Das Konzert in Chemnitz – top oder flop?

Hier werden Kraftklub auf Twitter für das Konzert am Montag.


Am Montag wird es in Chemnitz ein Konzert geben. Ein Zeichen gegen Rechts mit bekannten Bands, von Kraftklub bis Feine Sahne Fischfilet. Ein Zeichen, wohl eher ein PR-Stunt, der nur beruhigen soll. Oder doch bügerschaftliches Engagement? Auch bei uns Ruhrbaronen sind die Meinungen gespalten. Und deswegen werden Daniel Fallenstein und Sebastian Bartoschek das Pro und Contra des Konzertes am Montag ausrollen. Mitdiskutieren in den Kommentaren ausdrücklich erwünscht.

Sebastian Bartoschek (Pro)
Gegen Nazis und Rechtsradikale was tun. Das wird immer wieder gefordert. Zurecht. Immer wieder kritisieren gerade Linke und Linksradikale – auch unter meinen Freunden und Bekannten – dass zu wenig von der bürgerlichen Mitte kommt. Nun gibt es am Montag ein Konzert, gegen Rechts. Und viele Linken unter meinen Freunden sind voll Hohn und Spott dafür, sprechen von einem PR-Stunt, von einem Symbol ohne Mehrwert, von einer Art Johanniskrauttee für die politischen Nerven.

Da geht es nun also nicht mehr darum „was gegen Rechts“ zu machen, seine Stimme zu erheben, sondern das auch noch auf genau die Art und Weise zu tun, die eben jenen Kollegen so vorschwebt – unterhalb der Revolution, zumindest aber der direkten Aktion, der Propaganda der Tat gibt es da nichts. Wichtig ist nicht, „was zu machen“, sondern auch noch den hohen moralischen Standards zu genügen, sich den linksintellektuellen Formen des Widerstandes anzupassen, sich irgendwelche schöngeistigen Diskursen zu beugen.

„Klar wollten wir, dass die was gegen Rechts machen, aber doch nicht so,“ ist das kleingeistige Credo derjenigen die sich noch moralischer und wahrhaftiger und reflektierter sehen, als das bürgerliche Vieh, das am Montag zu dem Konzert geht. Auch so beendet man antifastische Impulse – durch die Abwertung der Mitstreiter.


Daniel Fallenstein (Contra)

Als hätte Chemnitz nicht schon genug Probleme, wird die sächsische Stadt jetzt von der Gesamtgutheit der kulturschaffenden Klasse heimgesucht. Das notorisch gute Gewissen — samt Mundgeruch und Inkontinenzeinlage — bricht zur Erziehungsexpedition in die Provinz auf, über die man endlich all das Böse sagen darf, das sich in jedem anderen Kontext nicht schicken würde.

Wir haben unseren textilen Abfälle schon immer gerne jenseits der Elbe entsorgt. Bis 1989 mussten die in der Deutschen Demokratischen Republik eingesperrten Menschen mit den abgetragenen Klamotten der Westverwandschaft vorlieb nehmen. Wenn sie denn das Glück hatten, Westverwandschaft zu haben.

Dieses bewährte deutsche Prinzip setzt sich fort. Statt die Jeans aus dem Altkleidersack, holt Westdeutschland die Toten Hosen aus der geriatrischen Tagespflege, damit die bucklige Verwandtschaft im Osten mal was Fetziges erleben kann.
Nun, da nach Messermord und Naziauftritten Chemnitz plötzlich im Blickpunkt steht, schicken wir wieder unseren textilen Ausschuss in die Zone. Dabei haben die Chemnitzer schon mit den hässlichen Auswüchsen der Migrationspolitik einerseits und einem handfesten Naziproblem andererseits genug zu tun.

12 Kommentare

Ich hatte heute auch meine große Aktion gegen Rechts. Vor meiner Gefriertruhe.
Eisessen gegen rechts. Gleich werde ich es via Social Media verkünden und mich feiern.

Was soll das?

Einfach mal im öffentlichen Nahverkehr fahren und alle Menschen unterstützen, die ängstlich sind, die blöd angemacht werden etc., über die getuschelt wird.

Oder mal beim nächsten Fußballspiel für die Freundschaft zwischen Ortsrivalen werben.

Das wäre Zivilcourage.

1. Die Toten Hosen

Wer regt sich denn heute noch über die Toten Hosen auf? Dazu muss man schon eine ob des Erfolgs der Band sehr verletzte und nachtragende Punk-Intellektuellen-Seele sein. Die Musik ist sicher ein Streitfall, aber ihre Haltung ist seit jeher unmissverständlich – und Musikgeschmack an dieser Stelle zu thematisieren ist wirklich unpassend.
Viel wichtiger ist doch, dass mit dem Line-up vier westdeutsche, bzw. West-Berliner Acts (Nura dazu mit Fluchthintergrund) und vier aus dem Osten auf die Bühne treten. Zur Erinnerung:

Feine Sahne Fischfilet – verschiedene Orte in MVP
Kraftklub – Chemnitz
Marteria – Rostock
Trettmann – Chemnitz

Damit ist das Event ein gesamtdeutsches und genau das muss auch die Größenordnung der Reaktion sein. Und die Ost-Acts sind außerdem die fetzigeren.

2. Erziehung und die Probleme der Chemnitzer
Chemnitz hat nach den letzten Ereignissen ein größeres Problem als andere Gemeinden – und deshalb dürfen sie nicht beim Kampf dagegen unterstützt werden? Hä? Wenn Eltern ihre Kinder bei Problemen nicht sofort umschwirren, sondern zunächst die selbständige Problemlösung abwarten, ist das ok. In diesem Fall ist es einfach nur überheblich, die Chemnitzer derart zur Selbständigkeit erziehen zu wollen.
Messermord? Jetzt mal langsam. Ob es Mord war, muss noch geklärt werden. Also bitte keine vorschnellen Schuldsprüche und kein so reißerisches Vokabular. Eine Messerstecherei am Rande eines Volksfest "den hässlichen Auswüchsen der Migrationspolitik" zuzuschreiben, deutet zusätzlich auf das fragwürdige Potential dieses Textes hin. Als ob es so was hier noch nie gegeben hätte.

3. Und überhaupt
Statt zu behaupten, hier würde sich wieder mal der Westen dem Osten überstülpen, finde ich die dadurch ausgedrückte Gemeinsamkeit aller Bundesländer viel wichtiger. Die Nazis sind aus allen Ecken angereist. Sollen die Demokraten das nicht tun, nur um den Osten in einer in so vielen Punkten immer noch bestehenden, nicht-westlichen Identität allein zu lassen und zu bestätigen? Damit werden die Nazis zum Ost-Problem gemacht.

@ ke: Hindert Dich das Konzert in irgend einer Weise daran, Deine Vorschläge in die Tat umzusetzen?

Natürlich sollte es bei dem Konzert nicht bleiben und sollten die Teilnehmer_innen danach nicht die Hände in den Schoß legen. Das tun sie aber auch nicht. Feine Sahne Fischfilet sind z.B. in ganz vielfältiger Weise daueraktiv, und für viele Fans gilt das gleiche (ist womöglich bzgl. der anderen Bands genauso). Viele, die in Chemnitz sein werden, werden danach wieder in ihre Städte zurückfahren und ihre antifaschistische Arbeit dort fortsetzen, die Aktion Seebrücke unterstützen, die nächste Nazidemo blockieren helfen, den nächsten Fascho, der irgendwen aufgrund seines Aussehens in der Straßenbahn anpöbelt, zusammenscheißen oder – potz Blitz! – einfach so triviales Zeug anstellen wie Freunde unterschiedlichster nationaler Hintergründe spüren lassen, dass sie genauso geliebt werden wie alle kartoffeligen Freunde auch usw. Das, was Du einforderst, gehört in Teilen der Gesellschaft längst zur Alltagsrealität. Wenn das Konzert helfen sollte, dass diese Teile expandieren, ist das ne super Sache, die Deinen Spott nicht verdient hat. Ich halte es mit dem Konzert wie mit den Lichterketten, die bei früheren Pogromen eine Zeitlang en vogue waren, und mit einer uralten Punkband, die mal gesungen hat: "So lange Lichter nur in Händen brennen, können Millionen auf die Straße gehen. So lange Lichter nicht in Köpfen brennen, ist damit überhaupt noch nix geschehen."

@ Sebastian: Schön, dass wir wieder einer Meinung sind 🙂

Kraftklub sind doch die Chemnitzer Volksmusikanten, die muss keiner importieren 😉 . Auch das Herz nicht, gegen Nazi-Zomibs aufzustehen. Auch das haben die Sachsen selbst. Zusammen singen macht einfach Mut und erinnert sie daran. Es vergewissert: wir können was tun.
Egal was.Wir fangen einfach mal an. Und selbst so Osswessfalen wie Casper stehen zu uns.
Wer kulturell anders drauf ist: die Kirchen machen auch was – irgendwas mit Bildungsbürger-Widerstand. Vielleicht hat es ja auch ein paar klassische Musiker, die "Freude schöner Götterfunken" als Protestsong performen
Und klar, #1, den Nazi-Zombis, die in der Bahn kleine türkische Mädchen ärgern, die rote Karte zeigen, ist auch Bürgerpflicht. Manchmal sing ich dabei "An Tagen wie diesen.." 🙂

Die Stichwörter "Gegen Rechts", "Nazis" sind gefallen, und viele erwachen aus dem Sommerschlaf.

In den anderen Kommentaren spielen oft Ausländer eine Rolle ("türkisches Mädchen", "unterschiedliche nationale Hintergründe").

Ich bin neugierig, wann viele Gruppe die nächste Stufe der "Erleuchtung" erlangen, in der sie eben nicht mehr bzgl. der Nationalitäten differenzieren. Sie werden dann ganz normal bei jeder Art von Ungerechtigkeit/Gewalkt aufschreien und nicht sofort ein Vorurteil bzgl. der Opfer im Kopf haben.

Das gilt natürlich auch für Bands und ihre Solidaritätskonzerte.

Bzgl. der Politiker haben ich schon mehrfach erwähnt, dass sie immer wieder gerne die Bratwurst gegen Rechts grillen oder die Schulen gegen Rechts auszeichnen, bei der Bekämpfung der Gewalttäter in ihren Milieus aber dann keine Aktivitäten zeigen.

In Chemnitz war u.a. die Fußballszene aktiv. Diese Szene steht eigentlich kontinuierlich unter Beobachtung, schafft es aber immer wieder vor den Augen der Polizei zu randalieren. Oft in Blöcken eines Gebäudes vor den Augen von Polizisten und Kameras.
Von Verurteilungen hört man aber wenig.

Ich halte es für äußerst unangebracht, nur 100 Meter von dem Ort entfernt, wo vergangenes Wochenende ein Mensch brutalst getötet und 2 weitere schwer verletzt wurden, ein Konzert zu geben und eine große Party draus zu machen.

Mehr Menschenverachtung geht nicht…

@ ke: Wenn ich schreibe, dass jemand wegen seines Aussehens angepöbelt wird, kann das auch heißen, dass das Opfer z.B. nach Punk aussieht oder nach Mensch mit Handicap oder nach Armut oder weiß der Geier was. Aber entschuldige vielmals, dass ich nicht eine Liste sämtlicher potenzieller Opfergruppen aufgeführt habe und nicht erwähnt, dass jedes einzelne Individuum darunter so wertvoll ist wie das andere. Letzteres habe ich eigentlich als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Mir war nicht klar, dass es Leute gibt, die auf lauter Redundanzen angewiesen sind, um sich etwa 1000 Zeichen Text zu erschließen.

@ #7: Ich halte die Forderung danach, mit dem Erstochenen anders umzugehen als mit anderen Mordopfern für hanebüchen. In der Stadt, in der ich wohne, ist vor etwa 2 Jahren jemand aus dem Drogenmilieu abgestochen worden; da hat kein Hahn nach gekräht. In der Lokalpresse gab es eine winzige Meldung, und das war´s. Am Tatort hat keine Sau auch nur ne billige Primel hinterlassen. Das ist zwar auch nicht unbedingt die feine englische Art, eher genau das andere Extrem im Vergleich zu dem Theater in Chemnitz, wo sogar Forderungen danach laut wurden, dass die Kanzlerin und/oder andere Bundespolitiker_innen gefälligst anzurücken und vor Ort zu kondolieren hätten. Ich halte das für maßlos. Und so zu tun, als sei das Konzert eine gewöhnliche Sause, halte ich für infam.

@ Fallenstein@ruhrbarone

@Herr Fallenstein

Mit der im Text nicht apostrophierten Formulierung "Messermord" – woher wissen Sie, dass es Mord war? – übernehmen Sie die übliche und auch in diesem Kontext von Alice Weidel , deren Facebook Seite der NPD zur Ehre gereichen würde und ihren sonstigen rechtsradikalen neonazistischen,, schlagenden, grölenden oder sonstigen "Besorgten"und dem Hilergruß salutierendem Mob applaudierenden Kombattanten. verwendeten Formulierungen.-

Sie tun das in einem Satz mit den von Ihnen so genannten, aus meiner Sicht hierdurch bagatelliserten Begriff "Naziauftritten".

Finden Sie die Formulierung NaiziAUFTRITTt angesichts der Ereignisse nicht ein wenig dürftig und im Zusammenhang mit den geplanten AUFTRITTEN von engagierten KÜNSTLERN beim geplanten Protest- oder eben Solidaritötskonzert zur Unterstützung und Popularisiering der Chemnitzer Zivilgesellschaft nicht etwas unpassend gewählt?.

Und- wenn wir schon über unpassend sprechen – finden Sie die von Ihnen gewählten "Metaphern"gegenüber hiesigen Künstlern wie z.B. "samt Mundgeruch und Inkontinenzeinlage". "Toten Hosen aus der geriatrischen Tagespflege" und "textilen Ausschuss" gegenüber engagierten Kulturschaffenden )und nebenbei: auch gegenüber älteren Menschen) in diesem Land nicht auch ausgesprochen respektlos und ignorant?

Und, schießen Sie nicht völlig übers Ziel hinaus und sich selbst ins Abseits , wenn Sie im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt in Chemnitz vollkommen unpräzisiert und undifferenziert schwadronieren, dass die Bürger dort nicht schon genug "mit den hässlichen Auswüchsen der Migrationspolitik" zu tun hätten? Warum ist ein Tötungsdelikt "hässlicher Auswuchs der Migrationspolitik"? Ist die Anwesenheit von Geflüchteten und anderen Zuwanderern auch "hässlicher Auswuchs der migrationspolitik"?

Entschuldigung, vielleicht schreiben Sie ja für mehrere Auftraggeber.

Ich denke, dieser engagierte Künstler auf billigste Weise diffamierende und das Vokabular von Rechtsextremisten (Messermord, "hässliche Auswüchse der Migrationspolitk) unreflektiert verwendende Text mag , gepostet bei Alice Weidel oder diversen Neonaziblogs sicherlich eine Menge Likes erhalten.

In diesem Blog hier sollten Sie dafür die rote Karte erhalten.

Die Ruhrbarone selbst legen nach meiner Wahrnehmung hohe Maßstäbe an Sprache und Kulturberichterstattung an und schreiben aktiv gegen Rechtsextremismus. Der von Herrn Fallenstein vorgelegte Artikel erfüllt diese Kriterien nicht- im Gegenteil-er bedient sich des Vokabulars der radikalen Rechten, in dem er auf billige Weise Künstler verächtlich macht und zusätzlich das aktuell verwendete Vokabular der AFD und anderer rechtsextremistischer Gruppierungen in seinen Beitrag "einschmuggelt",
.
Dass die von dem Autoren ansonsten in anderen Beiträgen extrem kämpferisch zur Schau gestellte proisraelische Haltung keinen Widerspruch zu einer AFD-Nähe (siehe Alice Weidel)bedeuten muss, ist kein Geheimnis. Die Ruhrbarone sollten nun selber das tun, was Sie bspw. von der Landesregierung in Bezug auf die ruhrtriennale fordern- den Autor und Märchenerzähler Fallenstein endlich feuern!

Danke

@ Yilmaz
RICHTIG! 100% Zustimmung. Die Herren Rebellen mit XXXXL Kontos werden ein paar Krokodilstränen darbieten um dann ihren Job zu erledigen. Den Sachsen mal so richtig verklickern wie rückständig und griesgrämig sie sind. Ich fürchte so wird das nichts mit der Versöhnung von unterschiedlichen Menschen und Kulturen und ich fürchte das soll auch so sein.

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