Business-Art die sich im Wege steht

Das MKM in Duisburg zeigt Monumentales von Markus Lüpertz

Der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz
Der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz

Seit den 1960er Jahren schafft der ehemalige Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie Werke, die mittlerweile zum Kanon der deutschen Kunstgeschichte gehören. Zum ersten Mal zeigt die Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Markus Lüpertz in einer Einzelausstellung im Duisburger Museum Küppersmühle.  Das Spektrum deckt sämtliche Schaffensphasen wie auch das breite Repertoire des Künstlers von Malerei über Skulptur bis zu Reliefs ab. Die Arbeiten sind Teil der Sammlung Ströher, die als eine von wenigen Sammlungen ein so umfangreiches Konvolut von Lüpertz besitzt, dass eine Retrospektive daraus realisierbar ist.

Einzelne Positionen aus verschiedenen Schaffensphasen bieten zu Beginn den Einstieg in das Gesamtwerk. Der zweite Raum zeigt das Frühwerk der 60er Jahre einschließlich der 20-teiligen Arbeit Gegen Abend besetzen Störche Lüpolis, die erstmals überhaupt gezeigt wird. Die weitere Ausstellung strukturiert die Räume nach Themen und Motiven, durch welche der Stellenwert der Serie in Lüpertz‘ Werk hervorgehoben wird. Der 2007 für WDR und Arte produzierte Film „Arbeiten für die Ewigkeit“ bietet ein Portrait des Künstlers. Weitere Schlüsselwerke sind darüber hinaus in den Sammlungsräumen des MKM zu sehen.

Der Katalog bietet neben den Bildreproduktionen und ausgewählten Bildausschnitten zwei ausführliche Artikel zur Einordnung von Markus Lüpertz: Der Kurator der Ausstellung  Götz Adriani beschreibt Lüpertz‘ künstlerischen Werdegang von der „dithyrambischen Malerei (ab 1962) über die „Deutschen Motive“ (ab 1970) als Stipendiat der Villa Romana in Florenz, die Figurenmalerei der 80er und seine – durch zahlreiche öffentliche Aufträge beflügelt – Fertigung von Skulpturen. Anschließend geht er auf die Vorliebe des Künstlers für Gemäldezyklen mit wiederkehrenden Elementen und Strukturen ein. Ein Blick auf Lüpertz‘ Engagement während seiner über 20-jährigen Amtszeit als Rektor der Kunstakademie Düsseldorf sowie seine Einordnung in den Kunstmarkt und die Bedeutung der Sammlung Ströher beenden den Artikel.

Peter Weibel als Vorstand des ZKM Karlsruhe, das die Ausstellung in zweiter Station vom 9. Juli bis zum 23 Oktober zeigen wird, führt den Diskurs über die Selbstdefinition und den Zweck der Malerei von Leonardo bis zur Moderne, den Weg der deutschen Malerei und darin die Verortung von Markus Lüpertz zwischen Abstraktion und Figuration, sowie dessen Versuch einer Neudefinition der künstlerischen Existenz; Weibel stellt Lüpertz als praktizierenden Dandy dabei in die Tradition der Avantgarde des Dadaismus:

„Seine exzentrische Erscheinung als Dandy ist nur der personalisierte Ausdruck einer tieferen Wahrheit, nämlich der Malerei als Praxis der Existenz, als Handwerk des Lebens, als Sorge des Seins. Deswegen betont er in Gesprächen immer wieder, dass es ihm nicht um das einzelne Werk geht, nicht um das Einzelwerk als Meisterwerk, sondern dass seine Suche, seine Recherche mit malerischen Mitteln, das eigentliche Werk sei, das somit nie vollendet sein wird.“ (63)

Der besondere Stellenwert der Ausstellung „Kunst die im Wege steht“ liegt hierin begründet: Indem sie einen retrospektiven Überblick über das gesamte Schaffen vom Frühwerk bis zur Gegenwart zeigt, soll es dem Besucher möglich werden, Lüpertz‘ malerische Recherche in seiner Entwicklung ansatzweise nachzuvollziehen und zum metaphysischen Kern seines künstlerischen Wollens vorzudringen.

Die Ausstellung fügt sich in ihrer Dramaturgie derart harmonisch in die Räume des MKM ein, als sei die Küppersmühle einzig und allein zu diesem Zweck gebaut worden.

Da ist beispielsweise das Bild WESTWALL von 1968 in Leimfarbe auf Leinwand ausgeführt, genauer gesagt in Leimfarbe auf fünf Leinwänden, die aneinander nebeneinander gehängt das monumentale Maß von 200×1250 cm vermessen. Bei dem Motiv handelt es sich um einen jener Kommentare zur deutschen Geschichte, von denen Julia Voss von der FAZ treffend bemerkte, sie seien „wie bei einem Brettspiel das Feld, über das jeder deutsche Künstler einmal gehen muss.“ . Markus Lüpertz ist gerade mal 27 Jahre alt und beschließt also, 25 Quadratmeter Leinwand, ein paar Hektoliter Leimfarbe, viel Zeit, Energie und Kreativität dafür zu opfern, 55 Panzersperren des militärischen Verteidigungssystems der Nationalsozialisten an der Westgrenze des deutschen Reiches als Silhouette nachzumalen und dies in einer düsteren Farbigkeit und einem monströsen Bildformat auszuführen, welches die Monströsität der realen Vorlage widerspiegelt. Da sich das Bild – diese Überlegung stellt sich hier aufgrund der Maße – nur bedingt für einen Verkauf an privat, etwa an einen Kriegsveteranen für seine Wand überm Sofa, eignet, fragt man sich, für welchen Ort das Bild bereits in der Entstehungsphase gedacht ist. Für den Showroom eines Rüstungskonzern? Mitnichten, der 27-jährige Markus Lüpertz malt hier gezielt für die Kathedralen der Kunst, der WESTWALL ist von der Konzeption an für das Museum bestimmt.

Betrachten wir den Künstler in seiner Zeit: Wir schreiben das Jahr 1968, Joseph Beuys lehrt an der Düsseldorfer Kunstakademie, Anti-Vietnam-Demos finden statt, Andreas Baader verübt in Frankfurt am Main in einem Kaufhaus Brandstiftung und der Prager Frühling wird am 21. August durch die einmarschierenden Truppen des Warschauer Paktes gewaltsam niedergeschlagen. Es ist die Zeit der 68er, gesellschaftlich geprägt vom Kampf der jungen Generation gegen die Autorität des Establishments, Markus Lüpertz malt währenddessen in seinem Atelier ungerührt vom Weltgeschehen um ihn herum Panzersperre um Panzersperre und träumt konkret davon, dass sein Monsterwerk bald in einer der Kathedralen der Kunst aufgehängt wird. „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“ diese Kernparole der deutschen Studentenbewegung trifft natürlich auch auf die elitären Strukturen und überholten Traditionslinien der damaligen Museumspolitik zu. Aber darüber muss ein wahres Genie sich hinwegsetzen können, denn erst wenn man in den heiligen Hallen der Kunst angelangt ist, nur dann hat man sich den Namen Malerfürst auch redlich verdient.

Lüpertz wählt mit dem Westwall ein Sujet, das sich zwar vordergründig kritisch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzt, die Art der Ausführung offenbart aber den zutiefst  reaktionären Geist des Künstlers und erbringt damit den Beweis seines Opportunismus. Mehr noch; der selbstverständliche Anspruch eines 27-jährigen Künstlers auf einen Platz im Museum könnte bedeuten, dass er spätestens zu diesem Zeitpunkt zum Narzissmus konvertiert zu sein scheint und sich schätzungsweise am Gipfelpunkt einer manischen Episode befindet. Wenn nach Slavoj Žižek wahr ist, dass man sein Symptom so lieben soll, wie sich selbst, dann kann man diese Malerei von Markus Lüpertz als angewandte Kunsttherapie betrachten.

Julia Voss von der FAZ hat Lüpertz seinerzeit im Rahmen ihrer Besprechung seiner Ausstellung 2009 in Bonn vorgeworfen:

„Leinwand um Leinwand produziert er Bilder nach Picasso, nach Corot, nach Courbet, nach Monet, nach Marées. Er holt sich die Motive aus der Kunstgeschichte, Goyas „Erschießung der Aufständischen“ von 1814 etwa, die Manet und später Picasso nachmalten. Er tunkt es in wilde Pinselstriche, aber in seiner Auffassung von Malerei gleicht er jemandem, der im Wald ein Transistorradio findet und sich daran- macht, mimetisch die Form nachzubilden, die Knöpfe, Tasten, Schalter und Anzeigen, ohne je auch nur einen Blick auf das Innenleben zu werfen.“

Der Vorwurf an den Künstler Lüpertz, die Werke anderer Kollegen zu kopieren ist nicht halb so schlimm, wie der ungeheuerliche Vorwurf an den Kunstprofessor, er habe nicht die leiseste Ahnung von den inneren Gesetzmäßigkeiten der Kunst. Ihr Vergleich mit dem Transistorradio ist deswegen abwegig, weil in der Malerei die Metaphysik mit der inneren Technik identisch und sichtbar ist, es gibt keine versteckte Technik analog dem von ihr angeführten Transistorradio.

Der Journalist Dirk von Gehlen hat 2011 mit „Mashup. Lob der Kopie“ die  Kulturgeschichte der Kopie auf den schöpferischen Wert des Kopierens im digitalen Zeitalter hin untersucht und ein Plädoyer für den Erhalt und Ausbau der Remix-Kultur  gehalten:

„Dieses Buch hätte sein Ziel erreicht, wenn der Leser im Zuge der Lektüre die Tatsache anerkennt, dass die ‚Fähigkeit zur Nachahmung ein absolut wesentliches Element (…) unserer Rationalität‘ ausmacht und ‚unsere mentale Entwicklung, unsere Qualitäten als Denker, Arbeiter und Produzenten beeinflusst‘, wie der US-amerikanische Philosoph Josiah Royce schon 1894 schrieb.“ Dirk von Gehlen kommt zu dem Ergebnis: „Wir können nicht nicht kopieren.“

Man möchte dieses Plädoyer gerne zur Lüpertz‘ Verteidigung ins Feld führen. Doch erstens bewegt der sich nicht im digitalen Raum, sondern in der Andachtshalle der analogen Kunst der Malerei mit ihrer über 2000 Jahre alten Geschichte, gegenüber  der  laut Lüpertz alle neue Kunst – wie beispielsweise die junge Fotografie – ihre Legitimation erst noch über die nächsten 1000 Jahre erbringen muss. Außerdem ist es eine Sache, andere Künstler zu kopieren und eine völlig andere, sich selbst mit seiner Plagi-Art im Kunstzirkus zu einem Genie hochzustilisieren. Von Andy Warhol wissen wir, dass Business art als nächste Stufe nach der Kunst anders funktioniert:

“Business art is the step that comes after Art. I started as a commercial artist and I want to finish as a business artist. After I did the thing called ‘art’, or whatever its called, I want into business art. I wanted to be an Art Businessman or a Business Artist. Being good in business is the most fascinating kind of art. During the hippie era people put down the idea of business – htey’d say, ‘money is bad’ and ‘Working is bad’ but making money is art and working is art and good business is the best art.” (Andy Warhol: THE Pilosophy of Andy Warhol)

Warhol redet nicht von Originalität oder von Genie, sondern ganz offen davon, dass Kunst und Geschöft einfach zusammengehören. Die auf dem Geniekult basierende Kunstmarketingtaktik von Markus Lüpertz läuft dem tatsächlich halbherzigen Originalitätswert seiner Kunst diametral entgegen und verkommt zur Blaque, zur leeren Pose. Wenn die Kunst von Markus Lüpertz als überbewertet eingeschätzt wird, liegt das an der vom Künstler selbst mutwillig erzeugten Kluft zwischen Schein und Sein. Die Bilder von Markus Lüpertz sind für sich betrachtet nämlich absolut sehenswert.

Kunst, die im Wege steht.
Ort: MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Philosophenweg 55, 47051 Duisburg
Öffnungszeiten: Mi: 14-18 Uhr, Do-So 11-18 Uhr, Feiertage 11-18 Uhr
Eintrittspreise:: Wechselausstellungen: 6 €/ Gesamtes Haus: 9 € / Ermäßigt: 4,50 € / Gruppen ab 10 Personen: 4,50 € / Kinder und Schüler ab 6 Jahren: 2 € / Kinder bis 6 Jahre Eintritt frei.
Dauer: 18. März – 29. Mai 2016
Katalog: 120 S., 113 farb. Abbildungen, 25,- € Museumsausgabe, Wienand Verlag Köln.
Information: www.museum-kueppersmuehle.de

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