DARK: Man nimmt sich sehr viel Zeit

Im Wald stirbt´s. Zumal in Deutschland. Da wird es DARK. (Symbolfoto. Quelle: Roman Schurte/ Flickr/ CC0 1.0)

“Dark”, die deutsche Antwort auf… egal! Deutsch ist Dark in jedem Fall. Wenn wir Deutschen irgendwas mit “Mystery” machen, dann hat das nix mit Zauberkram, Elfen oder Ausserirdischen zu tun, sondern mit Ingenieurskunst, Pünktlichkeit und Physik.

Die Serie darbt an vielem, aber nicht an den Schauspielern (und auch nicht an den im Drehbuch vorgegebenen Dialogen). Schauspieler und Dialoge bewegen sich genau so, wie es der Look und das Setting der Serie vorgeben. “Leidenschaft” würde nicht zum Ton der Bilder und auch nicht zum Ort der Handlung passen (was nicht bedeutet, dass die Figuren, und damit auch die Schauspieler, später durchaus leidenschaftlich agieren). Das man sich teilweise tatsächlich wie im “Tatort” fühlt liegt tatsächlich am Ton, jedenfalls meiner unmaßgeblichen Meinung nach. Wie im Tatort hören wir den Originalton und nicht den geglättete Version einer Synchronisation. Das ist ungewohnt. Wer den Unterschied zwischen O-Ton und Synchronisation “live” erleben möchte, der kann dies bei z.B. bei Berlin Station tun, einer ebenfalls von Netflix versendeten Serie oder, um im Bild zu bleiben, bei einem aktuellen Tatort aus der Schweiz

Tatsächlich darbt die Serie daran, dass sie unglaublich viel Zeit braucht, um Figuren zu charakterisieren und um Spannung aufzubauen. Man muss sich schon beinahe die ganze Staffel Zeit nehmen, um die Geschichte spannend zu finden, aber dann wird sie es. Das scheint tatsächlich ein Problem deutscher Produktionen zu sein, denn bei “Babylon Berlin” ist es ähnlich. Acht Folgen der ersten Staffel beinahe zum Wegrennen und Vergessen, aber dann gewinnt es und fesselt.

Der voreilige Schluss, den viele Kollegen vorab gezogen haben, dass das Kernkraftwerk irgendwie “Schuld” an den Ereignissen ist, zeigt übrigens, dass sie sich nicht die Zeit (pun intended) genommen haben, die Serie wenigstens bis zur Halbzeit anzusehen. Ohne zu spoilern: Das Kraftwerk geht 1956 in Betrieb, die Ereignisse beginnen aber schon 1953… Zumindest in dieser ersten Staffel spielt das Kernkraftwerk in etwa die gleiche Rolle, die es auch bei den Simpsons spielt. Es ist der Mittelpunkt einer Gemeinde im Nichts.

Woran die Serie definitiv darbt, das ist Subtilität. In großen Leuchtbuchstaben wird einem ab der ersten Szene “Mystery” vor den Latz geknallt. Anders als zum Beispiel in “Twin Peaks”, das als einfacher Krimi begann und irgendwann abdriftete. Sie darbt auch daran, dass sie sehr komplex ist. Vier Familien, handgestoppte 8 Personen, die man auf drei Zeitebenen (eigentlich vier) unterscheiden, zuordnen, erkennen und einordnen muss. Das ist nicht schlimm, nur macht es einem das Drehbuch dabei nicht leicht, den Überblick zu bekommen und ihn auch zu behalten. Das kann und darf man dann gerne kritisieren.

Wie auch immer, nach drei, vier oder fünf Folgen ist man in der Geschichte drin und möchte auch das Ende erfahren (über das es einiges zu sagen geben würde, aber dann würde ich spoilern). Ebenfalls nicht so doll, dass die klassische “Heldenreise” für den Zuschauer lange Zeit nicht erkennbar ist. Sie ist allenfalls zu erahnen und erst in letzten zwei oder drei Folgen wird wirklich deutlich, wer hier was, wann und warum tut… jedenfalls so halbwegs. Was dann noch eventuelle Parallelen zu “Stranger Things” angeht… Nun ja, Stranger Things hat mich nie gefesselt und ich habe es (noch) nicht gesehen, aber ich habe mir sagen lassen, dass die einzige Gemeinsamkeit in etwa die ist, dass in beiden Serien Menschen in einer Stadt leben und das Kinder verschwinden. Mit anderen Worten: Es gibt eigentlich keine Parallelen. ’86 ist tatsächlich ’86 und kein Zwischenreich…

Um es gut zu finden, muss man “Dark” wohl tatsächlich komplett durchschauen, ungewöhnlich und schwierig bei einer Serie. Aber moderne Serien sind ja in Wahrheit eher verdammt lange Kinofilme.

Disclaimer: Dieser Artikel erschien zuerst als Kommentar unter dem Artikel unserer Gastautorin Judith Sevinç Basad

5 Kommentare

Und ich ungeduldiger frage mich schon nach ca. 30 Minuten, ob in der Serien auch etwas passiert.
Wenn es so lange dauert, dann lass ich die Serie weg. Es gibt ja genug Auswahl für das Nebenbeischauen im Hintergrund.

Ja, die Dialoge wirken sehr aufgesagt und vorgelesen. Wie in den 08/15 Vorabendserien mit Neuschauspielern, die ich seit den 90er nicht mehr schaue.

Dann wähle ich doch lieber eine andere Serie. Es gibt ja genug.

Wenn viele parallele Handlungsstränge meinen Kopf beschäftigen und die Serie spannend bleibt, kann ich auch darauf lange warten, wie es ausgeht. Eine absolut notwendige Voraussetzung ist aber, daß die Dialoge nicht wie aufgesagt und vorgelesen wirken, wie @1 behauptet.

Seit ich mir auf Empfehlung meiner Tochter die Serie Games of Thrones Staffel 1 angeschafft hatte, bin ich erstmals seit meiner Kindheit wieder richtig bei einer Serie gelandet. Richtig, das bedeutet, daß ich neugierig bin, wie es weitergehen mag. Bei der Serie Outlander hat diese Neugierde bereits nach der zweiten Staffel nachgelassen.
Aber bei Games of Thrones bin ich nie einegeschlafen, nicht ein einziges mal. Mittlerweile habe ich 5 Staffeln bereits ein zweites mal geguckt, weil die Staffel 6 noch viel zu teuer ist.
Bisher sind alle Folgen so mit Informationen vollgestopft, daß ich beim zweiten Durchgang überhaupt erst manchen Zusammenhang kapiert habe. Die frühen Asterixheft hatten ich auch oft zweimal gelsen und beim zweiten Lesen habe ich wieder etwas entdeckt, worüber ich lachen mußte. Nur waren das abgeschlossene Geschichten.
Genau das ist bei Serien anders, und deshalb kommt es bei Serien in erster Linie darauf an, den Zuschauer neugierig darauf zu machen, wie es weitergehen mag. Das ist der wirtschaftliche Faktor bei Serien.

Alle so ungeduldig. Lasst das sich doch mal entwickeln. Ich hab mir die ganze Serie an einem Stück angesehen.

Die beste deutsche Serie die Ich je gesehen habe!

Grüße aus Dresden

Philipp

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