Das Ende der Angst

2016-12-21-11-21-33Am Mittwoch bat mich meine Mitarbeiterin, ihr beim Einkauf Zigaretten mitzubringen. Also ging ich zu dem kleinen Tabak-Zeitschriften-Laden in unserem REWE. Auf der Ladentheke lag die aktuelle BILD mit der riesigen Schlagzeile “ANGST!”. Ich stutzte. Und merkte, dass zum ersten Mal seit langer Zeit eine BILD-Schlagzeile in mir nichts auslöste. Schlicht gar nichts. Man sollte dazu wissen, dass ich ein bekennender Freund von Springer und BILD bin. Ich bin also nicht automatisch immer dagegen oder hechel nur dem nächsten polemischen Geifer des BILDblogs entgegen. Folgerichtig habe ich auch kein Problem mit emotionalisierender Berichterstattung, oder der Zuspitzung auf kurze Schlagzeilen. Aber diese Schlagzeile, ANGST!, bewegte mich nun so gar nicht. Dabei waren doch so viele Menschen in Berlin gestorben, quasi “um die Ecke”, der islamistische Terror war nun wirklich in Deutschland angekommen, und konnte nicht weggeredet oder relativiert werden – auch wenn natürlich die üblichen Alles-Entschuldiger auch hier wieder alles entschuldigten – ebenso wie die üblichen Alle-Hasser auch hier wieder alle hassten.

Ich frage in meinem Umfeld herum, im persönlichen, in den Sozialen Netzwerken: “Habe nur ich im Moment einfach keine Angst, sondern eine seltsame Ruhe?” Die Antwort, die ich dutzendfach erhielt war: “Nein, bei mir ist es auch so.” Das war nach den Anschlägen vom Bataclan, von Nizza, oder auch zuletzt nach München anders. Ich will diese drei Anschläge nicht gleich setzen; was sie einte, war dass islamistischer Terror wirkte. Und in der Folge ich, und wohl auch viele andere Menschen in diesem Land, Angst, oder Sorge, oder Furcht fühlten.

Nach Berlin nun ist es anders. Ich war am Dienstag auf dem Weihnachtsmarkt in Gelsenkirchen, und sollte ich es irgendwie schaffen, nehme ich heute noch einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt in Herne mit. Es ist keine Angst zu spüren.

Wir wundern uns über das Versagen der Exekutivorgane, bei der Überwachung des Terrorverdächtigen Amri, und auch nunmehr bei der Fahndung. Wir diskutieren darüber, was man nun machen sollte, und was nicht viel bringen wird. Aber von der großen Angst ist nichts zu spüren, vor der Angst, dass nun jeder in Gefahr sein könnte, und die staatliche Ordnung vor dem Zusammenbruch ist.

Wie wenig Angst vorhanden ist, zeigte letztlich das jämmerliche Häufchen von wenigen Hundert Demonstranten um Rechtsvordenker Götz Kubitschek, die Anfang der Woche sowas wie eine Revolution machen wollten. Die Revolution in Deutschland fällt aus – keiner will sie. Und auch die Scharfmacher aus AfD und der bayrischen AfD-Variante CSU verfangen mit ihren Forderungen und Vorstößen nicht. Zu reflexhaft, zu abgedroschen klingen ihre Forderungen und Stereotype. Es hat schlicht niemand mehr Bock darauf. ‘Niemand’ ist natürlich untertrieben, aber eben keine relevante Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, geschweige denn die Mehrheit.

Vielleicht ist der Knoten auch einfach geplatzt. Ja, wir hatten nun einen größeren Anschlag auch in Deutschland, im Herzen der Republik, in der Stadt, die ich normalerweise so sehr beschimpfe wie keine andere: Berlin. Und was macht Berlin? Weiter. Einfach weiter. Schnattert, feiert sich selbst, schimpft, Berlin. Ich muss diese Stadt nicht mögen, aber ich finde sehr fein, wie sie reagiert hat. Erstmals seit langen Jahren finde ich Berlin cool.

Und dieser Knoten scheint auch abseits von Berlin bei vielen von uns geplatzt zu sein: wir lassen uns Weihnachten, lassen uns den Start in neue Jahr, nicht von Terroristen kaputt machen – ausserdem fehlt uns dazu auch einfach die Zeit, wir müssen noch 101 Kleinigkeit bis Heiligabend erledigen. Und beim Schreiben des vorhergehenden Satz merke ich, wie groß meine Lust ist, einfach über die Attentäter zu lachen. Die ARD hatte eine Sondersendung zu allen Anschlägen der letzten Monate. Wie oft die Attentäter schlicht zu dumm waren, hätte in jeden Leslie-Nielsen-Film gepasst.

Mir ist klar geworden: ja, sie können Menschen töten. Ja, sie fordern uns und unsere Sicherheitsorgane heraus. Aber: nein, sie können nicht gewinnen. Dieses Land steht zusammen. Deutsche und Nicht-Deutsche. Die Mehrheitsgesellschaft will keinen Rassismus, sie will keinen Islamismus, sie will ein friedliches Miteinander, in dem jeder ein wenig auf den anderen achtet – in doppelter Hinsicht.

Und das werden die Terroristen uns nicht nehmen. Im Gegenteil: mir ist klar geworden, dass, wenn jetzt die Angst abgefallen ist, alles gut werden wird. Wir werden den Krieg gegen den Terror gewinnen, vielleicht nicht 2017 oder 2018, aber wir werden siegen. Weil die Schwäche der Demokratie, nicht umgehend und undiskutiert auf Vorgänge reagieren zu können, auf der anderen Seite zu ihrer Stärke führt: sie basiert auf dem Grundkonsens vieler Millionen, und kann Anschläge und Verwerfungen besser aushalten als jede andere Regierungsform.

Ich habe keine Angst mehr. Und ich werde mir 2017 auch keine Angst mehr machen lassen. Egal von wem, egal wobei. Es wird ein schlechtes Jahr für Abu Bakr al-Baghdadi, Frauke Petry, Jürgen Elsässer und all die anderen Persönchen, die ihren Erfolg in diesem Land versuchen durch Angst zu erreichen.

Ich freue mich darauf.

10 Kommentare

Es macht auch keinen Sinn mehr, der Berichterstattung über solche Ereignisse in den sog. "Leit"-Medien zu folgen, da weder Ermittler noch Berichterstatter in der Lage scheinen, den Menschen ein klares, faktenbasiertes Bild über die eigentlichen Vorgänge, die Beteiligten und die auch umsetzbaren Konsequenzen für unser Leben zu übermitteln. Ich nehme mir stattdessen vor, noch mehr Freunde und Liebste als sonst zu kontaktieren und mit denen einfach nur über *ihr* Leben zu quasseln.

Frohes und besinnliches ("der geruhsamen Besinnung dienend") Fest allen zusammen!!

Angst?
Nein, ich verhalte mich seit langer Zeit in meiner Umgebung fast so, wie ich es früher nur in gefährlichen Regionen gemacht hatte. Auch Polizeibarrieren und Kontrollen gehören zum Alltag. Früher haben viele Menschen Urlaubsländer gemieden, in denen dies der Fall war.
Angst?
Nein, es ist eine Wachsamkeit, die Instinkte nutzt und Gefahren vermeidet.
Ich finde es traurig, dass dies jetzt schon in der Heimat, dort wo man Sicherheit haben sollte, der Fall ist.

"Berlin ist cool"? Nein, Berlin zeigt wieder, dass es einfach nichts schafft. Ich werde dort vorerst nicht mehr hinfahren. Mich nervt das dortige Chaos einfach nur noch.

Ich erinnere mich wieder an die christliche Botschaft, sehe zu, dass das BSP steigt und gehe davon aus, dass Menschen/Regionen, die nur vom Terror leben, bald verschwinden werden.

Wir sollten auch an Menschen denken, die ihr Leben für den Kampf gegen diese Terror Banden einsetzen und oft weit von der Heimat stationiert sind. Auch wenn ich der Meinung bin, dass dies nicht Aufgabe der BW ist.

@ Autor: "Und auch die Scharfmacher aus AfD und der bayrischen AfD-Variante CSU verfangen mit ihren Forderungen und Vorstößen nicht. Zu reflexhaft, zu abgedroschen klingen ihre Forderungen und Stereotype. Es hat schlicht niemand mehr Bock darauf. ‚Niemand‘ ist natürlich untertrieben, aber eben keine relevante Anzahl von Bürgerinnen und Bürgern, geschweige denn die Mehrheit."
Ist da evtl. der Wunsch Vater des Gedankens? Nur weil "niemand" einem Demo-Aufruf folgt, heißt das ja nicht, daß eine "relevante" Anzahl nicht doch ihre Kreuzchen an der von Ihnen nicht gewünschten Stelle macht. Ich habe gerade in den vergangenen Tagen ebenso dies seltsam ruhige wie verstörende Verhalten erlebt; aber halt auch ebenso verstörend ruhig vorgetragene Äußerungen, die eine Enttäuschung u. Entfremdung von den bisher erfolgreichen – vor allem aber regierenden Parteien – dokumentierten, daß sich mir die Frage stellt, wen diese Menschen denn noch wählen können. Und dies oft von Menschen, die ich bislang eher in der Mitte bzw. im links-alternativen Teil unserer Gesellschaft verortet hatte.

Das Ende der Angst?

Dieser islamische Terrorist wird uns keine Angst mehr machen. Bleiben also nur noch die x-hundert anderen bekannten islamischen Extremisten, die sich in unserem Land aufhalten und die wir nicht lückenlos überwachen können, plus die uns unbekannten, plus die, die jederzeit über die ungeschützten Grenzen ins Land kommen können.

Passender wäre: Der nächste bitte!

Schöner Beitrag, Sebastian Bartoschek, und zur Erinnerung, "der Insulaner verliert die Ruhe nicht," war im Westberlin der 50er und 60er während der "Berlinkrisen" ein viel gespieltes Lied einer Kabarettgruppe( Stachelschweine meine ich mich zu erinnern). Von dieser Haltung scheint noch was da zu sein. Gut so!!

Oh, nach #Neuland, Neuspeech (PC), Neudenk (braungeistig) nun auch Neufeel? Cool! (Oder darf, soll, muss man sich nicht mehr freuen?).

Angst haben doch nur bestimmte Akteure (Obertan(t)en) vor den Wahlen / Wählern …

Wer keinen (Un)Sinn für das Absurde hat, sollte sich nicht mit Politik beschäftigen. Neo-Bionade-Biedermeiner rules 😉

Scheiß Text zum Jahresende. Danke Sebastian. Ich hab in der Schule nie wirklich gut aufgepasst, deshalb war ich schon ganz früh bekennender Freund von Springer und BILD – wahrscheinlich schon viel früher als du, lieber Sebastian. Bildung in der Schule war für mich immer sehr anstrengend, außerhalb der Schule war es immer viel einfacher, Springer und BILD haben mich immer verstanden und genauso hab ich sie verstanden. Alles war einfach; gut und böse klar definiert und ich hab nie zu den Bösen gehört. Ich bin kein südländischer Typ, hatte Arbeit und bin nie unangenehm aufgefallen. Meine Eltern haben noch nie ein Buch gelesen, bei Mutter steht der Medikus seit meinem Auszug vor 20 Jahren unberührt im Regal und wenn ich sie jetzt an Weihnachten besuchen gehe weiß ich mit Sicherheit dass er da noch immer stehen wird. Ungelesen. Irgendwie glaube ich dass es bei deinen Eltern anders aussieht – keine Ahnung warum, ist einfach nur ein Vorurteil. Aber BILD hat mir ein sehr gutes Gespür für Vorurteile mitgegeben, wer dazu gehört und wer nicht. Jetzt gerade hast du dich abgewandt, oder vielleicht schon vor längerem…du gehörst nicht mehr dazu, nicht zu denen die Stimmung machen..oder einfach ausloten und verstärken. Vielleicht sieht man sich ja mal auf einer Demo oder so, oder woanders wo anständige Menschen zusammenkommen.

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