Auf sechs Beinen durch den Küstennebel: Viel Gebrüll am Wattenmeer

14 Tage Urlaub liegen vor mir, völlig freie Zeit, in der ich tun und lassen kann, was ich möchte. Großartig, denke ich mir, und jetzt? Von unserer Gastautorin Verena Geiger.

Ostfriesenspieß, bring mich hinauf!

An einem völlig verregneten Samstagmittag finde ich mich auf der A31wieder. Ich habe beschlossen in den Norden, nach Ostfriesland, zu fahren, in einen dieser hübschen Ferienorte, in denen Fischräucherei und Eisdiele freundschaftlich neben Andenkenladen und Supermarkt stehen. Im Gepäck: Kleidung für jede Gelegenheit, Joggingschuhe für das gute Gewissen und den Hund, hoffentlich inzwischen flohfrei – wir wollen die Biester ja nicht noch in den klinisch reinen und aufgeräumten Norden schleppen. Reicht ja, wenn es im Ruhrgebiet drunter und drüber geht.

Damit der Hund die Fahrt übersteht und nicht vor Panik durch die Heckscheibe springt oder mich mit seinem Gewinsel dazubringt, ebendies selbst zu tun, musste ich ihn leider ein wenig narkotisieren. Hinter Ahaus wird sein Janken leiser und immer leiser, bis es irgendwann verstummt. Ich rufe fragend seinen Namen, keine Reaktion. Ich hoffe das Beste.

Nach zermürbenden 4,5 Stunden bin ich endlich da. Eine Baustelle vor der Weltstadt Jemgum hat uns alle zu seligem Nichtstun verdammt, stop and go, während der Hund wieder aufwacht. Immerhin. Während ich stoisch sämtliche Kühe auf sämtlichen Weiden in Sichtweise zähle, stelle ich mir die Idylle vor, die am Ankunftsort auf mich warten wird: satte grüne Wiesen, blauer Himmel, blökende Schäfchen auf dem Deich, krächzenden Möwen, die im Wind schaukeln… und Ruhe.

Wir kommen an, packen aus und gehen traditionell den ersten Weg zur Fischräucherei. Es soll Matjes geben, dazu ein wenig Rührei mit Krabben, wir sind schließlich an der See und darben will ich auch nicht. Doch bereits die ersten Schritte in Richtung Ortsmitte lassen mir den Atem stocken und den Hund erzittern. Überall, wirklich überall, sind Menschen, keine einzelnen so wie ich, keine herzerwärmenden Paare, nein, nur Familien mit gefühlt zwanzig Kindern. Und was für welche! Es wird gebrüllt, es wird gekreischt, in Frequenzen, die meinen Hund aufheulen lassen. Beverly möchte ein Eis, Henry soll endlich – verdammt noch mal! – aufhören, alles anzufassen, was in der Kühltheke liegt und der Opa von Katharina möchte, dass auch der letzte friedliche Einkäufer im Supermarkt mitbekommt, dass er seiner Enkelin diesen Piratenball kauft. Hat es jeder verstanden? Nein? Zur Sicherheit also noch einmal: „Katharina, möchtest du diesen Piratenball? Soll der Opa ihn dir kaufen? Ja???“ Überflussig zu erwähnen, dass der Opa erst auf die Idee kam, als er hätte zahlen sollen, da all seine Lebensmittel bereits gescannt waren. Aber was sind die entnervten Gesichter hunderter Menschen in der Schlange hinter ihm schon, wenn er doch noch diesen fantastischen Ball… Beifallheischend schaut er in die Runde. Katharina brüllt. Ich muss raus aus dieser Enge, raus zum Strand.

Wie üblich an der deutschen Nordsee, wird eine Gebühr für das Betreten des Strandes erhoben. Es ist inzwischen halb sieben, nur noch 30 Minuten, dann sind die Wege kostenfrei und jeder kann hin- und herlaufen, wie es ihm beliebt. Die aggressive Familie am Ticketschalter lässt sich davon jedoch nicht beirren. Nein, sie wollen jetzt zum Strand und nein, sie sehen es überhaupt nicht ein, dafür eine Gebühr zu entrichten. Viel lustiger ist es doch, die nette Dame hinter der Glasscheibe in Grund und Boden zu brüllen, während ihr der Schweiß ausbricht und sie nicht mehr weiß, was sie noch sagen soll. Mein Hund und ich, wir gehen weg, das ist zu viel Heimat grad. Wir sind doch im Norden! Wir wollen Frieden und Nebelhörnertuten und Krabbenkutter und Möwenkreischen. Mehr nicht. Mit dem Matjes unterm Arm geht es über den Deich in Richtung Hafen. Auf einer Bank sitzt ein älteres Ehepaar. Mein Hund, voll der Liebe für jeden, der sich ihm in den Weg stellt, nimmt sofort Kontakt auf. Folgender Dialog enstpinnt sich zwischen dem älteren Herrn auf der Bank, dem Hund und mir:

„Ja, wer bist du denn? Na, komm zu Papa! Du bist ja fein!“

(Wedeln, zaghaftes Springen, hecheln)

„Ach, er freut sich immer, wenn er gestreichelt wird, er ist sehr zutraulich.“

„Und auch nicht mehr der Jüngste, was?“

(Mein Erdmännchenhund auf Speed guckt irritiert. Fragend.)

„Äh, doch, er ist knapp zwei…“

„Oh. Er sieht so alt aus.“

„Hmm, vielleicht weil ich ihm etwas zur Beruhigung gegeben…“

„…und gut in Futter ist er, was? Wie der Papa!“ Fröhlich klopft sich der beleibte Herr auf sein immenses Bierbäuchlein und strahlt selbstzufrieden. Seine Gattin verdreht um Verständnis haschend die Augen. Wir nicken höflich und gehen schnell unserer Wege.

Später am Abend sinkt der Hund erschöpft in sein Körbchen und ich tue es ihm gleich. Morgen ist ein neuer Tag. Morgen schreien sie bestimmt alle nicht mehr so doll. Ganz sicher nicht. Liegt vielleicht nur daran, dass Samstag ist. Ganz klar, sicher …

Ostfriesland fröhlich Partyland

Sonntagvormittag. Völlig zerknautscht geht es auf den ersten Hundespaziergang des Tages. Wir laufen durch die Siedlung in Richtung Hafenbecken, überzeugt, dass die Welt nun erst langsam beginnen wird, sich zu drehen. Doch was ist das? Wild parkende Fahrzeuge blockieren Einfahrten, Zufahrten und Gehwege. Menschen überall, die meisten sind relativ wohlgenährt, sie schleppen tonnenweise Gebäck und Brötchen aus der einzigen Bäckerei am Ort, laufen kreuz und quer und erneut: Geschrei. Mir brummt der Schädel. Was ist hier los? Ein Blick gen Hafenbecken gibt Aufschluss. Viele in maritimes Blauweiß gekleidete Menschen mittleren Alters stürmen eine Bühne. Es ist noch nicht mal elf und schon rockt der Shantychor ganz Ostfriesland. Mir fällt auf, dass die Friesen anscheinend generell ein recht feierwütiges Volk sind. Heute Ritterfest im Nachbarort, ein Dreschfest in der nächsten Woche (Wer verdrischt hier wen?), ein Dörschkenfest wird abgelöst vom Bauernmarkt wird abgelöst von der hiesigen Handwerkerausstellung wird abgelöst von… Hilfe. Von wegen, der Pott kocht! Davon können wir uns eine Scheibe abschneiden. Immerhin hoffe ich auf Beschäftigung für Beverly und Co.

Am frühen Nachmittag beschließen der Hund und ich, raus zu fahren. Ca. 30 Autominuten entfernt von uns liegt das „Ewige Meer“, ein Hochmoor, Naturschutzgebiet und eines der größten erhaltenen Moorgebiete in Ostfriesland. Ich freue mich auf gruselige Nebelschwaden, wabernde Wiesen, sich über alles senkende Stille und die Silhouette einer ertrunkenen Seele, die nun unglücklich auf ewig über die Moore wandern muss. Ein 3 km langer Bohlenweg führt über das Gebiet, Hunde sind anzuleinen. Klar, das sehen wir ein und machen es gern. Der Weg ist nicht breiter als anderthalb Meter, rechts und links Gräser, Schlick, Natur pur. Sogar ein kleiner Salamander läuft vertrauensvoll über meine Füße. Ich atme durch. Stille. Stille? Menschenmassen auch hier, zu viert, zu fünft, zu sechst…  laufen sie in Trauben durch das Moor. Mein Hund und ich machen alle paar Sekunden „Sitz“ am Wegesrand, um aneinander vorbeizukommen und niemandem im Weg zu stehen. Kaum ein Dankeschön, kein Platzmachen der anderen Seite, mehrfach landen wir fast im Schlick. Auf den Bänken Menschen, die ihre Picknickkörbe entleeren, Butterkekse en masse, man weiß ja nie, was im Moor so passieren kann, besser vorbereitet zu sein…

Nach einer Weile schaffen wir es jedoch dank unseres flotten und offensiven Schrittes, uns freizulaufen. Und dann das: absolute Stille. Vor uns das ewige Meer, ein großer See inmitten der Landschaft, Schwalben um uns herum, sämtliches Getier, das ins Moor gehört, kreucht und fleucht durch die Gräser. Es ist perfekt. Hund und ich sind versöhnt. Wir ärgern uns nicht mehr über die Menschen, die ihre Hunde freilaufen lassen, damit sie sich im Naturschutzgebiet mal so richtig austoben können. Wir halten Ausschau nach Libellen und Moorfröschen.

Das Schreien der Lämmer

Ich komme langsam zur Ruhe. Zusammen mit dem Hund schlafe ich neun Stunden pro Nacht. Ich versuche, mich von all den so unglaublich lauten Menschen nicht mehr erschrecken zu lassen. Nur eins lässt mich beim Anblick all der bestimmt überaus glücklichen Familien ins Grübeln kommen: Wann haben all die Frauen in meinem Alter angefangen, so sehr zur Mutti zu werden? Ich sehe nur noch Frauen, die ähnlich fröhlich bunte Fahrradhelme tragen wie ihre Kinderschar, deren Kleidung nur noch rein funktional ist, die sich nicht mehr darum zu scheren scheinen, dass sie eine eigenständig erwachsene Person sind, die sich selbst nur noch als „die Mama“ bezeichnen und ihren Stress der ganzen Welt überaus deutlich vor die Füße kippen. Wann ist das passiert? Und warum passiert es den jungen und dynamischen Vätern auf den Mountainbikes nicht? Das andere Extrem sind überaus übergewichtige Eltern mit ebensolchen Kindern, fröhlich Eistüten schleckend, schwitzend und kaum in der Lage, ohne Stöhnen eine ostfriesische Anhöhe hinaufzukommen. Was läuft hier falsch?  Wo ist die Freude an der Gesundheit, an der Bewegung hin, die auch schon den Kleinsten vermittelt werden sollte? Erschreckend, welche Passivität sich auch bei den Kindern bereits zeigt, gepaart mit ungeheurem Anspruchsdenken, dessen Sklaven die lieben Eltern oder Großeltern auf der verzweifelten Suche nach entspannten Urlaubsstunden sind. Alles fürs Kind, alles für den familiären Frieden. Mir graust es. Mein Hund bellt aus Solidarität mit meinen kritischen Gedanken jeden fröhlichen Bollerwagen an. Ich glaube, wir alleinreisenden Exoten sind hier nicht sehr beliebt.

Am Abend wage ich eine Radtour. Es geht hinterm Deich entlang und es ist himmlisch. Das einzige Geräusch, das mich stetig begleitet, ist das des Windes, der die Felder streichelt. Zarter Duft von Kamille vermischt sich mit dem Blöken der Schafe und Kühe auf den Wiesen, die Abendsonne steht tief und zaubert ein weiches Licht. Es geht verräterisch flott voran. Der Rückweg hingegen ist dank des Gegenwindes eine absolute Tortur. Entkräftet und erschöpft brate ich mir zu Hause ein Steak. Liebe Kühe, es tut mir leid, aber Sportler brauchen Proteine.

Ab mit dem Kopf!

Die nächsten Touren führen mich nach Norden, Jever und Greetsiel. Wunderschöne kleine Orte, bezaubernde Altstädte und überaus leckeres Eis. Die Sonne lacht, mein Gemüt auch. Die Fahrt geht über einsame Dörfer, vorbei an weit abseits liegenden Gehöften und stoisch grasenden Schafen. Ostfriesland macht glücklich, man muss nur die Muße haben, zu suchen, in die Stille zu tauchen und diese dann auch auszuhalten. Ich halte sie aus und genieße: das Siel in den Nachmittagsstunden, wenn alle Beverlys dieser Welt am Strand hysterisch die Wellen anschreien, den Spaziergang durch den nächtlichen Ort, wenn der zunehmende Mond hoch am Himmel steht und das glückliche Wälzen meines Hundes abends am Strand, wenn schon alle in den Restaurants sitzen. Ich trinke Küstennebel, während das Kind im Haus nebenan seinen Fußball einfach immer und immer wieder vor das Garagentor donnert, ich lese 700 Seiten in drei Tagen und gucke den Krabbenkuttern zu, die im Hafenbecken vor sich hinschaukeln. Vor mir liegt Langeoog, getrennt von der Küste nur vom Watt. Abends, wenn alle nach Hause gegangen sind, kann man dort die Wattwürmer sehen, die sich ihre Löcher in den Schlick gegraben haben, und die Fußspuren der Seevögel betrachten. Man kann die verriegelten und bunten Strandkörbe bewundern, in aller Stille, bevor sie wieder besetzt und gefüllt werden mit Spielzeug, Eimern und Schüppen, Eisverpackungen und Pommestüten. Man kann atmen.

Und Beverly? Ich sehe sie wieder, während ich mit dem Hund auf einem Steg am Siel sitze. Immer und immer wieder stellt sich ihr ihre Oma in den Weg, wedelt mit einer Kamera vor ihrer Nase herum und brüllt: „Beverly! Kumma, wat die Omma da hat!“ Dann wird auf den Auslöser gedrückt, einmal, zweimal, dreimal, viermal. Die ernüchternde Erkenntnis folgt auf dem Fuß: „Viermal hat die Omma geknipst und viermal ist der Kopp ab!“

Kopfschüttelnd ziehen sie weiter. Und dann – Stille.

4 Kommentare

Nachtrag zu meinem Artikel:

Hätte der gute Stefan meinen Artikel nicht ausgerechnet heute online gestellt, hätte ich meinem Vater nicht davon berichten können, der sich dann nicht direkt in sein Arbeitszimmer im Keller des Hauses begeben hätte, um ihn sofort zu lesen. Dann hätte er auch nicht bemerkt, wie die im Keller stehende Waschmaschine Feuer fing. Daraufhin hätten wir wohl erst viel zu spät die Feuerwehr rufen und nur noch unser brennendes Haus bewundern können. So rückte diese aber schon nach kurzer Zeit mir vier Löschzügen und einem Notarzt an. Besuch von der Polizei bekamen wir auch noch. Also an der Stelle ein dickes Dankeschön an Stefan für das Timing!!

Einen Küstennebel auf diesen Schock!

#1: Liebe Verena, et hät noch emmer joot jejange, hoffe ich jedenfalls sehr für euch.
Manchmal ist Schreiben halt brandgefährlich.

Hallo Verena, n toller Artikel 🙂 Der beschriebene Sachverhalt kommt mir bekannt vor.. (Schwimmbad.. Elektromarkt.. Fußgängerzone…) Aber jetzt wo die Sommerferien langsam rum sind, sollte es zumindest da oben ja beschaulicher zugehen… Und die vielen Feste, die Du beschrieben hast erscheinen doch eher anziehend als abschreckend.. . Hab mit dem Kollegen Volker R. doch glatt überlegt, uns demnächst selbst ein Bild von Ostfriesland zu machen , aber jetzt ist leider das schöne Wetter futsch! Alles ham se uns genommen…..:-( Nuja.. aber am Wochenende ist hier auch Weinfest…seis drum. Hoffe die neue Waschmaschine funktioniert und die Katzen haben das Feuer und den Qualm heil überstanden…… :-$$

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