Der Kulturnekropole Ruhr fehlt es an Ritualen

Ralf Rothmann liest - Foto: Jörg Briese

Nach dem Zechensterben darf das Kultursterben nicht sang- und klanglos vonstattengehen

Gerade eben habe ich drei Tage an der zeeländischen Küste verbracht, um Kopf und Herz durchzulüften und ein wenig Distanz zum Alltag zu gewinnen.
Ganz allerdings konnte ich auf die samstägliche Frühstückslektüre der WAZ nicht verzichten und las dort unter der Überschrift „Theater und Festival in Moers bedroht“ die einleuchtenden Zeilen:
„Es ist eine Liste der Grausamkeiten, die derzeit in Moers kursiert, und wenn sie exekutiert wird, ist die bis jetzt so charmante Niederrhein-Stadt tot …“ Und dann berichtet die WAZ von einer möglichen Schließung des Schlosstheaters, einem Ende des Moers Festivals, des Comedy Arts Festivals, von Schließungen bei den Stadtteilbibliotheken oder Altentagesstätten und Kürzungen bei der Sportförderung.
Alles todtraurig, doch nicht neu. Aus anderen Ruhr-Städten treffen solche Hiobsbotschaften regelmäßig ein (die Ruhrbarone berichteten). Und was 2012 nicht abgeholzt wird in der Kunst und Kultur, das kommt eben 2013 ff. an die Reihe, mein Wort darauf.
Haushaltssicherungskonzepte, Sparkommissare und die Zwänge des sog. „Stärkungspakt II“ werden alle Städte zum unbarmherzigen Abbau kultureller Infrastruktur zwingen. Mutige kulturpolitische Widersprüche sind dabei von jenen Parteien, die die Kulturabwicklung betreiben, nicht zu erwarten.

Doch es mag die wohltuende Seeluft nahe Antwerpen gewesen sein, die mir Ideen dazu eingab, wie man das Kultursterben zum Event aufblasen kann, das New York, Paris und London das Fürchten lehren wird. Und dazu hat mich wieder einmal nichts als Literatur inspiriert.

Stadtindianer vor Kohle
In der berührenden Erzählung „Alte Zwinger“ aus Ralf Rothmanns neuem Erzählband „Shakespeares Hühner“ fragt der Sohn seinen in Knappenuniform von einem Auftritt des Bergmannschores zurückkehrenden Vater: „Und wo hast du gesungen?“
Dass der Vater mit dem Knappenchor bei Hochzeiten oder Begräbnissen von Kumpeln singt und beschwipst heimkehrt, das kennt der Junge. Doch diesmal erzählt der Vater eine andere Geschichte.
„’Wir haben unter Tage gesungen’, murmelte er. ‚Ein Flöz war leer, und dann rückt man an zum letzten Lied.’“ (…)
„’Die Kohle ist ausgeräumt, und bevor man alles wieder mit Schutt oder Geröll zustopft, bedankt man sich bei der Erde mit einem Lied’, sagte mein Vater.’ Das ist ein alter Brauch.’“

Und bevor Sie jetzt sagen: „Oh, ich wusste ja noch gar nicht, dass die Knappen da ein quasi-indianisches Ritual pflegen“, muss ich Ihnen mitteilen: Der virtuose Geschichtenerzähler Ralf Rothmann hat dies alles frei erfunden. (Mehr dazu ab Minute 36:15 unter http://www.youtube.com/watch?v=4AM_DbWd70E, Ralf Rothmann liest die Erzählung „Alte Zwinger“.)

Glück ab, der Streicher kommt
Doch ‚gut erfunden’ taugt eben auch für die Wirklichkeit. Wie wäre es, wenn all die Knappenchöre und Bergmannskapellen, wenn die letzten Bandoneonorchester und Schalmeienzüge bei der Schließung jeder Kultureinrichtung aufträten, die demnächst möglichst bitte ohne großes Aufsehen über die Bühne gehen soll?
Mehr noch als beim „Day of Song“ wird da für Wochen, Monate, Jahre das ganze Ruhrgebiet vor Musik erzittern. Omnipräsent wird es längs der Ruhr nur so klingen und klingeln „Glück ab, der Streicher kommt…“. Wo ist der Komponist, der uns ein „Requiem for an unholy week“ schreibt, denn alle Musik zum Kultursterben sollte spätestens 2015 münden in weltweit beworbenen Abgesängen, die auch aus dem Weltall zu hören sein müssten: beim „Month of Lament in Music and Poems“.

Und wenn später dann die Feuerwehr aus Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ tatsächlich durch die Straßen fährt, um all die überflüssigen Bücher zu verbrennen, die in den aufgelassenen Stadtteilbüchereien nur noch Lagerkosten verursachen, dann verstecke ich mich mit Freunden in den Wäldern, die das Ruhrgebiet von den Rändern her langsam zurückerobern. Dort lernen wir Romane, Essays, Theaterstücke, Erzählungen und Gedichte auswendig und werden sie jedem aufsagen, der sie noch hören will – und kann.

9 Kommentare

Helge Schneider hats geahnt. Auf seinem Heimatabend beim diesjährigen Moersfestival hatte er den MGV Concordia aus Dinslaken Lohberg zu Gast und begleitete den Knappenchor während des Steigerliedes am Klavier. Anschliessend erfuhren die Zuschauer, dass das Steigerlied vom Bierlied abstammt, welches vorher da war, “weil Bier das älteste Getränk ist, dass man damals kaufen konnte”

Das Bierlied sang Helge im Anschluss an das Steigerlied. Dieselbe Melodie, aber folgender Text:

Ein Kasten Bier
ein Kasten Bier
ein Ka-asten Bier, ein Ka-asten Bier
ein Ka-asten Bier, ein Ka-asten Bier
ein Kasten Bier
ein Kasten Bier

zweite Strophe:
Zwei Kästen Bier
zwei Kästen Bier…

Solche Einlagen als begleitenden, in der Öffentlichkeit laut wahrnehmbaren Totengesang, während still und schweigend Kultureinrichtungen geschlossen werden, hätten schon was…

#1, DH: Schön. Erinnert mich irgendwie an Lou Reed und seine “New York”-Scheibe. Darin auch der Song “A Busload of Faith”:

(…)
You can’t depend on intelligence
Ooohhh, you can’t depend on a god
You can only depend on one thing
You need a Busload of Faith to get by, watch, baby
(…)
You can depend on the worst always happening
(…)
You can’t depend on the goodly hearted
The goodly hearted made lampshades and soap
(…)
You can depend on cruelty
Crudity of thought and sound
(…)

#4: Liebe Eva, schreip du dat Ding doch!

Und verwende doch bitte – mir zuliebe – noch folgende Wörter:
Schüttelrutsche; Kohlenhobel und Kettenkratzerförderer.
Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%BCttelrutsche

Dann könntest Du die hochdotierte Begleitmusik machen zur meiner geplanten Installation mit Schüttelrutschen, Kohlenhobeln und Kettenkratzförderern, auf die ich für zwei Stunden alle Kultur- und Finanzpolitiker des Ruhrgebiets plus ‘Eventmanager’ setzen möchte.
Muss nur noch Sponsoren finden.

Wat meinze, wat dat erst aufrütteln und zugleich weghobeln, keinen kratzen und niemanden fördern tät!?
Sozusagen ein Kunstwerch, dat die Widdersprüche vom Ruhrgebiet im Medium der Bergbautechnik ätzthetisch sichtbar macht.
Gezz bisse platt, wa?
Fenzeremus!

Alle Achtung Herr Herholz, auf ihre alten Tage werden sie noch ein Anarchist.

Vielleicht begleite ich ihre Gruppe in den Ruhrwald, wo ich doch so gern den Wald durchstreife um Vögel zu hören und Schmetterlinge zu sehen.

#6: Mir, Sie alter Charmeur! Und dieses schöne Kompliment mit den “alten Tagen”.
Ansonsten: Ich arbeite halt an meiner Existenzberichtigung.
😉

und dann kommt der paul kuhn und intoniert das sparpaket

“es gibt kein bier hier im pütt
es gibt kein bier…”

und löst damit einen emigrationsschub aus

die hiergebliebenen gehen in den untergrund – in die alten schächte

wo vorrausschauende geschäftemacher massenweise bier gehortet halten

diese speakeasys der neo-prohibition sprechen sich herum

weil da auch laut gesungen wird

und großinquisitorin barbara steffens die gehört hat daß da auch geraucht wird droht damit die schächte mit milch aus eu-überschüssen zu fluten wenn nicht alle rauchertrinkersänger mit erhobenen händen rauskommen

was dann zu einer neuen großrazzia von law-and-order-jäger führt

BILD titelt “Gefährlicher gegärter Gerstensaft…

Es gibt Alpträume – die hatten wir noch gar nicht

Und nun gebe ich mich wieder den meinen hin

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