Café Berta und Kober-Aus: Protest gegen Dortmunder Sozialpolitik

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Der Trinkraum “Café Berta” in der Nordstadt steht vor dem Aus und die Stadt will auch die Prostituiertenberatung “Kober” nicht länger unterstützen. Dortmund, eine der ärmsten Städte Deutschland, gesegnet mit Politikern deren Hang zu teuren Selbstdarstellung ebenso legendär ist wie der Ruf als angebliche “Herzkammer der Sozialdemokratie” spart ganz unten. Sozialverbände haben gleich zwei Offene Briefe gegen diese Politik geschrieben;

Gast-Haus e.V., Kana – Dortmunder Suppenküche e.V. und bodo e.V. fordern Erhalt des „Cafe Berta“

Sehr geehrte Damen und Herren,

das „Cafe Berta“ hat sich innerhalb des Projektzeitraums zu einem unverzichtbaren Teil des Hilfesystems in Dortmund entwickelt — im am stärksten belasteten Quartier der Stadt.

Trotz aller Widerstände zu Beginn ist das „Cafe Berta“ nach zwei Jahren eine bei Betroffenen, Kollegen, Anwohnern und über alle Fraktionsgrenzen hinweg hochgeschätzte Einrichtung.

Das „Cafe Berta“ arbeitet effizient und erfolgreich mit knappen Ressourcen, der Erfolg im Quartier ist mit Händen zu greifen.

Als allein spendenfinanzierte und von aufopferungsvollem ehrenamtlichen Engagement getragene Einrichtungen kämpfen wir seit rund 20 Jahren dafür, dringend benötigte Hilfe für die „Menschen am Rande“ zu leisten. Wir wissen um unsere Erfolge – und um die Grenzen einer Belastung der frei finanzierten Träger mit diesen Aufgaben.

So sehr Dortmund, die Nordstadt und der Nordmarkt vom „Cafe Berta“ profitieren, so klar ist uns, dass eine Verschiebung der Lasten seiner Finanzierung ins Private der falsche Weg ist.

Die Projektphase hat ohne Risiken und nennenswerte Kosten für die Kommune die Etablierung einer erfolgreichen Einrichtung ermöglicht, nach nun sichtbarem Erfolg fordern wir die Aufnahme des „Cafe Berta“ in die Regelförderung.

Ökumenische Wohnungslosen-lnitlative “Gast-Haus statt Bank” e.V. bodo e.V. – Das Straßenmagazin
Kana – Dortmunder Suppenküche e.V.
Dr. Klaus Harbig

Alfons Wiegel, Wohnungslosenpfarrer
Pfarrer Ansgar Schocke (Pastoralverbünde Dortmund Nord-Ost und Fredenbaum)

Protest gegen Kober-Aus

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großer Enttäuschung und tiefem Bedauern stellen wir fest, dass die Beratungsstelle des SKF KOBER ab dem 1. Januar 2014 nicht mehr von der Stadt Dortmund unterstützt wird.
Die Schließung des Straßenstrichs war für uns schon nicht nachvollziehbar und stellte einen Schlag ins Gesicht der betroffenen Frauen sowie der professionellen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die betroffenen Frauen sind so wieder schutzlos der Willkür von Freiern, Zuhältern und Clubbesitzern ausgeliefert.

Dr. Klaus Harbig, der seit acht Jahren niederschwellig aufsuchend als Arzt ehrenamtlich für Prostituierte des Straßenstrichs mit KOBER zusammenarbeitet, beobachtet: “Die gesamte Einrichtung war vorbildlich mit der Tätigkeit von Sozialarbeiterinnen, Dolmetscherinnen‚ Krankenschwestern und Ärzten und wurde häufig von Fachleuten aus anderen Städten besucht. Durch den hohen Zuzug aus Osteuropa kam es in einer Kurzschlussreaktion der Stadt zur Schließung. Beratung der Frauen war danach nur noch in den Räumen von KOBER möglich. Dort war unsere Arbeit zunächst sehr erschwert, da die Frauen Angst vor Beobachtung und dem Zugriff der Ordnungskräfte hatten. Trotzdem nahm die Zahl der Beratungen wieder zu: Gespräche über Kontrazeption, Schutz vor Infektionen, Vermittlung von Wohnungen und Arbeitsstellen waren für die Frauen eine große Hoffnung.”

Diese Hilfen werden durch die Entscheidung der Stadt Dortmund zunichte gemacht. Wir sind keineswegs Befürworter des Gewerbes, doch ist Prostitution seit Jahrhunderten gesellschaftliche Realität. Aufgabe von Beratung kann nur sein, die Frauen aufzuklären, zu schützen und ihnen alternative Möglichkeiten in einem zivilen Leben zu geben. Für uns ehrenamtlich Tätige in der Versorgung von Wohnungslosen, sozial Schwachen und Arbeitsemigranten aus Südeuropa ist es nicht hinnehmbar, dass die Beratungsstelle KOBER geschlossen wird. Wir fürchten in der Folge eine Zunahme der Kriminalität und der versteckten Prostitution mit ungewollten Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten.

Die Streichung der städtischen Mittel bedeutet den Wegfall der Stellen von zwei Sozialarbeiterinnen und einer Sprachmittlerin. Wir fordern die Stadt Dortmund auf, KOBER weiterhin im bisherigen Umfang finanziell zu unterstützen!

bodo e.V. – Das Straßenmagazin

Kana – Dortmunder Suppenküche e.V.

Ökumenische Wohnungslosen-lnitiative “Gast-Haus statt Bank” e.V.

Dr. Klaus Harbig
Alfons Wiegel

Wohnungslosenpfarrer
Pfarrer Ansgar Schocke

Pastoralverbünde Dortmund Nord-Ost und Fredenbaum

9 Kommentare

Was für ein Überraschung. Das der Saufraum kein nachhaltiges Angebot sein konnte, war schon bei seiner Eröffnung klar. Es ging dabei immer um EU-Fördermittel, was sogar die Vertreterinnen der Parteien zugegeben haben, die ihn durchgesetzt haben.

Diese fehlende Perspektive habe z.B. ich hier immer kritisiert.

Und nach der Schliessung der Strassenstriches, die ich immer noch sowas von richtig halte, musste die Betreuung neu organisiert werden.

Die Aufgaben übernimmt übrigens die Mitternachtmission. Die sich um die Mittel beworben hat. Das es zukünftigt keine Betreuung gibt, wie der Text nahelegt, stimmt nicht.

In Dortmund fehlt Geld.
Für die Betreuung von Prostituierten wird eine hohe 6-stellige Summe ausgegeben, die auch in andere Projekte investiert werden könnte (z.B. Schulen).

Jetzt sieht es für mich so aus, dass es eine Ausschreibung gab und einen Sieger. Das kommt vor und wird Gründe haben.

In den Berichten vermisse ich Beispiele für die Effizienz der sozialen Angebote jenseits des Wohlfühlfaktors.

Auch ich sehe die Schließung des Straßenstrichs sehr positiv.

@Thorsten
Alles richtig.
Die Geschichte des Projekte-Irrsinns allein in der Nordstadt ist zu lang, um sie zu erzählen. Trotzdem besteht ja immer die Hoffnung, dass Politik fremdgeförderte Projekte als das wahrnimmt, was sie eigentlich sein sollen: Labore, in denen für die eigenen Kassen weitgehend risikolos der Nachweis erbracht werden kann, dass etwas funktioniert, hilft und sparsam / effizient arbeitet.
Da ist nun wirklich das Berta ein schönes Beispiel. Nebenbei wirklich exakt an der Ecke Dortmunds, wo der Bedarf am größten ist.

Was Kober angeht, war für uns in erster Linie das Ärgerliche, dass wieder geglaubt wurde, Prostitution verbieten zu können. Wir haben uns immer für eine geordnete Lösung – eine Zugangsbegrenzung – auf einem legalen Straßenstrich eingesetzt. Das wäre gegangen. Angesichts des geradezu absurden Taskforce-Einsatzes nach der Schließung wäre eine ordnungsrechtliche Lösung im Sinne der Anwohner jederzeit möglich gewesen: Ein legaler Strich, Zugang zu Hilfsangeboten und eine (ordnungsrechtliche) Durchsetzung der berechtigten Interessen der Anwohner, im Wohngebiet nicht von Freiern behelligt zu werden, etc.
Man hat es aber vor die Wand fahren lassen und Kober die Existenzberechtigung abgesprochen – Straßenprostitution ist ja schließlich verboten. Letztlich blieben die aber die einzigen mit Zugang zu der illegalisierten Zielgruppe, die nun weitgehend unsichtbar, aber unter wirklich gefährlichen Bedingungen arbeitet.
Wir schätzen die Arbeit der Mitternachtsmission und hoffen, dass die Arbeit mit den illegalisierten Frauen erfolgreich ist. Wie es dazu gekommen ist, halten wir für falsch.

Bastian Pütter
bodo e.V.

Dortmund hat sich ein Vierteljahrhundert lang zwei Beratungsstellen für Prostituierte geleistet. Beide haben nicht nur unterschiedliche Träger, sondern auch unterschiedliche Grundeinstellungen zu Prostitution und Prostituierten. So war hier eine große Bandbreite an Angeboten und Beratungsstilen gewährleistet.
Das nun ausgerechnet die Seite “übrigbleibt” und den ganzen Kuchen für sich beansprucht, die- wie die Presse berichtet- jegliche Kooperation und Verhandlungsangebote vehement abgelehnt hat, erscheint mir irgendwie ungerecht.
Es ist doch völlig okay, wenn es verschiedene Sichtweisen und Herangehensweisen gibt. Ist das nicht sogar gut?
Eine Hälfte dieser Betreuungslandschaft jetzt einfach abzuschneiden, das ist aus sozialarbeiterischer Sicht ziemlich schädlich. KOBER sitzt mitten in der Nordstadt. Ist etablierte Anlaufstelle. Die Mitarbeiterinnen haben gute Kontakte zum Klientel, auch weil sie selbst Streetwork machen und nicht nur Honorarkräfte und Ehrenamtliche auf die Straße schicken. So gut, wie die Kontakte eben sein können bei den derzeitigen Zuständen.
Statt die Aufgabenbereiche der beiden Stellen einfach mal gründlich aufzuteilen und auf die Einhaltung einer solchen Aufteilung zu bestehen (wenn schon keine Kooperation möglich ist) einfach eine Stelle aufzukündigen, ist ein großer Verlust und einfach… ungerecht… für alle, vor allem für die Frauen, die bislang von KOBER mitten in der Nordstadt betreut wurden und die sich nun an eine Stelle im Klinikviertel wenden müssen und an für sie noch fremde Sozialarbeiterinnen.
Das wird sicher alles irgendwie gehen mit der Zeit… aber es ist so unnötig!

Natürlich. Wo außer in Dortmund wird menschenverachtendes Verwaltungshandeln eines “sozial-rot” verfärbten Rathauses dermaßen offen auf dem Rücken der sozial Schwächsten ausgeübt?

Da der Dortmunder Stadtverwaltungsvorstand eigentlich in *allen* rechtlich strittigen Entscheidungen der letzten Jahre mit seiner Rechtsauffassung sehr alleine stand und lieber auf dumpf machte, statt Urteile zu verstehen, wird es wohl Zeit, dass noch mehr verbliebene Prostituierte (aktuell ca. 120 sind ja noch mehr als von echten Insidern *vor* der Straßenstrichschließung kolportiert) den Klageweg zur Abweisung der Sperrbezirksausweitung aufs ganze Stadtgebiet beschreiten. Die Illegalität und die daraus resultiernde Gewalt gegen Prostituierte kann in einer westlichen Wohlstandsnation nicht die Ultima Ratio sein – oder man benennt sich um von “Herzkammer der Sozialdemokratie” in “Enddarm deutschen Spießertums”.

Was finden so viele Menschen nur so toll an der Straßenprostitiution und an einer offiziellen Straßenstrichinfrastruktur? Der Bornstraßenbereich hat sicherlich von der Schließung profitiert und aus meiner Sicht auch Dortmund.

Die Schließung des Straßenstrichs ist auch sozial. Sie erhöht die Markteintrittsbarrieren für Neueinsteiger. Damit werden andere Jobs attraktiver als der angeblich schnelle EUR auf dem Straßenstrich, der auch ohne Ausbildung verdient werden kann.

Wer Prostituierte besuchen will oder Dienste anbieten möchte, kann dies bspw. in Bordellen etc. tun. Dies sichert auch die Jobs der dortigen Anbieter vor Dumping-Angeboten im großen Ausmaß.

Wenn auf dem Straßenstrich Gewalt alltäglich ist, ist dies ein weiterer Grund ihn zu verbieten. Wenn dies für die gesamte Branche zutrifft, muss der Gesetzgeber ebenfalls Auflagen etc. erhöhen.

Insgesamt sehe ich die Stadt hier auf dem richtigen Weg, auch wenn mir die Kosten für Betreuung deutlich zu hoch sind. Es ist doch ein normaler, legaler Job.
Oder doch nicht?

@ #6 der punkt ist doch, dass es um eine art freiheit oder selbstständigkeit der protestuierten geht. das ist in z.b in bordellen möglich ist.
und ja es ist ein normaler legaler job, nur dass viele es leider nicht so ansehen.
das ist als würde man sagen: schwul sein ist ja ganz normal, für was beratungsstellen?

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