Ballett-Premiere in Dortmund: Kontraste

Ballett Dortmund – Kontraste: Unitxt (Foto: Bettina Stoess)

Drei halbstündige Choreographien vereint der neue Ballett-Abend zu einem Programm. Der Dortmunder Hausherr Xin Peng Wang, der sich zuletzt vor allem der Übersetzung schwergewichtiger Werke der Literatur in Handlungsballette widmete, überließ die choreographische Arbeit diesmal ganz den Kollegen. Die Arbeiten von Richard Siegal und Johan Inger entstanden ursprünglich für andere Compagnien, Edward Clug erarbeitete mit dem Dortmunder Ballet ein neues Stück. Es sind drei sehr unterschiedliche Positionen des zeitgenössischen Balletts und modernen Tanzes, die an diesem Abend zusammen kommen, die, das sei vorweggenommen, alle von den Dortmunder Tänzerinnen und Tänzern perfekt ausgeführt werden. So macht der vielleicht etwas schlichte Titel “Kontraste” für diesen Abend durchaus Sinn, denn die Vielfalt zeitgenössischer Tanzsprachen ist das, was diese drei Stücke zusammen hält.

Der Abend beginnt aufwühlend mit “Unitxt” von Richard Siegal, der aus der legendären Frankfurter Forsythe-Compagnie stammt. In einem kühlen schwarz-weißen Setting, dessen Rückwand durch eine herauf- und herunterfahrbare bühnenbreite Projektionsfläche gebildet wird, zeigt er eine hochenergetische, strenge Arbeit, die durch die Wortprojektionen “Noise”, “Signal” und “Silence” in drei Teile gegliedert wird. Die Musik stammt vom Komponisten Carsten Nicolai, der für seinen Soundtrack für “The Revenant” mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Sein Beats-and-Noises-Industrial liefert die pulsierend treibende Grundlage für Siegals Choreographie. Ganz zu Beginn, wenn die dunkle Bühne nur langsam vom seitlich hereinwandernden weißen Schriftzug “Noise” erhellt wird, fürchtet man für eine Minute, dass Nicolais Musik viel zu leise ist, um ihre Wirkung zu entfalten, doch dann wird ihr zum Glück schnell der akustische Raum gegeben, den sie braucht.
Siegals Choreographie folgt zunächst einem einfachen Prinzip: Die Tänzerinnen und Tänzer kommen von der Seite parallel zur Bühnenkante auf die Bühne gegangen oder gelaufen, nehmen ihre Position im Bühnenraum ein und führen dort allein, zu zweit oder in der Gruppe eine Aktion aus, um danach genauso wieder abzugehen. Bemerkenswert ist, dass die Diagonale, die ansonsten im Tanz von übergeordneter Bedeutung ist, kaum eine Rolle spielt. Und auch sonst setzt Siegals Choreographie betont auf den Bruch mit Ballettgesetzen. Gleich zu Beginn lässt er die ersten Tänzer völlig unterspannt auf der Bühne wie in einem Club tanzen. Andererseits setzt er dagegen durchaus auch viel klassisches Bewegungsrepertoire, um die Fallhöhe zu wahren. Insbesondere bei den auf Spitze tanzenden Frauen ist das auffällig.
Im zweiten Abschnitt “Signal”, der mit zwei leuchtenden LED-Säulen den einzigen Farbakzent setzt, die zudem auch noch die Diagonale in den Bühnenraum zurückholen, spielt Siegal mit dem Thema der Hebefigur. An den Kostümen der Tänzerinnen befinden sich in Taillenhöhe Griffe, die auch einarmige Hebungen und Würfe erlauben. Alles große Ballettpathos wird so aus diesen Hebungen herausgewaschen. Zudem verlieren sie so das Gehaltene, Statische und werden überhaupt nur als Element in dieser überhitzt rasanten Choreographie tauglich.
Siegals Ausgangspunkt für “Unitxt” war eine Arbeit mit afrikanischen Tänzern in Lagos, bei der er erforschte, wie die unterschiedlichen Tanzsprachen zusammen zu bringen seien. Direkte Spuren davon sind in der jetzt in Dortmund gezeigten Choreographie kaum noch zu entdecken. Doch die manchmal bruchstückhafte, manchmal fließende Zusammenfügung von klassischem Ballettvokabular und Bewegungsmustern aus Breakdance oder modernem Tanz entfaltet einen enormen Sog, der diese halbe Stunde auch für die Zuschauer zu einem im besten Sinne erschöpfenden Erlebnis macht. So klar und mechanisch Siegals Choreographie im Ansatz ist, wird sie doch getragen durch Nicolais brillanten Soundtrack zu einer Bewegungs- und Energie-Explosion von außerordentlicher Faszination.

Die Frage, was nach so einem Brett noch kommen soll, stellen sich wohl nicht wenige Zuschauer in der ersten Pause. Johan Inger, der beim NDT tanzte und zeitweise das Cullberg Ballett leitete, übernimmt mit “Rain Dogs” diese undankbare Position. Nach Songs von Tom Waits choreographiert er Szenen über das  Verhältnis zwischen Männer und Frauen, über Anziehung und Zurückweisung. Die musikalische Grundlage liefert ihm dabei die Möglichkeit mit Swing- und Rock’n’Roll-Anleihen seinem Tanzvokabular zusätzlichen Verve, Witz und Charme zu verleihen. Und doch: Was Johan Inger hier zeigt, ist so tief im modernen Tanz verhaftet, so wenig eigenständig und originell, als habe ein Choreographie-Student sich an der durchmusealisierten Pina Bausch abgearbeitet. Und ja: Es tanzen auch Männer in Kleidern und Frauen in Anzügen. Dazu ist Tom Waits nun auch nicht gerade neu und “The Piano has been drinking” nur noch mäßig lustig. Auch Ingers Humor hat etwas erschreckend altbackenes. Die Szene, die ein qualmender weißer Pudel allein auf weiter Bühne bestreitet, ist da noch der lustigste Einfall. Wo Siegal in seiner Choreographie direkt aus dem Zusammenprall unpassender Bewegungssprachen humorvolle Details entwickelt, die selbst, wenn es vielleicht mal Kalauer sind, im rasanten Strom der Choreographie blendend funktionieren, liefert “Rain Dogs” Bühnenwitzeleien, die kurz vor Clownstheater stecken bleiben. Wer diesen Teil des Abends einfach Sekttrinkend bei einem guten Gespräch im Foyer verbringt, macht auch nichts falsch.

Dann jedoch kommt Edward Clug, der in Maribor das slowenische Nationalballett leitet. “Hora” heißt seine Arbeit für das Ballett Dortmund. Der Titel bezieht sich nicht auf das lateinische Wort für “Stunde”, sondern auf den Rundtanz, der im gesamten Balkanraum verbreitet ist. Clugs Choreographie enthält davon allerdings nur noch homöopathische Spuren, die  nur entdeckt, wer einigermaßen bewandert auf diesem Gebiet ist. Gleichwohl ist die Choreographie eine wunderbare Etüde über das Thema Individuum und Kollektiv.
Clug beginnt zur Musik des Balanescu Ensembles mit dem Kollektiv. Männer wie Frauen tragen nudefarbene lange Shirts, die bei den Tänzerinnen wie Kleider, bei den Tänzern wie überlange Hemden wirken. Es ist ein Kollektiv, das nur als solches existieren kann, eine Gruppe von Menschen, die sich aneinander lehnen, aneinander festhalten, sich miteinander bewegen und voneinander bewegt werden. Melancholische, wunderschöne Bilder zu einer ebensolchen Musik.
Dann löst sich die Gruppe auf und, wenn die Tanzenden auf die Bühne zurückkehren, tragen die Frauen knielange Röcke und die Männer Hemd und Weste in knalligen Farben, die gerade genug Folklore-Assoziation verströmen. Sie versuchen sich nun als Individuen zu behaupten. Der gesamte zweite Teil steuert auf ein großes Bild zu: Als einziges Element auf der Bühne befindet sich eine große Welle, die gleichermaßen Rutsche, Brücke und Bank ist. Sie ist um die Bühnenmitte drehbar. Auf dem Scheitel der Welle sitzt irgendwann eine einzelne Tänzerin, die darauf wartet, dass sie nicht mehr alleine ist. Ein Tänzer dreht die Welle unablässig, als würde er versuchen, die Wartende dadurch zu erreichen. Und ganz zuletzt nimmt er dann endlich neben ihr Platz, als er das Schieben der Welle an zwei andere Tänzer übergeben kann.
Clug ist ein enorm undogmatischer Choreograph, der sich ganz selbstverständlich zwischen zeitgenössischem Ballett und modernem Tanz bewegt und diese Offenheit zu seiner größten Qualität gemacht hat. So bezaubert seine Choreographie “Hora” vor allem durch ihre Entspanntheit. Nichts wirkt hier angestrengt, das Schlussbild entfaltet gerade dadurch seine Großartigheit, dass es ganz unaufgeregt daher kommt und niemals groß sein wollte. Gerade eben so wie Clugs Tanzvokabular, das immer ganz einfach und richtig wirkt, originell ist, ohne gesucht zu sein. Damit hat er das slowenische Nationalballett Maribor in den vergangen Jahren zu weit mehr als einem Geheimtipp der europäischen Ballettszene gemacht und damit überzeugt er nun auch voll im Dortmunder Opernhaus.

Termine und Tickets: Theater Dortmund

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