Der Beginn des europäischen Kolonialismus Teil 3 – Soziale Spannungen und interne Verwicklungen

Osmanen belagernWien
Osmanen belagernWien

Wie ich schon im Teil 2 der Serie „Beginn des europäischen Kolonialismus“ herausgearbeitet habe, grenzt es in gewisser Hinsicht an ein Wunder, dass die beiden westlichen europäischen Mächte Spanien und Portugal ihre Kolonialisierung in Amerika, Afrika, dem indischen Ozean, und darüber hinaus bis nach Ostasien durchführen konnten, während im Mittelmeerraum die Europäer selbst in Deckung gehen mussten. Von unserem Gastautor Helmut Junge.

Denn all ihre nautischen und kriegstechnischen Neuerungen haben im Mittelmeerraum nicht zu ähnlichen Erfolgen geführt.

Spanier und Portugiesen konnten in den nächsten Jahrzehnten in den Teilen der Welt, die sie für sich beanspruchten, mehr oder weniger ungestört schalten und walten, wie sie wollten. Es dauerte Jahrzehnte, bis Frankreich das Auge auf den amerikanischen Kontinent richtete und seinerseits begann dort Kolonien anzulegen. Die Briten störten zwar durch Piraterie den transatlantischen Transport, aber bis sie mit den Niederländern gemeinsam so weit waren, Spanier und Portugiesen militärisch zu verdrängen, vergingen noch etliche weitere Jahrzehnte.

Man sollte also denken, dass das, was Spanien im Westen, und Portugal im indischen Ozean so unangefochten treiben konnten, auch für das Mittelmeer Gültigkeit haben müsste.

Aber das Gegenteil war der Fall, Europa drohte selber zur kolonialen Beute eines mächtigen Feindes zu werden, was dann auch für Griechenland und den Balkan, bis nach Ungarn tatsächlich geschehen ist. Und das lag daran, dass im östlichen Mittelmeer so nach und nach mit dem osmanischen Reich eine neue Großmacht entstanden ist. Lange vor dem eigentlichen Paukenschlag, der Eroberung Konstantinopels, hatte das osmanische Heer große Teile des byzantinischen Reiches erobert, Bulgarien besetzt, und einen eilig vom damaligen Papst ausgerufenen Kreuzzug in der Schlacht von Varna niedergeschlagen. Die Interessen der europäischen Hauptmächte waren damals offenbar kaum tangiert worden, denn obwohl es den Osmanen bereits 1453 gelungen war, mit Konstantinopel, eine der beiden Säulen des ehemaligen antiken römischen Imperiums zu erobern, treten sie erst richtig in den Blickpunkt der Weltgeschichte, nachdem sie das Mameluken-Reich des ägyptischen Sultans Al Ghuri erobert hatten. Das ist aus meiner Sicht ein wirklicher Wendepunkt in der Geschichte des Mittelmeerraums, weil durch die Niederlage dieses Sultans auch Venedig betroffen war. Venedig ging durch den Verlust des Monopols auf den indischen Gewürzhandel eine enorm wichtige Einnahmequelle verloren. Als Handelsmacht fügte es sich aber sehr schnell in den neuen realen Zusammenhang ein, und bemühte sich um ein gutes Verhältnis zur neuen moslemischen Großmacht, dem osmanischen Reich. Und da gute Händler immer gebraucht wurden, ging diese Liason auch etliche Jahre gut. Noch verfügte der osmanische Sultan Selim über keine qualifizierte Flotte. Erst als sich der Pirat und Bey von Algier, Khair ad-Din Barbarossa 1529 dem osmanischen Sultan mitsamt seiner Flotte unterwarf, wurde aus der Landmacht auch eine Seemacht. Als dieser Khair ad-Din Barbarossa dann zum Oberbefehlshaber der osmanischen Seestreitkräfte ernannt wurde, waren die Osmanen plötzlich eine ernstzunehmende Seemacht im Mittelmeerraum.

Die beste und schnellste Schiffsform für den Mittelmeerraum waren zu dieser Zeit Galeeren. Die Galeeren waren den Segelschiffen an Zuverlässigkeit und Geschwindigkeit weit überlegen, verfügten aber über nur geringen Laderaum und mussten, wegen des gewaltigen Wasserbedarfs der Mannschaft sehr häufig Häfen ansteuern um diese Vorräte zu ergänzen. Darum waren sie auch für weite Reisen über den Ozean nicht geeignet. Aber im Mittelmeer mit seinen vielen Häfen wurden sie seit dem Altertum als Kriegsschiffe eingesetzt. Da alle bisher beschriebenen technischen Verbesserungen im Schiffsbau durch die Portugiesen Segelschiffe betrafen, die weite Strecken über den Ozean fahren konnten, diese aber trotz aller Verbesserungen an die Schnelligkeit und Wendigkeit von Galeeren nicht herankamen, kamen deren Vorzüge im Mittelmeerraum nicht zur Geltung.

Weil ich die politisch militärischen Verwicklungen der nächsten 100 Jahre nur erklären kann, wenn ich einige Überlegungen über die grundsätzlichen Unterschiede in der gesellschaftlichen Entwicklungen der beiden äußeren Randgebiete des ehemaligen römischen Weltreichs nach dessen Zerfall untersuche, muss ich leider etwas weiter ausholen. Denn ich möchte die nun folgende Zeit nicht unter den Blickwinkel des Zusammenprall zweier verschiedener religiösen Systeme sehen, sondern zeigen, dass die Ursachen für die Expansion und Machtpolitik in den Kriegen gegen die Osmanen, sehr tief in der unterschiedlichen Ökonomie angelegt war, und die Religion jeweils nur als Vorwand benutzt wurde, um die in dieser Ökonomie begründeten unterschiedlichen Machtinteressen besser umsetzen zu können. Das 16. Jahrhundert war eine bewegte Zeit. Es war die Zeit vieler Bauernaufstände, der Thesen Anschläge durch Luther, des Deutschen Bauernkriegs, und die 1. Belagerung Wiens durch die Türken. In all diesen Ereignissen ging es vordergründig um die Religion, wobei die Religiosität bereitester Bevölkerungskreise benutzt wurde, um die dahinter liegenden machtpolitischen Interessen einiger Warlords, sprich Fürsten, Könige, Sultane zu kaschieren. Dass es um Machtinteressen, und nicht um religiöse Fragestellungen ging, lässt sich aber relativ leicht aus der damaligen Bündnispolitik zeigen.

Die hauptsächlichen Unterschiede in der Wirtschaftsform zwischen den europäischen Mächten einerseits und den arabisch-osmanischen Mächten andererseits.

Während der Antike beruhte die Wirtschaftskraft aller bekannten imperialen Mächte auf der Sklaverei. Das galt auch für das römische Imperium. Genauso, wie alle anderen bekannten antiken Mächte vorher, führte Rom Kriege, um seinen Bestand an Sklaven aufrechtzuerhalten, Tributzahlungen durchzusetzen, aber auch um das Territorium zu erweitern.

Die Erben des römischen Imperiums durchliefen in den nächsten Jahrhunderten ganz unterschiedliche Entwicklungen.

Die neuen militärischen Herrscher im westlichen und mittleren Europa, bis Norditalien, hauptsächlich Germanenstämme, waren mehr oder weniger stark organisierte Bündnisse freier Bauern mit einer anfangs noch schwach entwickelten Hierarchie. Diese „Barbaren“ waren nicht fähig das hoch entwickelte komplexe Wirtschafts- und Kultursystem der Römer zu weiterzuführen.Nach dem militärischen Zusammenbruch des weströmischen Reiches zerfiel konsequenterweise auch dessen hoch entwickelte Kultur.

Der Zeitraum, den wir gewohnt sind „Mittelalter“ zu nennen, war also gekennzeichnet durch einen gewaltigen kulturellen Rückschlag. Gleichzeitig aber war es ein Neubeginn, wenn auch auf einer sehr viel niedrigeren Stufe. Auf mitteleuropäischen und nordeuropäischen Boden nahm die politische kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung einen anderen Verlauf, als dort, wo diese Barbarenstämme keine Macht ausüben konnten. Aus den ursprünglichen lockeren Bündnissen freier Bauern bildeten sich im Laufe der Zeit hierarchische Strukturen, in denen die Bauern immer mehr Rechte zu Gunsten einer Adelskaste verloren. Die Bauern mussten über einen langen Zeitraum hinweg nicht nur sich selber versorgen, sondern auch die wachsenden Bedürfnisse einer

hierarchisch weit über ihnen stehenden Herrschaftsstruktur befriedigen. Bis aus freien Bauern unfreie Pächter wurden, die ihrem Lehnsherren abgabepflichtig waren, war es ein weiter Weg, in einem langsamen Prozess, der sich über die Jahrhunderte herausgeformt hat, und der nie ohne soziale und politische Spannungen verlief. Es kam immer wieder zu lokalen Aufständen von Bauern, die aber jedes mal vom straff organisierten, bewaffneten Adel niedergeschlagen wurden. Da die Bauern zahlenmäßig zu allen Zeiten dem Adel in einem Verhältnis von grob geschätzt, 40:1 überlegen waren, benötigte der Adel auch entsprechende straffe Organisationsstrukturen, um seine Überlegenheit aufrechtzuerhalten. Die landwirtschaftliche Produktivität veränderte sich im Mittelalter kaum, und der fruchtbare Boden war trotz der Rodung der Wälder begrenzt. Darum war auch der Überschuss, den die Bauern erwirtschafteten, nach oben limitiert. Eine Besonderheit dieses Systems war, dass die Adelskaste wegen der besseren Ernährung ihrer Nachkommen prinzipiell schneller anwuchs als die schlechter ernährte Bauernschaft, so dass zur Aufrechterhaltung des Lebensstandards eine Form von Überschussbeseitigung beim Nachwuchs des Adels stattfinden musste. Diese Überschussbeseitigung der Adelskaste fand in unzähligen Fehden des Adels untereinander, aber auch in größeren Verbänden um einen Heerführer oder König geschahrt statt. Das Dilemma dieser mittelalterlichen Feudalgesellschaft war, dass jeder Krieg, der nicht stattgefunden hat, die Zahl der Mitglieder der Adelskaste anwachsen ließ, was zur Verarmung großer Teile des niederen Adels führte. Das wiederum verstärkte die Spannungen innerhalb der Adelskaste, was wiederum zu Kriegen führte. Die Schwelle für einen Kriegsgrund war während dieser Zeit systembedingt sehr niedrig. Das feudalistische System stand quasi immer unter Druck. Die Herausbildung größerer staatlicher Systeme scheiterte immer wieder daran, dass die Erben sich nach dem oben beschrieben Grundprinzip wieder gegenseitig Land samt arbeitender Bevölkerung mittels kriegerischer Auseinandersetzungen wegnehmen mussten. Das Riesenreich Karls des Großen wurde unter seinen Nachkommen wieder und wieder geteilt, was Anlass ungezählten Kriegen gab. Der innere Krieg, aber auch der Krieg nach außen, waren eigentlich Entlastungskriege, die den Druck im Inneren reduzieren sollten. Solche Kriege, dazu gehören auch die Kreuzzüge waren also eine unabdingbare Voraussetzung zur Aufrechterhaltung des mittelalterlichen Feudalsystems. Trotz alldem führte die Gier nach Befriedigung der unterschädlichen Bedürfnisse dieser Adelsgesellschaft zur Bildung von Städten, in denen Handwerk und Kunst sich entfalten konnten, um genau diese Bedürfnisse zu befriedigen. Doch mussten diese Städte vom König oder Hochadel gegen die Begehrlichkeiten unterer Adelsschichten geschützt werden. (Reichsfreie Städte) Die gegenseitige Konkurrenz, und die Angst vor militärischer Unterlegenheit und Vernichtung, führte auch zur Förderung von Projekten, die zur Verbesserung und Stärkung der eigenen ökonomisch-technischen, und damit militärischen Basis führen konnten, wie man am Beispiel des portugiesischen Prinzen Heinrich exemplarisch sehen kann.

Trotz dieser vielen Kriege und inneren Spannungen hielt sich dieses mittelalterliche Feudalsystem, das auf der Unterdrückung der Bauern beruhte, mehr oder weniger stabil, denn die Bauern konnten gegen die gepanzerten und schwer bewaffneten gut organisierten Reiter der Adelskaste nichts ausrichten. Das änderte sich erst mit der Entwicklung billiger Schusswaffen, gegen die eine Ritterrüstung keinen Schutz bot.

Der Grund, warum die Sklaverei im europäischen Mittelalter keine wichtige Rolle gespielt hat, wird an vielen Historikern als Konsequenz christlichen Denkens angesehen, aber ziemlich sicher ist, dass die Produktivität freier Bauern, der von Sklaven betrieben Latifundienwirtschaft schlicht und ergreifend überlegen war. Wenn ich schreibe, dass die Sklaverei keine wichtige Rolle spielte, bedeutet dies nicht, dass es keine Sklaverei im europäischen Raum gegeben hätte. Aber sie war nach der Zerschlagung des weströmischen Reiches für die Landwirtschaft nicht mehr praktikabel, um im nun germanisch dominierten Lebensraum eine wichtige Rolle zu spielen. Sie ist auch nicht flächendeckend im gesamten christlichen Abendland abgeschafft worden. Darüber kann auch ein Verbot der Sklaverei durch Karl den Großen nicht hinwegtäuschen.

Die von mir oben beschriebene jahrhundertelange Entwicklung, die einen prägnanten Bruch mit den Traditionen der antiken Welt darstellt, hat es meines Wissens in der Welt, mit wenigen Ausnahmen wie Japan, deshalb nicht gegeben, weil nirgendwo sonst die Macht in die Hände militärisch überlegener, aber ökonomisch und kulturell rückständiger Barbarenstämme gefallen ist. Und wenn wir diese Epoche als weltweite Phase des Mittelalters bezeichnen, scheint mir dies doch eine ausgesprochen eurozentristische Sichtweise zu sein. In anderen Teilen des den ganzen Mittelmeerraum umfassenden römischen Reiches hat es eine vergleichbare Entwicklung nämlich nicht gegeben. Im Prinzip sind am östlichen und südlichen Mittelmeerrand die antiken Lebens-und Sichtweisen nie radikal infrage gestellt worden. Ein ganz wichtiger Unterschied ist die Beibehaltung der Sklaverei als Hauptgrundlage der Ökonomie. Die Kriterien, nach denen diese außereuropäischen Gesellschaften des Mittelmeerraums organisiert waren, nund ach denen sie weiterhin ihre Kriege und Raubzüge durchführten, passen besser zum Muster der antiken Welt, als zu den oben beschriebenen Regeln der europäischen Welt, bzw. des europäischen Mittelalters.

Im arabisch-osmanischen Raum spielte die Sklaverei, genau wie in der Antike, noch eine bedeutende Rolle für die Ökonomie dieser Länder. Ein wichtiges Beispiel für Sklavenjagd mittels Piraterie sind die nordafrikanischen Barbareskenstaaten, die mit ihren schnellen Schiffen groß angelegte Überfälle auf die Küsten der Mittelmeerinseln und des europäischen Festlands durchführten. Deren Ökonomie wurde zu einem riesigen Prozentsatz durch Menschenraub Versklavung, Tributforderungen und Lösegelderpressung bestimmt. Und wer sich über die merkwürdige Positionierung einiger Küstenstädte im Mittelmeerraum wundert, die einige Kilometer von ihren Häfen landeinwärts angelegt worden sind, findet die Antwort darin, dass dies als Schutzmaßnahme wegen der Piratenüberfälle dieser Zeit gemacht wurde.

Man kann aus den oben beschriebenen unterschiedlichen ökonomischen Voraussetzungen den Schluss ziehen, dass die beiden großen Machtblöcke trotz aller Unterschiede einen gemeinsamen Nenner hatten, und das war die Notwendigkeit Kriege zu führen. Auf der einen Seite Kriege um Land und arbeitende Bevölkerung, und auf der anderen Seite Kriege wegen Raub Tributzahlungen und Sklavenjagd, und natürlich auch um territoriale Erweiterungen. Und um Kriege zu führen, muss Bündnispolitik betrieben werden. Und diese Bündnispolitik wurde auch betrieben. Da es im europäisch christlichen Raum, dem sogenannten Abendland, grundsätzlich um die Aneignung von Land samt Leuten ging, gab es in diesem Raum auch keinen ausgeprägten Sinn für gemeinsames Handeln. Ein europäischer Herrscher heute ein Bündnis schließen, das nach Erreichung eines Ziels schnell wieder gebrochen wurde. Er konnte also durchaus auch ein Bündnis mit dem Sultan schließen, wenn es zu seinen eigenen Interessen passte. Auch der jeweilige Sultan, der keine religiöse Autorität über sich hatte, konnte seine Bündnispartner seinen Machtinteressen entsprechend auswählen. Einzig der Papst und die Kurie, und später auch die protestantischen Kirchen, hatten aus ihrem ureigenen Interesse keinerlei Spielraum für eine Bündnispolitik mit den Anhängern einer fremden Religion. Das waren in etwa die Rahmenbedingungen bzw. die Spielregeln, nach denen die Konflikte, die sich mit dem Eindringen der Osmanen in den europäischen Raum ergaben, ausgetragen wurden. Die sieben Hauptspieler, die sich nach diesen Spielregeln richten mussten, waren Kaiser Karl der V., also der Kaiser, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, aber dem im eigenen Haus ein Mönchlein das Leben schwer machte, sein Bruder und späterer Erbe in der Kaiserwürde Friedrich, der seine Residenz in Wien hatte, der französische König Franz I, und Sultan Süleyman 1. , den nordafrikanischen Piraten, Venedig und natürlich die europäischen Bauern, die mit ihren Erhebungen in großen Teilen Europas Adel und Klerus stark unter Druck setzten.

Die Rivalität zwischen dem französischen König Franz I und dem spanischen Habsburger Karl V begann schon bei der Kaiserwahl, aus der Karl V mit finanzieller Unterstützung der Fugger als Sieger hervorging. Der französische König Franz I war bei dieser Kaiserwahl einer der Gegenkandidaten, war aber unterlegen. Die Wahl, ausgerechnet dieses spanischen Habsburgers bedeutete für Franz1, dass sich sein Land zwischen dem Kaiserreich und dem in Personalunion regierten Spanien in der Zange eingeklemmt sah. In der Folgezeit kam es immer wieder zwischen Karl V und Franz I zu Interessenkonflikten, und als Franz I in der Schlacht bei Pavia in die Hände des Spaniers fiel, wurde er als Gefangener nach Madrid verschleppt, wo er gezwungen wurde, einen Vertrag zu unterzeichnen, demzufolge er erhebliche Gebiete abzutreten hatte. Kaum ein Freiheit widerrief Franz I diesen Vertrag und musste sich auf die Suche nach Verbündeten begeben. In der Folgezeit kam es zu verschiedenen Bündnissen gegen den Kaiser, an denen sich zeitweise auch der Papst und Venedig zu Gunsten von Franz I beteiligt haben, aber diese Bündnisse zerfielen so rasch wie sie geschlossen wurden, sobald die jeweiligen Interessen abgesichert waren, oder wenn der Sold für die Anführer nicht bezahlt wurde. Auch stellte Franz I gute Beziehungen zum osmanischen Sultan Süleyman her, die später sogar in einem regelrechten Beistandspakt mündeten. Während dieser Zeit gelang Süleyman ein entscheidender Sieg gegen den ungarischen König, der bislang sein heftigster Feind im westlichen Europa war. Mit Ungarn fiel eine riesige Beute und 100.000 Sklaven in seine Hände. Auch konnte er den ungarischen Adeligen Johanns Zapolya, der seinen eigenen König in der Schlacht von Mohacs im Stich gelassen hatte zu seinem Vasallen machen, so dass dieser ihm bei seinen weiteren militärischen Unternehmungen zum Heeresdienst verpflichtet war. Auch mit diesem Vasallen Süleymans schloss Franz 1. ein Bündnis. Dem Osmanen Süleyman war es nicht wichtig, dass seine Vasallen zum Islam übertraten und viele seiner Würdenträger waren auch Christen der verschiedenen christlichen Richtungen. Als ehrgeiziger Machtpolitiker, der größere Ziele im Sinn hatte, waren ihm unbedingte Loyalität ihm selber gegenüber wichtig. Alles andere hatte für ihn in den Hintergrund zu treten. Nachdem ihm Ungarn in die Hände gefallen war, war eine Auseinandersetzung mit den Habsburgern, in deren Interessensphäre er eingedrungen war, zwangsläufig vorprogrammiert, und so war es aus seiner Sicht ein logischer und folgerichtiger Schritt, Habsburg direkt in seinem Kernland anzugreifen. Sein nächstes Ziel war Wien, der goldene Apfel, wie Süleyman es nannte. Und seine Aussichten standen eigentlich ganz gut, denn der Kaiser Karl V hatte mit erheblichen internen und externen Problemen zu kämpfen. Seine fast ununterbrochen währenden Kriege gegen Franz I verlangten seine Anwesenheit in Oberitalien, der deutsche Adel war durch die vorangegangenen Bauernkriege geschwächt, und mehrere Fürsten und Vertreter von Städten hatten sich noch im April des Jahres 1529 in Speyer zusammengefunden, und den Kaiser aufgefordert, die Ächtung des Mönches Martin Luther zurückzunehmen, und den Protestantismus neue Religion anzuerkennen. Eine Forderung, die der Kaiser nicht akzeptieren wollte. Süleyman glaubte offensichtlich, dass ihm unter diesen Bedingungen Wien in die Hände fallen würde. Auch wenn er mit der politisch militärischen Einschätzung der Lage durchaus richtig lag, war ihm aber das Wetter nicht wohlgesonnen. Seine riesige Armee brauchte wegen der Regenfälle und dem dadurch bedingten schlammigen Boden zu viel Zeit um Wien zu erreichen. Die meisten schweren Kanonen, die für die Zerstörung der Stadtmauern vorgesehen waren, blieben im Schlamm stecken, und so zog sich sein Angriff auf die Stadt wegen der unzureichenden stärke seiner Artillerie mehr als 4 Wochen hin. Zudem wurde die Stadt wesentlich besser verteidigt, als sich Süleyman gedacht hatte. Auch drohte der nahende Winter einen möglichen Rückzug zur Katastrophe werden zu lassen. Mitte Oktober des Jahres 1529 befahl er also den Rückzug. Wenig bekannt ist, dass Süleyman 3 Jahre später einen erneuten Versuch unternahm, um Wien doch noch zu erobern, aber diesmal fehlte es an den richtigen Rahmenbedingungen. Karl der Fünfte hatte inzwischen mit den Protestanten Frieden geschlossen, so dass er den Rücken frei hatte und Süleymans Armee auf offenem Feld angreifen konnte, bevor dieser die Stadt erreichte. Diesmal war Süleyman aber besser auf eine Belagerung vorbereitet statt auf eine offene Feldschlacht, und er begnügte sich damit die Steiermark zu verwüsten und dort heute in Form von Sklaven zu machen.

Deutlich erfolgreicher waren die Osmanen in den nächsten Jahrzehnten auf dem Mittelmeer. Dort konnten sie einige Seeschlachten für sich entscheiden, und auch das Bündnis mit Franz I wurde enger geknüpft. Die Auseinandersetzung des Kaiserreichs mit den türkischen Sultanen dauerte noch sehr jahrhundertelang, und es sprengt meine Möglichkeiten die vielen einzelnen Kriege die in den nächsten 2 Jahrhunderten noch stattfanden zu beschreiben. Der europäische Kolonialismus konnte auch erst in die nächste Phase eintreten, als neue technische Entwicklungen die Nachteile der inneren Zerrissenheit Europas auszugleichen halfen, und den Europäern zu einer militärischen Überlegenheit verhalfen. Erst diese, in der Zukunft liegenden technologischen Entwicklungen veränderten das militärische Gleichgewicht im Mittelmeerraum nachhaltig zu Gunsten der Europäer. Aber zunächst einmal mussten neue Schiffstypen entwickelt werden, die geeignet waren die Angriffe und Eroberung der Mittelmeerinseln durch die Osmanen einzudämmen. Darüber werde ich im Teil 4 berichten.

Mehr zu dem Thema:

Der Beginn des europäischen Kolonialismus (1.Teil)

Der Beginn des europäischen Kolonialismus 2. Teil: Die Aufteilung der Erde

6 Kommentare

Platter Vulgärmarxismus. Und das finde ich bei so einem interessanten Thema schade!

@ Helmut Junge

kannst Du mir sagen, welche Küstenstädte das – beispielsweise – sind:

"Und wer sich über die merkwürdige Positionierung einiger Küstenstädte im Mittelmeerraum wundert, die einige Kilometer von ihren Häfen landeinwärts angelegt worden sind, findet die Antwort darin, dass dies als Schutzmaßnahme wegen der Piratenüberfälle dieser Zeit gemacht wurde."

@ discipulussenecae

Sie schreiben: "Platter Vulgärmarxismus …"

und das bedeutet was? Wo ist der "Marxismus"? Wo ist es "vulgär"?

@Andreas (3) man findet einige dieser Orte für Spanien, wenn man nach "Port de" sucht, andere wenn man nach Orten piraten Hafen usw, sucht Ist etwas zeitaufwendig.
"Port de" deutet darauf hin, daß Hafen und ort räumlich getrennt liegen.
Meist sind es heute eigenständige Orte, oder die Lücken sind in den Jahrhunderten zugebaut.
Port de Soller (Mallorca)
Llançà, Provinz Girona (auch heute noch sehr deutlich zu erkennen)
Außerhalb des Mittelmeers Puerto de la cruz, früher als Hafen von Orotava bezeichnet.
Wenn ich Zeit hätte würde ich noch mehr Beispiele suchen.
Ich hoffe, daß die diese kurze Auskunft ausreicht.

@discipulussenecae, ich bin, wie Sie wissen, ein diskussionsfreudiger Mensch und würde auch gern mit Ihnen diskutieren. Aber ich habe zwar durchaus mit kritischen Einwürfen gerechnet, nicht aber aus dem Blickwinkel, den Sie in Ihrem Kommentar andeuten. Ehrlich gesagt, verstehe ich Ihren Kommentar ebenso wenig, wie @Andreas, der Sie auch schon um nähere Erläuterungen angefragt hat.
Wenn Sie also tatsächlich meinen Artikel gemeint haben sollten, und nicht versehentlich in eine falsche Kommentarspalte geraten sind, bitte ich Sie, doch ein wenig konkreter zu werden, damit ich auf Ihre Gedankengänge eingehen kann.

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