Das Popkulturmagazin SPEX wird eingestellt

Die Spex im März 1984 mit einem noch jungen Joe Strummer / Bild: Spex

“Wenn du dich mit cooler Musik auskennen willst”, so sagte mir mein Pfadfinderleiter Markus Göbel irgendwann an einem arschkalten Winterabend des Jahres 1984, “musst du Spex lesen und John Peel hören.” Ich befolgte seinen Rat, kaufte mein erstes Exemplar mit Joe Strummer auf dem Titel beim Dortmunder Plattenladen Last Chance – und war viele Jahre Stammleser, irgendwann sogar Abonnent. Nun wird nach 38 Jahren und 384 Ausgaben das Popkulturmagazin zum Jahresende eingestellt. Ein trauriger Moment.

Zuletzt hat es schon die Intro, das Groove-Magazin und das Neon aus dem Gruner & Jahr-Verlag dahingerafft. Der Verlag der taz überlegt nur noch eine online Ausgabe seines Zeitungsorgans herauszugeben. Auch der Einzelhandel zuckt: die Mayersche Buchhandlung hat in ihrer Bochumer Filiale ihre Illustrierten und Zeitungsregale deutlich verkleinert – und präsentiert nur noch eine geringe Auswahl auf drei mobilen Zeitungsständern. Keine Frage, im Bereich der gedruckten Meinungen herrscht so ziemlich das Gegenteil von einer Goldgräberstimmung.

Bei dem Spex-Team um Chefredakteur Daniel Gerhardt erscheint am 27. Dezember noch einmal ein Heft mit 116 Seiten über den Pop und den dazugehörigen gesellschaftlichen Diskurs, danach ist Schluss. Die Probleme dafür sind bekannt: der Anzeigenmarkt befindet sich seit Jahren im Sinkflug und nur mit den Heft- und Abonnenten-Verkäufen lässt sich das große Ganze mit Büromiete, Gehältern und Honoraren nicht mehr tragen. Immer mehr Unternehmen ziehen sich vollständig aus dem Printgeschäft zurück und investieren ihre Marketinggelder stattdessen vermehrt in Social-Media-Werbung – ein Trend, der sich in der Gegenwart für viele Verlage nochmals verschärft hat.

Aber verändert hat sich aber nicht nur das Geschäftliche, sondern auch das Medienverhalten des popinteressierten Publikums. Daniel Gerhardt schreibt in einer Verlagsmeldung zum Ende von Spex: “Jahrzehntelang kümmerte sich der Pop-Journalismus nicht zuletzt darum, seinen Leser_innen einen Überblick über eine kaum zu fassende Menge an neuen Alben, Büchern, Filmen, Serien und Ausstellungen zu verschaffen. Heute sind beinahe alle Platten der Welt für beinahe alle Menschen gleichzeitig verfügbar. Die sogenannte Gatekeeperfunktion von Pop-Journalist_innen hat sich weitgehend erledigt”, so die Worte des letzten Chefredakteurs auf dem oft streitbarem Spex-Schiff.

Daniel Gerhardt beendet seinen Rundbrief wie folgt: “Dennoch danken wir Ihnen schon jetzt und von ganzem Herzen für Jahre – und in vielen Fällen sogar Jahrzehnte – der treuen Leser_innenschaft. Und hoffen, dass sich vielleicht jemand anderes finden wird, der unsere Vorstellungen von Pop und Gesellschaft teilt, fortführt und um neue Ideen erweitert. Schließlich bedeutet Pop-Journalismus immer auch, Dinge wider besseres Wissen zu tun.” Für uns Popkultur-Interessierte ist das Ende von der Spex ein sehr trauriges Ereignis. Aber so viel ist auch klar: es wird nicht das letzte Magazin sein, was in diesen Tagen vom Markt genommen wird.

4 Kommentare

vielleicht noch böser ist es, wenn Zeitschriften – scheinbar – überleben …:

die "Zitty", Programmzeitschrift aus Berlin, hatte mal den Ruf "alternativ" zu sein. Sie war sicher "anders". Lang ist es her, heute erscheint die Zitty im selben Verlag wie der "Tip", und das Programm findet man auch noch fast identisch in der Programmbeilage des "Tagesspiegel" …

gut, dass es in Deutschland "Wahlfreiheit", "Pressefreiheit" gibt … (Achtung Ironie)

Dass sich die Gatekeeperfunktion erledigt habe, ist Unsinn. Gerade weil alles jederzeit verfügbar wird, braucht es Foren, die Hörschneisen durch den Geräuschwald schlagen. Dass Spex das nicht geschafft hat – genügend Leute dazu zu bringen, Spex als Guide zu nutzen – das ist deprimierend.

Sehe ich ähnlich. YouTube ohne Musikzeitschriften ist so übersichtlich wie das Internet ohne Suchmaschinen.

Oh, an diese Ausgabe kann ich mich gut erinnern, ich habe sie damals gekauft weil PETER HEIN auf dem Cover stand. Den Herrn Hein habe vor Jahren in Wien, es war an einem 12. Februar, ausgebuht. Am letzten Donnerstag spielten Fehlfarben in der Christuskirche, Bochum. Ich mußte hin. Abschied nehmen. Spex habe ich aufgehört zu lesen als sie von Köln nach Berlin umgezogen sind.

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