Das Murren der Komissköppe und das Gezeter über den Schnellschuss-Minister

Verteidigungsminister Guttenbergs Entscheidung, Norbert Schatz als Kommandanten der Gorch Fock mit sofortiger Wirkung abzuberufen, ist von der liberalen Presse und der parlamentarischen Opposition heftig kritisiert worden.

Verteidigungsminister Guttenbergs Entscheidung, Norbert Schatz als Kommandanten der Gorch Fock mit sofortiger Wirkung abzuberufen, ist von der liberalen Presse und der parlamentarischen Opposition heftig kritisiert worden. Er habe „den Kapitän der Gorch Fock gefeuert“, schreibt der Westen, „um sich selbst zu retten“. Die Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online und viele andere verweisen darauf, dass Guttenberg noch am Freitag erklärt hatte, erst die Untersuchungsergebnisse abwarten zu müssen, heute dann aber eine „rasche Entscheidung“ (Spiegel) getroffen habe, die „kein Führungsstil” (SZ) sei. Von einer “übereilten”, gar “hastigen” Personalentscheidung spricht der Westen, die zeige, „wie sehr der Minister unter Druck steht“. Außerdem gingen die „gewiss erdrückenden Vorwürfe” ausschließlich auf „Medienberichte“ zurück. Gemeint ist die Bildzeitung.

Auch SPD und Grüne attackierten Guttenbergs Vorgehen. Grünen-Verteidigungsexperte Omid Nouripour, der mit dem Führungsstil und den Medienberichten als Entscheidungsgrundlage den liberalen Medien offenbar die Stichworte geliefert hatte, fällte das vernichtende Urteil über Guttenberg: „Das ist beliebig”. Und SPD-Fraktionschef Steinmeier erwartet vom Minister, dass dieser nicht wieder (!) Sündenböcke suche, sondern „dass er dieses Mal Manns genug ist, seine eigenen Fehler dann auch als solche  einzugestehen.”
So können wir es im Spiegel-Online-Artikel lesen, der die Überschrift trägt: „Der Schnellschuss-Minister“. Selbstverständlich werden auch die ARD-Tagesthemen etwas zum Thema machen; angekündigt ist ein Beitrag mit dem Titel – dreimal dürfen Sie raten, richtig: „Der Schnellschuss-Minister“.

Es ist nicht abzustreiten: wenn der Verteidigungsminister gestern ankündigt, erst Untersuchungsergebnisse abwarten zu wollen und heute Herrn Schatz feuert, ist es die Pflicht der Opposition wie der Presse, hier kritisch nachzuhaken. Und wenn Herr Nouripour die ganze Sache ein wenig koordiniert, kann man nur sagen: gute Arbeit. Auch wenn Herr Steinmeier es für angemessen hält, seinen häufig bemühten „Anstand“, weil es hier um Komissköppe geht, ganz martialisch durch ein „Manns genug“ zu ersetzen, mag man es als seine Sache abtun, wie er gedenkt, sich als Kanzlerkandidat der SPD zu profilieren. Wenn er jedoch mit den Wörtchen „diesmal“ und „wieder“ ganz diskret einen Vergleich zieht zum vom Oberst Klein befohlenen Luftangriff am 4. September 2009, dann beweist dies, dass Steinmeier im Grunde das Massaker von Kundus bis heute nicht verstanden hat.

Der Tod der jungen Kadettin auf der Gorch Fock war vermutlich ein Unfall, vielleicht – wie die Mutter klagt – lag auch fahrlässige Tötung vor. Ein Vergleich mit dem Gemetzel von Kundus verbietet sich von vornherein. Herrn Guttenberg zu kritisieren, kann eigentlich nie verkehrt sein. Dass er jedoch dafür kritisiert wird, dass im Zuge der Kundus-Afffäre zwei deutsche Generale ihren Job verloren hatten, stimmt allein deshalb nachdenklich, weil dabei irgendwie unter den Tisch fällt, dass bei Kundus mehr als Hundert Zivilisten ihr Leben verloren hatten. Und doch: das, was über den Kapitän Schatz zu erfahren ist, und sei es auch „nur“ aus Medienberichten, sollte allemal ausreichen, Guttenberg nicht ausgerechnet dafür zu schelten, diesen Kerl suspendiert zu haben.

Na sicher hat Guttenberg so gehandelt, um sich selbst zu retten. Was ist das denn bloß für ein bescheuerter Vorwurf?! Zweifellos zeigt sein Herumeiern in einer der gegenwärtig drei aktuellen Affären, die den Verteidigungsminister beschäftigen, dass der Superstar der deutschen Politik gnadenlos überschätzt wird. Gut so. Man mag darüber schreiben. Dass aber liberale Medien und rot-grüne Politiker den Eindruck erwecken, diesem Kommandanten Schatz könne womöglich Unrecht widerfahren sein, stellt ein unerträgliches Anbiedern an den Corpsgeist der Bundeswehrführung dar. Schnellschuss-Minister … – Bei so einem Typen wie Schatz kann man gar nicht schnell genug schießen. Und wenn Guttenberg jetzt geschossen hat, wie auch immer und warum auch immer, dann kann man ruhig einmal schreiben: gut getroffen, Kleiner!

Keine Sorge! Man macht damit keine Reklame für diesen ach so beliebten, angeblich so sympathischen Nachwuchsstar. Im Gegenteil: wer Guttenberg dafür kritisiert, diesen Schatz degradiert zu haben, macht sich gemein mit Herren, mit denen sich weder ein unabhängiger Journalist noch ein roter oder grüner Politiker gemein machen darf.

14 Kommentare

Hallo Herr Jurga,

ich fand die Statements der SPD gestern auch nicht so passend.
Hier muss man mehrere Sachverhalte nacheinander nachvollziehen. Da kann man sich nicht gleich auf den dritten stürzen.

Mein Eindruck von Guttenberg ist aber schon: Er handelt dann, und nur dann -unabhängig von anderen Maßstäben- wenn jemand durch sein Verhalten Guttenbergs Karriere gefährlich werden könnte. Meine Wahrnehmung ist. Dieser unsägliche Kapitän musste nicht wegen seines Verhaltens gegenüber seinen Azubis gehen, sondern weil die Medienreaktionen zu nah an Guttenberg herankamen.

Die gute Nachricht in der schlechten ist für mich: Unsere jungen Offiziere machen nicht mehr jeden Sch*** mit und haben mit Bullenklostermarotten und Kadavergehorsam nicht mehr viel am Hut. Sie haben eigene Wertmaßstäbe. Und wenn diese von ihren gestörten Vorgesetzten überschritten werden, ist Schluss. Das ist richtig so – auch bei der Bundeswehr.

Interessant auch, dass wir die Erhebungen gegen die tunesischen Despoten als “Revolution” willkommen heißen, und das gleiche Verhalten gegen einen Despoten in deutscher Uniform als “Meuterei” denunzieren..

Warum der Bundeswehrverband (die “Gewerkschaft” der Soldaten) sich gestern vor den entlassenen Kapitän gestellt, konnte ich allerdings auch nicht nachvollziehen. Vielmehr sollte dieser Verband den Staatsbürger in Uniform vertreten. Die Bundeswehr sollte keine besondere Attraktivität auf gestörte Persönlichkeiten (Chauvinisten, Masochisten etc.) ausüben. Dafür ist dieser Job zu wichtig und gefährlich.

Viele Grüße

Wenn der Verteidigungsminister die Schuld für den Tod der Kadettin übernehmen soll, dann hätte Frau Merkel, als oberste Chefin Ende Juli 2010 zurücktreten müssen. Auf der Loveparade in Duisburg sind nämlich 21 junge Menschen zu Tode gekommen und über 500 schwer verletzt worden. Noch nicht mal der OB wurde von seinem Amt enthoben. Da hat man nichts von Herrn Steinmeier und Co. gehört.

Das muss der Guttenberg jetzt mal medial in Ordnung bringen. Klare Sache: Sondersendung auf der Gorch Fock mit J.B. Kerner.

Schnellschussminister klingt mir übrigens zu sehr nach Wyatt Earp.
G. ist aber weniger Revolverheld als ein begnadeter Schaumschläger.

@ Frank (Frontmotor)

“Das sind ganz normale Vorgänge.”

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“tja, aber dann …

gewöhnt man sich dran

und man sieht es ein:

davon geht die Welt nicht unter !”

Zarah Leander: http://www.youtube.com/watch?v=p8D126NPTrU

(man werfe auch einen Blick in Zarahs Publikum … ab 1:34 Min. )

@ “davon geht die Welt nicht unter”
Danke für das tolle Video! Ein schönes Gefühl, wenn man die feschen, jungen Burschen sieht, die auch unter schwierigen Bedingungen sich an einem schönen Lied erfreuen können. Kameradschaft – eigentlich das wichtigste bei der ganzen Sache.
Die zur Entstehungszeit des Videos Regierenden hatten übrigens in Erwägung gezogen, auch nach dem Endsieg die Kampfhandlungen am Südrand des russischen Imperiums nicht ganz einschlafen zu lassen, sondern das bergige Gelände und die tapferen islamischen Kämpfer in Zentralasien sozusagen als eine Art Dauertrainingslager zwecks allgemeiner Abhärtung der arischen Jünglinge sinnnstiftend zu nutzen. Damit die sich mal dran gewöhnen …

Nach diesem Video frage ich mich gerade, welche aktuelle deutschsprachige Sängerin eine ähnliche Rolle im Afghanistankrieg übernehmen könnte wie Zarah Leander im zweiten Weltkrieg.

@ Frank (Frontmotor)

an Lena hab ich auch gedacht:

Guttenberg und Kerner sind sicher dafür, dass Düsseldorf als Friedens- und Entwicklungshilfeinitiative den Eurovision Song Contest gemeinsam mit Kabul, Kundus und Mazar-e Sharif austrägt.

@ Frank (Frontmotor) # 10:
Schon klar; aber ich bleibe dabei: diesen Schatz zu “suspendieren”, kann nur richtig sein.
“Ken” gefällt mir als Spitzname übrigens auch sehr gut.

@Rolf Siegel: Gute Idee 🙂
Garmisch ist ja schon mit gutem Beispiel voran gegangen, und nennt das Skirennen zu Ehren des Barons “Kandahar-Abfahrt”.

@Werner Jurga: Ja, also das fand ich auch richtig. Aber Ken hat ihn aus einem anderen Grund entlassen, als wir das getan hätten.

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