Das Nazi-Muster

Auf diesem Shirt von Tom Kaulitz sollen Hakenkreuze zu sehen sein. Quelle: Youtube

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hat das Ermittlungsverfahren gegen Tom Kaulitz eingestellt. Dem Gitarristen der Band Tokio Hotel war das Tragen von „Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ vorgeworfen worden. Die Einstellung zeigt, auf welch wackligen Beinen zwei in Medien beliebte Erzählmuster sind.

Von unserem Gastautor Mario Thurnes

Zuerst über die Anzeige berichtet hat T-Online.de. Das Portal belegte den Vorwurf mit einem Screenshot einer Arte-Dokumentation. Auf diesem ist Kaulitz von hinten zu sehen, der einen Pullover namens „Labyrinth“ trägt. In dem Muster sollen Hakenkreuze zu erkennen sein. Damit die Nutzer auch wahrnehmen, an welcher Stelle des labyrinthartigen Musters ein Hakenkreuz dargestellt sein soll, hat T-Online.de einen Kreis darum eingefügt.

„Mangels hinreichenden Tatverdachts“ hat die Staatsanwaltschaft Magdeburg das Verfahren nun eingestellt. Anders zu erwarten war es nicht: Das Konzert liegt drei Jahre zurück, fand in Mexiko statt und Kaulitz hat sich öffentlich nie so geäußert, dass ihm eine Nähe zur rechten Szene unterstellt werden könnte. Arte hat bei der Abnahme der Dokumentation nicht einmal festgestellt, dass an der Stelle ein Hakenkreuz zu sehen sein könnte.

In Deutschland und Österreich ist das Zeigen des Hakenkreuzes verboten. Es steht als Symbol für die Verbrechen, die in der Zeit der NS-Herrschaft in diesen Ländern geschehen sind. In anderen Ländern – auch in Mexiko – gilt das Zeigen des Symbols indes nicht als Straftat.

Also ein Sturm im Wasserglas? Auch. Wäre da nicht ein Detail an dem Vorgehen, das bizarr scheint: Die Strafanzeige kam ausgerechnet von der rechtsextremen Partei „Die Rechte“. Mit der Anzeige hat die Partei, die bei Wahlen stets unter der Schwelle der Wahrnehmbarkeit abschneidet, einen kleinen PR-Erfolg gefeiert. Außerdem hat sie den Vorwurf der Nähe zum Rechtsextremismus und des Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole in einem bizarren Licht erscheinen lassen.

Dies ist auch deshalb möglich, weil der Nazi-Vorwurf zu einem gängigen Erzählmuster in Medien geworden ist. Auf dieses greifen lokale wie überregionale Zeitungen zurück, Internet-Portale wie Nachrichten-Magazine. Mitunter steht der Vorwurf auf dünnen Beinen: So berichtete die Welt am 1. November 2017 über das Kaufhaus Hertie. Das hatte bei einer Rabattaktionen einen Preis angeboten, der hinter dem Komma die Zahl 18 in Periode – also in steter Wiederkehr – hatte.

18? Ja, und? Die 18 wurde in rechtsextremen Kreisen als Chiffre für A (erster Buchstabe im Alphabet) und H (achter Buchstabe) benutzt. Die wiederum stehen für Adolf Hitler. 88 steht demnach für Heil Hitler. Worüber der Betreiber eines Kinderkarussells auf einem Hamburger Jahrmarkt stolperte. Weil einer seiner Wagen das Nummernschild „HH 88“ trug, verlor er seine Lizenz, worüber die Welt am 9. Dezember 2016 berichtete. Auch Hakenkreuze auf Kleidungsstücken waren schon mehrfach Thema, etwa bei Spiegel Online am 23. Mai 2018 oder bei NTV.de am 1. Februar 2018.

War der Betreiber des Hamburger Karussells ein Nazi? Oder Hertie? Kingsley Coman, Opel oder Dieter Nuhr? Sie alle standen schon unter Nazi-Verdacht, obwohl der sich kaum belegen ließ. Trotzdem wurde fleißig drüber berichtet. „Nazi“ gilt als Reizwort, das hohe Klickzahlen verspricht.

Auch „Strafanzeige“ ist ein solches Reizwort. Gibt es eine solche gegen einen Prominenten, taugt dies als Schlagzeile nach dem Muster: „Strafanzeige gegen XY“. Das klingt nach Verbrechen, nach Schuld und Sühne. Gerne wird die Information beigestellt, wie die Höchststrafe auf das Verbrechen lautet. Das verstärkt das Gefühl, dass der Prominente schon mit einem Bein im Knast sitzt.

Die große Schlagzeile „Strafanzeige gegen XY“ gibt es auch dann, wenn selbst journalistischen Laien klar ist, wie wenig aussichtsreich der Fall ist. Oft genug fallen diese Verfahren dann – so wie im Fall Kaulitz – in sich zusammen wie ein Soufflé. Davon erfahren dann die Nutzer der Medien meist nichts. Denn diese berichten nur noch klein oder auch gar nicht mehr über das Einstellen der Verfahren, deren Beantragung sie zum Ereignis aufgeblasen haben.

2 Kommentare

Es gibt viele solche Muster, in denen man ein H.-Kreuz erkennen kann, sofern man das will. Im alten Griechenland zierten sie Vasen und Paläste. Bei uns findet man sie an vielen Kirchen. Alles Nazis? So etwas ist einfach dumm und ungebildet. Und wir sollten endlich anerkennen, dass dieses Zeichen auf der gesamten Welt seit tausenden von Jahren in der Kultur verankert ist und meistens ein Glückszeichen darstellt. Nur weil 12 Jahre, ein Wimpernschlag in der Geschichte der Menschheit, ein paar Tyrannen dieses Zeichen missbrauchten, kann man ja nicht alle Buddafiguren umstürzen oder Kirchen abreißen.

Liebe Cornelia Schäffer,
Ihr Kommentar trifft leider den Nagel exakt neben dem Kopf. Es geht hier nicht darum, dass das Hakenkreuz z. B. im asiatischen Raum als ganz normales traditionelles Ornament angesehen wird.
Es geht hier darum, ein Hakenkreuz zu sehen, wo keines ist, oder nur mit viel Phantasie gepaart mit nicht nur unterstellter, sondern auch aktiv angewandter Bösartigkeit imaginiert werden könnte, z. B. um schlichtweg jemanden zu diffamieren oder Antifaschismus so ganz allgemein lächerlich zu machen.
Hähä…Kuck mal, die tragen selbst Hakenkreuze, die wissen es nur nicht!

Aber trotzdem bedankt, dass Sie uns Dumme und Ungebildete intellektuell auf Stand gebracht haben, auch wenn bisher niemand, noch nicht einmal so ganz dumme und ungebildete Zeitgenossen, verlangt haben, dass jetzt sämtliche Buddha- und sonstige Figuren zerstört werden auf denen ansatzweise so etwas wie ein Hakenkreuz zu sehen wäre. Da können Sie ganz beruhigt sein! Und dabei waren Sie noch nicht einmal so grob, den Holocaust so ordinär als "Vogelschiss" zu bezeichnen wie jüngst Herr Gauland, sondern nur ganz poetisch als "Wimpernschlag".
Chapeau!

Kommentar verfassen