Lydia Benecke: BDSM ist kein Verbrechen, lieber NDR!

Screenshot des Berichtes des NDR zu den “Säurefass-Morden”

Gestern wurde ich auf einen Bericht auf der Seite des NDR aufmerksam gemacht, in dem es um die sogenannten “Säurefass-Morde” ging. Die in dem Bericht allzu leichtfertige Verwendung des Begriffs “Sadomaso” wurde von einigen Lesern kritisch gesehen. Zitat aus dem Bericht: “Ein unbescholtener Mann mit einem völlig sauberen Lebenswandel soll als Sadomaso-Täter mehrere Frauen auf dem Gewissen haben?”. Diese Art der – in der Tat seitens der Medien von Unwissenheit geprägten – Berichterstattung ist weit verbreitet und das NDR-Beispiel ist nur eines von sehr vielen. Ein Gastbeitrag von Lydia Benecke.

Bei von mir gehaltenen Fortbildungen für unterschiedliche Berufsgruppen (u.A. Psychologen, Juristen, Polizisten) gehe ich im Rahmen der Thematik “Sadismus” u.A. auf genau diese Problematik ein. Ich hoffe, dass sich in diesem Bereich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich eine andere Wahrnehmung einstellen wird. Das wird aber nur durch das Schaffen von Aufmerksamkeit für die Thematik möglich sein. Um hierzu beizutragen, habe ich dem NDR folgendes zu sagen:

 

Liebes NDR-Team,

Leider wurde wissenschaftshistorisch sehr lange nicht zwischen inklinierendem ( = einvernehmlichem) und periculären ( = gefährlichem) sexuellen Sadismus unterschieden. Dies geht historisch noch auf die Schriften von Richard von Krafft-Ebing sowie Sigmund Freud zurück – was offenkundig nicht mehr als zeitgemäß betrachtet werden kann. Hier hat sich was die Forschungslage angeht besonders in den letzten zwei Jahrzehnten in der Wissenschaftswelt einiges gravierend verändert. Leider ist diese gravierende Veränderung innerhalb der internationalen Wissenschaftscommunity noch nicht in der öffentliche Wahrnehmung angekommen und leider verstärken entsprechende Berichte mit historischen Diagnosestellungen das bis heute fälschlich verbreitete Bild, inklinierender und periculärer sexueller Sadismus seie quasi gleichbedeutend. Das ist ungefähr so falsch, wie Homosexualität mit Pädosexualität gleichzusetzen. Also kurz gesagt: Ganz gravierend falsch und daneben!

Die wissenschaftshistorischen Schriften, auf die die Gleichsetzung von inklinierendem und periculären sexuellen Sadismus zurückgeht, haben in der Tat auch Homosexualität als krankhafte und potenziell heilbare Störung angesehen. Ich muss sicher nicht erklären, dass dies aus heutiger Sicht falsch ist.

Sehr kurz gesagt hat in Deutschland 2004 der Psychologe Peter Fiedler aus Heidelberg als erster ganz klar in seinem Lehrbuch “Sexuelle Orientierung und sexuelle Abweichung: Heterosexualität – Homosexualität – Transgenderismus und Paraphilien – sexueller Missbrauch – sexuelle Gewalt” die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen inklinierendem und periculären sexuellen Sadismus beschrieben und die Begriffe auch als solche eingeführt.

An Fiedlers Modell angelehnt und durch meine eigenen Daten erweitert habe ich genau zur Fragestellung der wichtigen Unterscheidung zwischen den beiden Sadismustypen ein Modell veröffentlicht:

“Ein multidimensionales psychologisches Modell zur Unterscheidung zwischen inklinierendem und periculärem sexuellen Sadismus” In: Schriftenreihe der Gesellschaft für Kriminologie, Polizei und Recht e.V. : Band 3 / II. Sammelband (S. 32 – 65)

In den folgenden Auszügen aus meinem populärwissenschaftlichen Buch “Sadisten” können Sie in Kürze wichtige Aspekte der wissenschaftlichen Veränderung in diesem Bereich im Hinblick auf die Diagnosestellung nachlesen:

https://www.facebook.com/lydia.benecke.psychology/media_set…

Um zum Ausgangspunkt zurückzukommen:
Menschen mit einer harmlosen BDSM-Neigung distanzieren sich so klar davon, mit Gewaltverbrechern – auch nur begrifflich – “verwechselt” zu werden, wie sich Homosexuelle leider besonders früher auch in Deutschland davon distanzieren mussten, mit krankhaften Triebtätern „verwechselt“ zu werden. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn die in der Wissenschaftswelt bereits vollzogenen Veränderungen sich auch bezogen auf BDSM (im Volksmund bekannt als „Sadomasochismus“) in der Art der Medienberichterstattung wiederfinden würden.

Mit herzlichen Grüßen aus Köln,
Lydia Benecke

1 Kommentar

Kommentar verfassen