Auf dem Vormarsch: Depressive Callcenter-Agenten und Altenpflegerinnen aus dem Ruhrgebiet

Foto: Techniker Krankenkasse
Foto: Techniker Krankenkasse

Eine kleine, wie ich finde, sehr nachdenkenswerte Statistik noch kurz vor dem heutigen Feierabend: Dem heute in Berlin von der Techniker Krankenkasse vorgestellten ‚Depressionsatlas‘ zur Folge sind die Menschen im Ruhrgebiet besonders stark von Depressionen betroffen.
In Nordrhein-Westfalen war jeder Erwerbstätige im Jahre 2013 demnach durchschnittlich 1,1 Tage mit dieser Diagnose krankgeschrieben. Bei Frauen (1,4 Tage) lag der Anteil dabei um 56 Prozent höher als bei Männern (0,9 Tage).
Auffallend sind bei nähere Betrachtung hierbei zudem die erheblichen regionalen Unterschiede: Während die Herforder z.B. deshalb im Durchschnitt nur 0,7 Tage arbeitsunfähig waren, lag die Quote z.B. in Gelsenkirchen mit 1,7 Tagen immerhin mehr als doppelt so hoch.
Insgesamt herrscht laut TK im Ruhrgebiet eine trübe Stimmung. Deutlich besser sieht es, lt. ‚Depressionsatlas‘ dagegen in ländlichen Gebieten von NRW, wie im Sauerland, rund um Siegen-Wittgenstein und dem Bergischen Land aus.

 
Die meisten Fehlzeiten wegen Depressionen gibt es dabei grundsätzlich offenbar bei Beschäftigten in Call-Centern sowie in der Altenpflege. Die wenigsten depressionsbedingten Krankmeldungen hingegen bei Mitarbeitern in der Softwareentwicklung oder in der Hochschullehre.

 
Eine weibliche Callcenter-Agentin oder Altenpflegerin aus dem Ruhrgebiet, vielleicht sogar direkt aus Gelsenkirchen, müsste demnach derzeit, zumindest theoretisch, also besonders gefährdet sein an Depressionen zu erkranken.

 
Hart arbeitende Menschen also, mit einer relativ schlechter Bezahlung, mit begrenzten Perspektiven im Job, aus einer zuletzt doch arg von wirtschaftlichen Krisen gebeutelten Region, neigen also scheinbar besonders stark zu Depressionen… Das kann man eigentlich auch ohne große Untersuchung so ganz gut nachvollziehen, oder?

 
Zufall oder nicht, dass die hiesigen Jobcenter dann ausgerechnet diese Tätigkeiten aktuell besonders gerne und häufig an ihre zahlreichen Kunden zu vermitteln scheinen?

 
Kann man zumindest mal drüber nachdenken…

7 Kommentare

Sind hier die Menschen depressiver oder gibt es andere Gründe?
Gehen wir öfter zum Arzt?
Wie sieht es mit der Verteilung der Kunden aus?
Unterscheidet sie sich regional?

Es ist sicherlich ein interessanter Indikator, den ich aber nicht überbewerten würde.

Ich vermute, dass die Arbeitsunfähigkeit sogar noch höher ist, aber dass die Betroffenen bei ihrem Arzt nicht jedes Mal Depression, Burnout oder Erschöpfung angeben, sondern anderes vorschieben, um nicht in einer Schublade zu landen.

Robin, hätten wir im Ruhrgebiet noch Arbeitsplätze bei Opel am Band, im Flöz oder am Hochofen-Konverter, würden die Fallzahlen nochmals in die Höhe schnellen. Arbeitsplätze, bei denen die geistigen Leistungsanforderungen fast ausschließlich von außen – direkt vom Kunden und von straffen gesetzlichen Vorschriften oder Refa-Regelwerken – gesteuert werden, stressen deutlich schneller und stärker als Arbeitsplätze mit deutlich höherer Kreativität und Freiplätzen für geistige Entfaltung.

Das war doch auch der Anlass für sozialdemokratische Arbeitsmarktpolitik in den frühen Achtzigern, um durch Rationalisierung und Automatisierung den stark körperlich und ständig durch Plansoll auch geistig gestressten Arbeiter durch Weiterbildung zum eher steuernden “Schreibtischtäter” mit Kreativpotential umzumodeln. Hat nicht geklappt, wissen wir doch alle.

Geklappt hat allerdings auch nicht die von gleicher SPD später arg mit Förderkohle geschubsten Umschulung von Ex-Stahl- und Ex-Bergbau-Arbeitern zu CallCenter-Agents. Vielleicht wären die heute die weitaus nervenstärkeren Hotline-Cracks – obwohl dann die Kunden sich weitaus häufiger über völlig pampige Ansprachen beschweren würden;-))

Ich verstehe nicht ganz, was der letzte Absatz sagen möchte. Jobs im Bereich Call-Center oder als Altenpfleger werden nun mal häufig nachgefragt…und es ist nun mal auch belegt, dass Arbeitslose durchschnittlich häufiger an Depressionen leiden und generell anfälliger für Krankheiten sind als die arbeitende Bevölkerung..Die häufig recht hohe Arbeitsbelastung in den genannten Arbeitsfeldern ist natürlich nicht zu leugnen. aber lieber alo als Altenpflege? wohl kaum…

@Danz: Nein! Aber es wäre doch u.a. vielleicht mal eine grundsätzliche Überlegung wert die Arbeitsbedingungen in diesen Jobs deutlich zu verbessern. Oder? Dann bräuchte man nicht wie Sauerbier nach freiwilligen und ordentlich qualifizierten Bewerbern dafür suchen, diese Tätigkeiten wären auch grundsätzlich in der Gesellschaft wieder deutlich angesehener und beliebter, und die dort Tätigen würden dann vielleicht auch weniger häufig unter Depressionen leiden. Und gerade im Pflege- und Betreuungsbereich hätten auch die Betreuten etwas davon.

Möglicherweise(!) liegt es auch schlicht an der Geschlechterstruktur innerhalb der untersuchten Berufe: Zwar kommen Depressionen bei Männern genauso häufig vor wie bei Frauen, aber sie werden sie dort nur in der Hälfte der Fälle als Depressionen diagnostiziert. Zu Untersuchen wäre also insbesondere auch die Struktur der Population innerhalb der Gruppen – ich könnte mir z.B. gut vorstellen, dass es mehr prozentual mehr Altenpflegerinnen als Softwareentwicklerinnen gibt – und schon relativiert sich die höhere Morbiditätsrate hinsichtlich des Berufes.

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