Der Anti-Atom-Agent

In den 70er und 80er Jahren wurde die Auseinandersetzung um die Atomenergie wesentlich härter geführt als heute. Die Anti-Atom-Bewegung hatte in dem Konflikt Helfer aus den Reihen der Atomindustrie. Sie verrieten Betriebsgeheimnisse, um den Bau von Atomkraftwerken zu verhindern. Einer von ihnen ist nun gestorben. Eine Erinnerung.

AKW Zwentendorf Foto: Werner Hölzl Lizenz: CC

Klaus P. war ein unauffälliger Zeitgenosse, manchmal etwas mürrisch, aber in der kleinen Siedlung in einem Vorort von Nürnberg fiel der pensionierte Maschinenbauingenieur nicht sonderlich auf. Gut, dass er den Garten seines Reihenhauses nutzte, um eigenes Gemüse zu ziehen war etwas außergewöhnlich, aber dafür waren seine Gartenbautipps in der Nachbarschaft beliebt. Still war es in den vergangenen Jahren in dem schlichten 70er Jahre Haus geworden: Die beiden Töchter waren ausgezogen, seine Frau schon lange zu einem anderen Mann gezogen.

Was wohl kein Nachbar wusste: P., der vor zwei Wochen bei einem Autounfall starb, gehörte zu den zentralen Figuren der Auseinandersetzung zwischen der Anti-Atom-Bewegung auf der einen und der Atomindustrie und dem Staat auf der anderen Seite.

In den 70er und 80er Jahren wurde die Auseinandersetzung um die Atomenergie wesentlich härter geführt als heute. Die Anti-Atom-Bewegung hatte in dem Konflikt Helfer aus den Reihen der Atomindustrie. Sie verrieten Betriebsgeheimnisse, um den Bau von Atomkraftwerken zu verhindern. Einer von ihnen ist nun gestorben. Eine Erinnerung.

AKW Zwentendorf Foto: Werner Hölzl Lizenz: CC

Klaus P. war ein unauffälliger Zeitgenosse, manchmal etwas mürrisch, aber in der kleinen Siedlung in einem Vorort von Nürnberg fiel der pensionierte Maschinenbauingenieur nicht sonderlich auf. Gut, dass er den Garten seines Reihenhauses nutzte, um eigenes Gemüse zu ziehen war etwas außergewöhnlich, aber dafür waren seine Gartenbautipps in der Nachbarschaft beliebt. Still war es in den vergangenen Jahren in dem schlichten 70er Jahre Haus geworden: Die beiden Töchter waren ausgezogen, seine Frau schon lange zu einem anderen Mann gezogen.

Was wohl kein Nachbar wusste: P., der vor zwei Wochen bei einem Autounfall starb, gehörte zu den zentralen Figuren der Auseinandersetzung zwischen der Anti-Atom-Bewegung auf der einen und der Atomindustrie und dem Staat auf der anderen Seite.

Nach seinem Studium an der RWTH Aachen verbrachte P. sein gesamtes Berufsleben bei der Kraftwerk Union (KWU) – damals noch ein Joint Venture von Siemens und AEG. Das Unternehmen baute anfangs vom US-Technologiekonzern Westinghouse lizensierte Reaktoren und erschloss ab Mitte der 70er Jahre mit eigenen Entwicklungen den nach der ersten Ölkrise weltweit boomenden Reaktormarkt. Ob Deutschland, Argentinien oder der Iran: Die KWU spielte in der ersten Liga der Reaktorbauer. Ein Milliardengeschäft: Atomkraft galt als sicher und sauber, als Energieträger, der unabhängig macht von den zu dieser Zeit unsicheren Ölexporten aus dem Nahen Osten.

P. hatte einen guten Job, das Gehalt stimmte, die Arbeit war anspruchsvoll: P. war an der Entwicklung von Sicherheitssystemen beteiligt und nahm Risikobewertungen für bestehende und geplante Reaktoren vor. Sein persönliches Fazit: Atomkraftwerke sind ebenso hochkomplexe wie hochriskante Maschinen, deren Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Man kann sie sicherer machen, aber sie werden nie sicher sein. Eine Hochrisikotechnologie, die nicht weiter verfolgt werden darf. Aus diesen Erkenntnissen zog P. die Konsequenzen: Ab Mitte der 70er Jahre nahm er Kontakt zur Anti-Atom-Bewegung auf, lieferte technische Einschätzungen und beriet Atomkraftgegner bei den damals zahlreichen Prozessen gegen den Bau neuer AKWs. Einer, der sich damals immer wieder mit P. traf und ganze Wochenenden in dem Reihenhaus in Franken verbrachte war Michael Sailer. Sailer, damals Ingenieurstudent in Darmstadt, war früh Mitarbeiter des Öko-Institutes und ist heute Mitglied der Reaktorsicherheitskommission, deren Vorsitzender er auch zeitweise war. Er erinnert sich gut an P.: „P. versorgte uns mit Informationen, die dafür sorgten, dass wir vor Gericht auf Augenhöhe mit den Experten der Industrie streiten konnten. Wir verwickelten sie in Fachdiskussionen und auch wenn keines der Atomkraftwerke auf dem Gerichtsweg verhindert wurde, wurden doch zum Teil auch wegen Informationen von P. die Sicherheitsauflagen erhöht.“ P. sei, sagt Sailer, nicht der einzige aus den Reihen der Industrie gewesen: „Wir hatten damals mehrere solche Kontakte, aber P. war einer der wichtigsten.“

Die von ihm gelieferten Informationen hätten mit dafür gesorgt, die Bürger Österreichs davon zu überzeugen, dass Atomkraftwerke in ihrem Land nicht gebaut werden sollten. In einer Volksabstimmung am 5. November 1978 sorgten sie dafür, dass das AKW Zwentendorf nicht ans Netz ging, und in Österreich kein neuer Milliardenmarkt für die KWU entstand. Sailer: „Bei Zwentendorf waren Ps Informationen sehr wichtig für die Informationskampagne über die Schwächen des Reaktors.“

P. und die anderen Unterstützer der Anti-AKW-Bewegung standen unter einem erheblichen Druck. Der Kampf um Atom wurde mit harten Bandagen geführt. Klaus Traube, damals wie P. ein KWU-Mitarbeiter, sorgte in jener Zeit für Schlagzeilen, weil er vom Verfassungsschutz bespitzelt worden war. Auch P. lebte immer in der Sorge, erwischt zu werden. Die Konsequenzen waren ihm klar: Er hätte nicht nur seinen Job und die Betriebsrente verloren, sondern wäre in der gesamten deutschen Industrie zum Paria geworden. Dazu drohten ihm möglicherweise Schadensersatzforderungen durch die KWU in Millionenhöhe. P. entschied sich für das Risiko, blieb seinen Überzeugungen treu und zahlte den Preis dafür: Über viele Jahre hinweg lebte er in der Angst, erwischt zu werden und die Existenz seiner Familie zu gefährden. Enge Freundschaften im Kollegenkreis waren tabu, und auch sonst brauchte P. lange, bis er Vertrauen fasste. Aus dem charmanten, witzigen jungen Mann wurde im Laufe der Jahre ein zunehmend misstrauischer und eigenbrötlerischer Mensch, der sich schnell mit den wenigen Freunden, die er fand, wieder zerstritt. Seine Ehe scheiterte, der Kontakt zu den Töchtern blieb bis zum Ende eher oberflächlich. Noch heute nach seinem Tod muss er anonym bleiben, damit seinen Angehörigen nicht juristisch verfolgt werden.

Michael Sailer: „Auch heute noch helfen Menschen wie P. Bürgerinitiativen wenn es um die  Auseinandersetzung mit Großanlagen geht, aber ihre Zahl ist geringer geworden. Heute stehen die technischen Informationen auch direkter zur Verfügung und sind öffentlicher zugänglich.
Fachleute mit atomkritischer Sicht diskutieren heute fachlich auf Augenhöhe mit der Befürworterseite und werden dort ernst genommen werden. Dass es dazu gekommen ist, haben wir auch P. zu verdanken.“

P. wurde am Dienstag beigesetzt.

7 Kommentare

Shr interesanter Artikel. Ich beschätfige mich erst seit eineiger Zeit mit dem Thema “Anti-Atomkraft”. Daher ist es spannend zu erfahren das die Contra’s von einigen Pro’s unterstützt wurde.

Diese Zeilen stehen für sich:
“Atomkraftwerke (…) hochkomplexe wie hochriskante Maschinen, deren Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Man “kann” sie sicherer machen, (…) nie sicher sein. Hochrisikotechnologie, die nicht weiter verfolgt werden darf.”
Diese Thesen können nur von Fachpersonen erhoben.

Mein Beileid an Herrn P.

Zwentendorf gilt als grösste Investitionsruine Österreichs: es war praktisch fertig, als sich die Bevölkerung mit hauchdünner Mehrheit gegen Kernkraft entschied, seitdem steht es praktisch leer.

Schade um das Geld? Nun – hätte man den Reaktor in Betrieb genommen, wären noch milliardenschwere Rückbaukosten dazu gekommen (siehe KKW Greifswald), und die beiden anderen geplanten österreichischen Kernkraftwerke wurden erst gar nicht zu bauen begonnen. Seit über 30 Jahren ist Österreich nun KKW-frei, selbst heute wären neue Kraftwerke nicht durchsetzbar.

Danke an alle, die damals dafür gekämpft haben, unter ihnen auch Herr P.

Vielen Dank für diesen interessanten und lesenswerten Rückblick.

Es sei mir vielleicht noch gestattet, auf die nicht lizenz-gemäße Nutzung des Bilds des AKW Zwentendorf hinzuweisen, das offenbar von hier kopiert worden ist. Erstens gibt es keine GNU-Lizenz, wie in der Bildunterschrift angegeben. Es gibt die GPL (GNU General Public License) und die GFDL (GNU Free Documentation License). In diesem konkreten Fall steht das Bild unter der GFDL, jedoch nicht unter der GPL zur Verfügung. Wenn eine GFDL-Lizenz ausgenutzt wird, muss der vollständige GFDL-Lizenztext dem Bild beigefügt werden (bitte den Lizenztext einmal durchlesen und verstehen). Das ist natürlich unpraktisch. Aber glücklicherweise steht das Bild auch unter CC-BY-SA-3.0 zur Verfügung und hier würde ein Link auf die Lizenz genügen. Deswegen würde ich empfehlen, die Bildunterschrift entsprechend anzupassen.

@Andreas (3):
Hmm… wenn ich das richtig sehe, verlinkt die Wikipedia doch bei GNU FDL-Beiträgen auch nur auf den entsprechenden Lizenztext. Ich sehe weder im Artikel, noch in der Wikimedia Commons-Seite den direkten Lizenztext.

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