Der AfD das Stöckchen klauen.

AfD-Wähler – getrieben von dunklen Ängsten. (Symbolfoto. Quelle: Breve Storia del Cinema/ Flickr/ cc-by-sa)

Es ist ein neues Jahr. Auch wir Medienschaffende sollten die Fehler des Vorjahres nicht wiederholen. Wir sind dem rechtsradikalen Sammelbecken AfD im Jahr 2016 hinterher gehetzt, sind wie hechelnde Volltrottel über jedes Stöckchen gesprungen – selbst als wir wussten, dass dahinter System steckt. Ich mache da nicht mehr mit. Und ich hoffe viele machen mit, beim nicht mehr mit machen.

Petry, Steinbach, Höcke, Brück, Pretzell, Gauland – all diese Rechtsradikalen haben keine bundesweite Relevanz. Sie bewegen keine Massen – und das wissen sie selbst, wenn sie über die ‘Mainstreammedien’ sprechen. Denn der Mainstream ist breit, stark und demokratisch. Er ist nicht monolithisch, wie die benannten Rechtsradikalen es gerne hätten, weil er dann einfach auszuhebeln wäre, sondern vielgestaltig. Dieser Blog bildet einige der widerstreitenden Meinungen des Mainstreams ab – er geht aber noch weiter nach links und rechts (wenn man diese Klassifikationen für angemessen hält), und es gibt ihn in grüner, röter und schwärzer (wenn man mit Politfarben mehr anfangen kann) als in unseren Artikeln. Andere Medien bilden diese Facetten besser ab. Es ist kein Problem, dass wir Ruhrbarone nicht das gesamte Spektrum abbilden. Das ist in einer puralistischen Presselandschaft so: niemand bildet alles ab, aber alles findet statt.

Medienarbeit für die AfD

Was in allen Medien des Mainstreams gleichwohl im letzten Jahr stattfand, waren Berichte, Kommentare, Faktenchecks, Karrikaturen und was-nicht-noch-alles über die sog. “AfD”. Wir alle arbeiteten uns an der AfD ab. Jedes hingeschmissene Posting, jeden sturzdummen und rassistischen Tweet, jedes doppeldeutige Plakat nahmen wir auf, analysierten, sezierten, dekonstruierten es. Und brachten damit die AfD immer und immer wieder prominent in den Fokus der Berichterstattung.  Ja, sogar Homestories über die Frau, die eben jene Form des Lebens lebt, dass sie anderen verbieten will, gab es, in denen ihr russlandbezahlter Lover darüber, Auskunft geben konnte, dass er das Dämonische an ihr schätze.

Die AfD war der Star der politischen Bühne 2016. Und verstand es immer wieder, von Medien umworben zu werden, egal wie augenscheinlich dumm und erlogen ihre “Missverständnis”- oder “Mausrutscher”- Erklärungen waren. Der Partei kamen dabei die Themen Flüchtlinge und Islam zugute, und wenn ihr nichts zugute kam, dann schnupperten wir alle an den braunen Aussagefürzen einzelner AfDler. Das Ganze endete nicht, als bekannt wurde, dass genau diese Aktionen kein Ausdruck amateurhafter Einzelausbrüche waren, sondern eine gezielte Strategie darstellen.

Wir zogen Analogien zwischen Trump und Petry, zwischen dem Front National und der AfD – so als stünde eine “Machtergreifung” kurz bevor. Jetzt hat Bernd Höcke (sein Vorname ist genauso egal wie seine Partei) wieder geliefert. Im klassischen Nazi-Sprech voller Andeutungen hat der Mann, der stets auf Staatskosten lebte, die Ordnung des Staats an sich angegriffen. Aber langsam ändert sich was. Bei uns Medienschaffenden.

Einige und immer mehr von uns haben verstanden, dass der 100. Faktencheck, die 1000. Empörung über den Verbaldurchfall der Akteure den AfD-Wähler nicht bekehrt, weil a) AfD-Wählern Fakten egal sind, b) AfD-Wähler aus Protest wählen oder c) es einen Alternativangebots zur AfD bedarf, um AfD-Wähler zu erreichen. Wie groß die Wähleranteile a) bis c) jeweils, wie groß ihre Schnittmengen sind, mögen andere beurteilen. In jedem Fall sind die Faktenchecks und Empörungen ihnen egal. Und wer nicht AfD-Wähler, oder noch besser, wer Demokrat ist, ist nicht überrascht über den aktuellsten AfD-Aufreger.

Was wir sicher über die AfD wissen

Wir können ein für alle mal festhalten: die AfD von Frauke Petry ist ein Sammelbecken rechtsradikaler Kräfte – es gibt Nationalkonservative als Feigenblatt ebenso wie die enttäuschten (und meist erfolglosen) Ex-SPD- und CDU-Funktionäre. Und dann ist da das große Reservoir von Alltagsrassisten und -sexisten, da sind die Antisemiten, die Rechtsextremen, die Reichsbürger, die Religionshasser und all die anderen antidemokratisch-regressiven Menschen.

AfD-Funktionäre erfinden Straftaten, sie verfälschen Zahlen, sie hetzen gegen Menschen, sie kämpfen gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung, sie haben keine funktionierenden Lösungen, die nicht auf Menschenhass hinaus laufen.Und: einige von Ihnen finden den Nationalsozialismus schon ein bißchen geil. Andere von ihnen spielen mit vermeintlichen Tabus zum Nationalsozialismus, weil sie wissen, dass sie damit punkten, “sie was zu trauen”.

Wir wissen das mittlerweile. Wir müssen es nicht andauernd einander zeigen.

Die AfD ist die Partei der feigen Deutschlandhasser

Denn wir helfen dabei, die AfD zu überschätzen. Wir geben der AfD einen Mut, den sie ohne die Presseresonanz nicht hätte. Die AfD ist eigentlich ein Partei der Feiglinge, die vor allem möglichen (und unmöglichen) Angst haben. Es sind Feiglinge, die glauben, ihre Angst würde rationaler, wenn sie sie nur laut genug brüllen, oder den Anderen Stärken aberkennen. Feiglinge, die aus dem Schutz der Anonymität Andersdenkende beschimpfen und bedrohen. Eigentlich glauben sie selbst nicht an Werte wie Ehre oder Treue, noch weniger leben sie diese – und gerade deswegen klatschen sie umso lauter,  wenn Bernd ihnen darlegt, wie stark und ehrenvoll sie eigentlich sind.

Die AfD mag Deutschland nicht, Teile hassen gar Deutschland. Ihr Bild von dem Zustand in unserem Land und davon, wie es werden sollte, ähnelt dem lächerlichen dystopischen Zerrbild, dass der narzisstische Schwächling in Washington unlängst vor weniger Menschen ausbreitete, als er wahr haben wollte. Auch dieser Feigling hätte ohne das große Medienecho wohl nie die Position erreicht, die er nun inne hat.

Die AfD jedoch hat, anders als die GOP in den USA, keine Machtbasis. Nirgends. Ja, sie sitzt mittlerweile in vielen Parlamenten und Rathäusern. Nirgends übernimmt sie Verantwortung, hier und dort zerlegt sie sich selbst, teils durch eigene Feigheit, teils durch die Unfähigkeit selbst zu verstehen, was sie an Anträgen stellt und wie diese einzubringen sind. Überall zeigt sich: die AfD ist lächerlich.

Das Ende der AfD liegt in unseren Federn

Und somit komme ich zu dem Punkt, dass die AfD in der Versenkung bundesdeutscher Geschichte verschwinden kann – und auch wird, wenn wir Medienschaffende nicht weiter den Fehler machen, sie stärker zu reden, als sie ist. Die AfD sollte ihre eigenen Werbekampagnen finanzieren – auch wenn ihr Goldhandelsdesaster nahe legt, dass dort niemand mehr mit ökonomischen Sachverstand ist – anstatt dass die Presse das übernimmt.

Sicherlich: das ein oder andere würde sich nachrichtlich nicht vermeiden lassen, sei es ein Eintritt von Erika Steinbach in die AfD, ein Nicht-Angriffs-Pakt zwischen Petry und Wagenknecht vor der Bundestagswahl, oder ein Outing von Bernd Höcke. Aber das Meiste ließe sich vermeiden: es sind Meldungen über Tatsachen und Haltungen, die bekannt sind. Wir sollten sie schlicht ignorieren, oder in Sammlern bringen, oder neue, vielleicht humorvolle Zugänge finden – dann hätte das Ganze zumindest für die demokratischen Leser einen Mehrwert.

Lasst uns der AfD ihr Stöckchen klauen, und sehen, wie hoch die anderen Hunde bereit sind zu springen – bevor sie im Schlamm landen.

12 Kommentare

Na endlich!

Hoffentlich spricht sich bei den Journalisten herum, dass der Wähler von den Politikern Lösungen für die Zukunft jenseits von "Sprüchen" erwartet. Deshalb gilt es, diese auch in den Medien konkret von den Politikern zu fordern.

Ich würde mir eine Ministerpräsidentin wünschen, die nicht nur durch Homestories und große Loyalität zu ihrem Personal auffällt. Ebenso würde es bspw. der NRW Politik gut stehen, gegen Rechts und für die Freiheit zu kämpfen und nicht nur den "Kampf gegen Rechts" als Wahlkampfslogan zu nennen. Hierbei denke ich an Neonazis, Islamisten, aber auch die Rolle der Partner im Religionsunterricht… Politiker dürfen von der Presse für ein Ziel, das sie in der realen Politik nicht erfolgreich verfolgen, ständig gelobt werden.

Für Journalisten gilt es, unsere Politiker zu stellen. Es reicht nicht, potenzielle Wähler anderer Parteien als "Pack" etc. zu bezeichnen. Einfach mal Problemlösungen vermitteln.
Wo bleiben die Visionäre? Sind sie alle beim Arzt?

Warum bspw. SPD wählen? Hierzu gibt es einen Link einer Abgeordneten:
https://correctiv.org/blog/ruhr/artikel/2016/11/20/warum-es-sich-lohnt-die-spd-im-revier-zu-waehlen/
Ich hatte gelernt, dass ich SPD wählen soll, weil die Populisten einfache Antworten haben, die Welt aber kompliziert ist.
Sorry SPD, aber damit überzeugst ihr mich nicht.
Wie haben es nur unsere Vorfahren (selbst zu Kaiserzeit) geschafft, Eisenbahnlinien, Leitungen, Brücken zu bauen? Der Dortmunder Bahnhof sollte im letzten Jahrtausend renoviert werden (Ufo), der RRX sollte zur WM fertig sein (WM 2006).
Zum Vergleich: Hier ist ein Auszug zur Köln Mindener Eisenbahn (184x)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Duisburg%E2%80%93Dortmund

Point! Sehr gute Erkenntnis und Konsequenz aus dem letztjährigen Instrumentalisiert-Werden.
Ich bräuchte aber trotzdem mal die Quelle für den Dämonen-Fetisch von Petrys Karriere-Abschnittgsefährten für eine Recherche. Wär echt echt

@SuziQ Kommt aus einer widerlichen BUNTE-Homestory. Einfach mal "BUNTE" und Frauke Petry googeln. Aber vorher nix essen, da wird einem schlecht.

SuziQ … das war, festhalten, in der "Bunten"(sic!). Nicht, dass ich das im Original gelesen hätte … 😉 aber ich habe damals beinahe meinen Kaffee auf den Laptop herausgeprustet, als ich davon las …

Sebastian Bartoschek,
in der kritischen Auseinandersetzung alle freiheitlichen Demokraten mit der AFD vermisse ich bisher das Folgende:
1.
Nationalismus -nicht nur der radikal-fanatische- setzt die Annahme voraus, daß dem Begriff "Nation" – verstanden als "Volk im natürlichen Sinne" – u.a. das Merkmal "gemeinsame Rasse" zugeordnet werden muß! Diese "gemeinsame deutsche Rasse" gibt es nicht. Sie hat es nie gegeben. Warum wird dieser Fakt gegenüber den "völkischen Nationalisten" und damit auch in der Gesellschaft insgesamt nicht hinreichend deutlich herausgestellt, um u.a. damit den Widersinn der völkisch-nationalistischen Parollen immer wieder deutlich zu machen?
2.
Nationalismus führt zu neuen Grenzen. Zur Abgrenzung gegenüber Allen und gegenüber Allem jenseits der Grenzen. Zu einem W I R gegen alle Anderen -politisch, wirtschaftlich, kulturell….
Wollen die AFD-Anhänger, die AFD-Wähler das?

Ist den AFD-Wähler klar, wohin nationalistisches Denken und Handleln in der Geschichte der Völker letztendlich geführt hat und naheliegend führen muß? Die "neuen Nationalisten" und ihre Anhängerschaft ist die Frage zu stellen, ob es nicht letztendlich "ihrer Geisteshaltung" geschuldet ist, daß von ihnen propagierte deutsche Nation heute ohne große Teile ihres ehemaligen Territoriums jenseits der Oder-Neiße-Linie zu existieren hat?
Sollten die AFD-Kritiker dies nicht mehr als bisher argumentativ aufgreifen?

3.
Im Sinne meiner Gedanken zu 2. könnte seitens derAFD-Gegner auch das Folgende bedacht werden:
Am Wochenende hat sich die "europäische Internationale der völikischen Nationalisten getroffen" und ihre Gemeinsamkeiten -in den Ideen, in den Zielen- betont -u.a. auch mit Verweis auf Trump als ihr Vorbild (als einem völkischen Nationalisten?).
Und ihnen als völkischen Nationalisten vereint die Ablehnung aller Fremden, alles Fremden -der Fremden, die geflüchtet sind, der Fremden, die eingewandert sind und noch einwandern werden, der "fremden Kulturen, der fremden Sprachen, der fremden Sitten und Gebräuche" und sie alle vereinigt die Angst, im Wettbewerb mit denjenigen jenseits der nationalen Grenzen unterliegen zu können.
Muß dieses Denken folglich nicht eines Tages in Deutschland, in Frankreich, in den Niederlanden, in…. dazu führen, daß dieser Fremdenhass, daß diese rigorose Ablehnung allen Fremdens,daß die Angst vor einem wirtschaftlich-kulturellen Wettbewerb mit denen jenseits der Grenzen nicht nur das Ende jeglicher europäische Einheit bedeutet -wie immer die sich auch organisieren mag-, sondern dazu, daß man in Frankreich, in Deutschland den zu hassenden Fremden, das zu hassende Fremde nicht "irgend wo" in der Ferne verortet, sondern wieder unmittelbar jenseits der jeweiligen nationalen Grenzen -beim unmittelbaren Nachbarn? Undenkbar? Nein, meine ich.

Sebastian Bartoschek,
das sind, wie einleitend bemerkt, spontane Einwürfe meinerseits -Gedanken-, nicht mehr.

Korrektur:
Ziffer 3, Absatz 3, Satz 3 ; Und s i e als völkische Nationalisten…………

(Auch als nicht völkischer Nationalist bemühe ich mich , die Regeln der deutsche Sprache einzuhalten, was im "Schnelldurchgang" eines Internet-Textes dann und wann daneben geht; sorry.

@ Walter Stach Ich glaube nicht, dass "der zu hassende Fremde" dann direkt hinter der Grenze verortet wird. Schon eine Nazielite, v.a. innerhalb der SS ,setzte ganz bewusst auf Europa, auch der Begriff "artverwandtes Blut" wies über die Grenzen (Groß) Deutschlands hinaus. Es gab damals und es gibt auch heute so etwas wie eine völkische Internationale.

ThomasWeigle,

ja, so läßt sich gut begründet argumentieren.

Zu bedenken gebe ich
a.)
daß die von mir angesprochene Hetze gegen Andere und gegen Anderes, und zwar nur deshalb, weil sie nicht deutsche sind bzw.das Andere "nicht dem Deutschtum" entspringt bzw. entspricht, m.E nicht deshalb aufzuhalten sein wird mit der Begründung, die Anderen sei im Vergleich mit den Deutschen ja irgend wie doch nicht "so ganz Anders", sondern doch irgend wie den Deutschen ähnlich.
Völkisch-Nationalistisches Denken ist immer "Herrenmenschendenken" resultierend aus dem Gefühl von Überlegenheit. Und gerade das war ja letztendlich eine der idologischen Rechtfertigungen für die Nazi, Krieg gegen die europäischen Nachbarn führen zu dürfen bzw. zu müssen. Es gab dabei "lediglich" Differenzierungen im Umgang mit den nichtdeutschen Nachbarn -z.B. mit den Franzosen einerseits und den Polen, den Ukrainern anderseits, weil "man" meinte, daß nach "rassischtischen Kategorien" rechtfertigen zu können.

Zu bedenken gebe ich
b.),
daß im Zusammenhang mit der sog. Bankenkrise und der Euro-krise in Deutschland oftmals "völkisch" argumentiert wurde, wenn es "gegen die Griechen, die Italiener -die Süd-Euroäer- generell " ging; die galten -und gelten- vielen Deutschen "von Natur" aus als substantiell anders -als fauler, als bequemer, als wenig leistungsbereit, kurzum sie gelten als Völker mit Eigenschaften, die "man" als typisch nichtdeutsch zu benenn pflegt – jedenfalls seitens völkischer Nationalisten in Deutschland.

Insofern meine ich weiterhin, der "völkische Internationale in Europa" gegenüber daran zu sollen, , wohin ihr "völkisch-nationalistischer Wahn" letztendlich führen könnte, nämlich zur Wiederbelegung völkisch-nationalistischem Hass eben auch zwischen den Völkern Europas -auch Westeuropas-.
Zugegeben, gegen die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung spricht Vieles, vor allem das alltägliche friedlich-freundliche, von gegenseitigem Respekt geprägte Miteinander der Menschen in Europa, primär in Westeuropa. Aber……..gilt das nur "für Schön-Wetterzeiten" ? Gilt das nur, solange man sich gemeinsamer Interessen sicher ist? Wie dick ist denn das Eis, das derzeit dieses friedlich-freundliche Zusammenleben der Menschen in (West-)Europa trägt?

Mit dem Höcke-Verbleib hat die AFD klargemacht, daß sie auch -nicht nur- eine Partei für völkisch-gesinnte antidemokratische Nationalisten ist, kurzum für die "neuen" Nazis. Wer dort Mitglied ist und/oder wer diese AFD wählt, identifiziert sich, solidarisiert sich mit dieser AFD!

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