versammlungen erklärte der Ostberliner SED-Chef Neumann den Studenten das unschöne Tun der Konterrevolution in Ungarn und anderswo. Der „Feindsender RIAS“ hatte zuvor die Studenten aufgefordert entweder „Krawall zu machen oder zu schweigen.“ Die Studenten schwiegen und im Bericht der zuständigen SED-Kreisleitung wurde daraus „ergriffenes Schweigen“ während der Genosse über die Ereignisse in Ungarn referierte. Auch hätten die Studenten mit großer Mehrheit einer vorgelegten Resolution zugestimmt. Im Gegensatz dazu heißt es im Stasibericht lapidar: „Als die Resolution vorgelegt wurde, verließen die Studenten den Saal.“

 
Der stellvertretende Verteidigungsminister Generalmajor Freier schickte NVA-Offiziere in die Betriebe , Klassenauftrag: „Drohen Sie ruhig!“ Es ist dies die Einstellung der SED, die auch 78 noch gilt, als der Polizistenmörder Mielke einmal mehr seine Untergebenen zu rücksichtslosen Vorgehen gegen den „inneren Feind“ vergattert.
Anfang Jänner verbietet das Politbüro Einzelreisen in den Ostblock, Gruppenreisen müssen vom Zentralkomitee (!!!) genehmigt werden, politische Diskussionen seien zu vermeiden, wurde den Reisenden mit auf den Weg gegeben, weit über 200 Versammlungen der Nationalen Front wurden abgesagt, da die Funktionäre sich nicht in der Lage sahen zu diskutieren. Ulbricht sah sich genötigt, Aufweichungen der Universitätskader der SED zu geißeln und Säuberungen durchführen zu lassen.

 
Genosse Wollweber, Mielkes Vorgänger, noch in Amt und Würden, gab die Linie vor: „Es kann selbstverständlich keine freie Diskussion geduldet werden.“ Hinzu kam, dass auch immer noch der XX.Parteitag der KPDSU und die Politik der „Entstalinisierung“ die SED-Spitze beunruhigte. Tauwetter machte das dünne Eis, auf dem die SED sich bewegte, arg rutschig, so mancher kam zu Fall und verlor Amt und Würden. Es hatte im Sommer 56 kleinere Streiks gegeben, an der TH Dresden hatten Studenten gegen ein Westreiseverbot demonstriert. Auch der Herbst brachte keine Abkühlung im Klassenkampf, so notierte ein Stasibericht: „Die Situation in der Industrie zeigt im Monat Oktober bis jetzt ein häufiges Auftreten von Arbeitsniederlegungen bzw. deren Androhung.“ Der Klassenfeind war überall und bereitete im Auftrag des „westdeutschen Terrorregimes“ die Konterrevolution vor, so die Wahrnehmung der Einheitssozialisten.

 

Dem allgemeinem Klima der Einschüchterung und des speziellen Terrors gegen sie und ihre Familien hielten die zwanzig Schüler der „schweigenden Klasse“ stand und nannten keine Rädelsführer, sondern bestanden darauf, dass es ihre alleinige, aber gemeinsame Aktion war. Der Autor des Buches DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER; GARSTKA berichtet von einer ähnlichen Aktion in Leipzig, wo der „Rädelsführer“ 10 Jahre Zuchthaus erhielt. Solche Terrorurteile waren in den Jahren bis weit nach dem Mauerbau üblich.

 
Nachdem die stundenlangen Verhöre der Schüler begonnen hatten, wurde Dietrich Garstka von einem bereits verhörten Schüler gewarnt, dass sein Name als „Rädelsführer“ genannt worden sei. Garstka flüchtete daraufhin am nächsten Morgen über Ostberlin und an den Schildern „Ende des demokratischen Sektors“ vorbei in den freien Teil Berlins.
Nun bauten die Autoritäten den Schülern eine goldene Brücke, nach deren Überschreiten würde alles gut werden: Sie sollten Garstka als „Rädelsführer benennen. Die Schüler weigerten sich und beharrten darauf, dass es eine gemeinsame Aktion war. Ein leuchtendes Beispiel von persönlichem Mut und Zivilcourage.

 
Die Folge der Standhaftigkeit, der Zivilcourage gegenüber den Einheitssozialisten war unvermeidlich: Relegation ohne Zeugnis, keine Möglichkeit anderswo in der DDR das Abitur abzulegen. Nun verabredeten sich Jungen der Klasse zur Flucht um Weihnachten und Silvester in kleinen Gruppen ins freie Berlin. Da sie sich kaum mehr unbeobachtet treffen konnten, taten sie dies als Besucher eines Fußballspiels. Kaum war die „Massenflucht“ bekannt geworden, lief die Staatsmacht Amok. Laut westlichen Presseberichten ordnete die zuständige SED-Bezirksschulrätin Kulakowski Razzien bei den Eltern der geflüchteten Schüler an. Von „Spionage und Sabotage“ und „irren Faschisten“ ist die Rede( FP 5.1.57).

 
Wenn in der „Zone“ von Spionage und Sabotage die Rede war, schlug die Staatsmacht und die von ihr politisch geführte Justiz unbarmherzig zu. Wurden besonders absurde Terrorurteile im Westen bekannt, dann ruderte man auch schon mal zurück, warf den nachgeordneten Stellen fehlerhaftes Verhalten vor, selbst Ulbricht sprach dann schon mal davon, dass „viele kleine Leute verhaftet wurden ohne Grund, wenn wir in einem solchen Umfang Leute verhaften,….dann führt das zu einer gefährlichen Atmosphäre.“ Auch der Vizepräsident des obersten Gerichtes der DDR, der selber an Terrorurteilen mitgewirkt hatte, zeigte sich 1956 ebenfalls mal einsichtig: „Es kann unmöglich geduldet werden, dass Häftlinge eine Woche lang jeweils die ganze Nacht und dabei an drei Tagen Tag und Nacht vernommen werden. Wenn solche Häftlinge ihre in derartigen Vernehmungen gemachten Aussagen gemachten Aussagen widerrufen, halte ich es für unmöglich, unter solchen Umständen gemachte Aussagen als beweiskräftig anzusehen.“

 
Solch löbliche Einsicht hielt in der Regel nicht lange vor, ganz im Gegenteil, auch der damalige FDJ-Vorsitzende drohte bei anderer Gelegenheit: „Wer den Genossen Ulbricht kritisiert oder den besten Freund des deutschen Volkes, Nikita S. Chrustchow beleidigt, wird erst verprügelt und dann der Volkspolizei übergeben.“ In den „Stimmungsberichten“ der Ostberliner SED-Kreisleitungen in den Tagen unmittelbar nach dem Mauerbau ist von „Provokateuren“ die Rede, die erst mit „Arbeiterfäusten“ Bekanntschaft schlossen und dann der Volkspolizei übergeben wurden. Andere Formen der Selbstjustiz wurden sogar juristisch legitimiert. Dem Besitzer eines Kofferradios wurde Schadensersatz verweigert, nachdem ein erboster und linientreuer SEDler sein Gerät zerstört hatte, weil der Radiobesitzer in der Öffentlichkeit den bei den Kommunisten besonders verhassten RIAS gehört hatte.

 
Die 15 Jungen, die mittlerweile durch eine Schülerin „Verstärkung“ erhalten hatten, gerieten nun in den Focus der Medien im freien Teil Deutschlands, Berichte in den Tageszeitungen und Illustrierten stellten das Verhalten der Pankower Machthaber an den Pranger und denen dämmerte die Erkenntnis, dass sie einen kapitalen Bock geschossen hatten und schickten diesmal nicht den Volksbildungsminister, sondern Eltern aus, die die Schüler, die eben noch „Spione“, „Staatsverbrecher“ und „irre Faschisten“ waren, zurückholen sollten.
Noch in Berlin hatte einer der Schüler ein Telegramm von seiner Mutter erhalten, sie sei schwer erkrankt, wenn er sie noch einmal sehe wolle, müsse er umgehend nach Storkow zurückkehren. Nach einer Nacht voller Zweifel wollte er zurück in die Zone. Als er das Haus verließ, stand seine Mutter vor der Tür, die ihm noch warme Winterkleidung bringen wollte. Von einem Telegramm wusste sie nichts…

 
Auch andere Eltern besuchten ihre Kinder im freien Teil Berlins mit offiziellem Auftrag, sie zur Rückkehr zu bewegen:
„Sie erzählten uns von Gesprächen mit Genossen wegen uns, von ihren Verstellungen, taktischen Reden, damit sie staatsloyal erscheinen konnten, wenn sie ihre Aussagen über uns machten, um die man sie jedes Mal bat. Die Herren mussten sich anhören, wie uneinsichtig verstockt die Kinder seien, jedes Zureden vergrößere nur deren Trotz.“
Als einer der Hauptschuldigen vor Ort wurde der Schulleiter ausgemacht: „Jetzt wurde mir etwas zum Verhängnis, was ich unten im Flur gesagt habe. Wenn ihr die Klasse entlasst, dann wird sie weg sein bei der offenen Grenze.“ Diese Äußerung wird ihm als Mitwisserschaft ausgelegt, ausnahmsweise nachsichtig wurde er nur aus „gesundheitlichen Gründen“ seines Postens enthoben Ebenso, dass er die Bemerkung eines Schülers, dass die DDR eine Sowjetkolonie sei, nicht sofort weitergeleitet habe. Dies wäre dem Schüler als Boykotthetze ausgelegt worden, für dieses Vergehen gab es in der Zone kein Pardon.

 
Die Stasi informiert: „Wir wissen jedoch genau Bescheid, dass die Rädelsführer ganz andere Ziele verfolgten. Sie wollten Unruhe stiften. Angestachelt von westlichen Organisationen, die unsere staatliche Ordnung, vor allem an den Oberschulen, stürzen wollen. Das aber haben die Anstifter ihren Klassenkameraden verschwiegen. Sie schoben Puskas vor, um die anderen mit hereinzuziehen.“ Der imperialistische Klassenfeind ist wahrhaft um kein schmutziges Mittel verlegen, wenn es um die Destabilisierung des Arbeiter und Bauernstaates geht. Vor allem das verhasste Ostbüro der SPD soll zu Gange gewesen sein. Der „Hetzsender BBC“ wurde ebenfalls verdächtigt, hatte dieser doch bereits am 29.12.56 ziemlich ausführlich über das Geschehen in der märkischen Kleinstadt berichtet. Es war in der DDR üblich, dass Menschen die westlichen Medien informierten, selbstverständlich in den meisten Fällen anonym, denn bei „staatsgefährdender Verbindungsaufnahme“ oder „Sozialdemokratismus“ verstanden die Politbürokraten überhaupt keinen Spaß, da wurden langjährige Zuchthausstrafen ausgeworfen wie anderswo gebührenpflichtige Verwarnungen ausgestellt werden. Natürlich berichteten auch Reisende und Flüchtende ausgiebig von den Zuständen im SED-Staat, informierten die bundesdeutschen Medien.

 

Das Schlussfazit der Firma „Horch und Guck“ fällt dann auch entsprechend düster aus:
„Die ganze Aktion entspricht keinesfalls einer impulsiven oder spontanen Handlung der Schüler, sondern war systematisch organisiert durch westliche Verbrecher-und Agentenorganisationen, an deren Spitze das Ostbüro der SPD, in einer Zusammenarbeit mit dem englischen Geheimdienst.“ Finsterste Motive bestimmten das Handeln der westlichen Politikgangster, denn: „…diese Oberschüler als Kanonenfutter für ihre imperialistischen Raubinteressen in der westdeutschen Nato-Armee zu gewinnen“, ist die unfeine Absicht der „Bonner Ultras“ sauber herausgearbeitet. Nicht fehlen darf auch ein ehemals „hoher SA-Führer“ in dem unschönen Geschehen, hat dieser doch die sportlichen Aktivitäten der Jugendlichen für sein subversives Tun ausgenutzt.

 
Es hat also einmal mehr nicht an den üblichen Verdächtigen gefehlt, gepaart mit Fehlern in den eigenen Reihen, die in jenen bewegten Zeiten auch nicht immer so geschlossen waren, wie man sich das im Politbüro wünschte.
Abgesehen von dem absurden und menschenverachtenden Vorgehen der Einheitssozialisten, ist die Vergeudung von Manpower bemerkenswert, solch ausuferndes und brutal-demagogisches Tun bei absoluten Kleinigkeiten ist bis zum Ende DDR-typisch.
Dietrich Garstka, der „Rädelsführer“ bilanziert: „Warum wurden wir von der Schule gewiesen, wenn wir nur Opfer waren? Alles an den Haaren herbeigezogen, verzerrt, verbogen, erzwungen. Die Wirklichkeit ereignete sich außerhalb der wahnhaften Verknüpfungen ihres ideologischen Spinnennetzes.“

 
Für die 16 Schüler stand allerdings ein Happyend auf dem Stundenplan, alle konnten im März 58 an der Bergstraße ihr Abitur machen. Im freien Teil Berlins wollten sie nicht bleiben, da sie mögliche Entführungsversuche durch die Stasi befürchteten, denn immer wieder verschwanden dort hartnäckige Gegner des SED-Regimes. In der entsprechenden Literatur ist von bis zu 600 durch den DDR-Geheimdienst Entführten die Rede.

 
Dieses hemmungslose Vorgehen, diese Drohungen gegen „Staatsfeinde“, die zahllosen Verurteilungen werden das Handeln der SED bis zu ihrem Ende bestimmen. Zahllose Berichte von Betroffenen belegen dies, auch Genossen wie Walter Janka oder Kudi Müller, der 2. Mann der KPD in der Bundesrepublik wurden nicht anders behandelt, wenn die maßgeblichen Herrschaften einmal mehr Opfer ihrer Paranoia wurden, eines Wahnes, der die Kommunisten von Anfang an begleitete und ihr Handeln bis zum für sie bitteren Ende bestimmte.

Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, Berlin 2006
Engelmann/Vollnhals: Justiz im Dienste der Parteiherrschaft, Berlin 1999
Mitter/Wolle: Untergang auf Raten, München 1993
Verschiedene Ausgaben von Freie Presse, Haller Kreisblatt,
weitere Literatur unter SED-Justiz III Scheinhinrichtung und Folter

3 Kommentare

Als ein ehemaliger Schüler Dietrich Garstkas, freue ich mich sehr von Ihm mal wieder zu lesen!
Well done, Thomas!

Der Film "Die schweigende Klasse", der sich mit den damaligen Ereignissen beschäftigt, ist ab heute in den Kinos.

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