Auch Behinderte haben ein Recht auf Leben

Schilderte im Bundestag ihre eigenen Erfahrungen während der Schwangerschaft: Katrin Helling-Plahr (FDP). Foto: YouTube Screenshot

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass auch Menschen, die aufgrund einer Behinderung auf einen Betreuer angewiesen sind, an der Europawahl teilnehmen dürfen. Zuvor hatte die Opposition einen Eilantrag gestellt, um das bereits beschlossene inklusive Wahlrecht noch vor der Wahl und nicht, wie zunächst geplant, erst hinterher umzusetzen.

Soweit, so gut. Doch das ist derzeit nicht die einzige politische Debatte, die Menschen mit Behinderung betrifft. Im Bundestag wurde kürzlich über Trisomie-Tests für Schwangere debattiert. Die FDP z.B. fordert, dass Krankenkassen die Kosten dafür übernehmen sollten. Es geht bei diesem Thema um nicht weniger als die Frage, wie menschliches Leben bewertet wird. Denn über 90 Prozent der Eltern, die erfahren, dass bei ihrem Kind ein Risiko besteht, mit Trisomie 21 geboren zu werden, entscheiden sich dafür, es abzutreiben.

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Ebenso war es Ärzten bis vor kurzem sogar verboten, ihre Patienten darüber zu informieren, dass in ihrer Praxis Abtreibungen durchgeführt werden. Beide Verbote kann man aus einer liberalen Perspektive ablehnen. Doch diese Beispiele zeigen, dass menschliches Leben schon vor der Geburt und selbst dann, wenn ein Mensch selbst den Willen hat, zu sterben, in unserer Gesellschaft als schützenswert angesehen wird.

Das gilt aber offensichtlich nicht für Behinderte. Wenn man weiß, dass ein Kind mit einer Behinderung zur Welt kommen würde, darf es nicht erst bis zum dritten, sondern sogar bis zum neunten Monat abgetrieben werden. In diesem Stadium der Schwangerschaft ist das Baby schon ca. 46 cm groß, auch das Gehirn ist bereits voll entwickelt.

Aber warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Wenn es wirklich um den Schutz ungeborenen Lebens ginge, dann müsste es doch einheitliche Regeln für alle geben. Es ist schließlich nicht so, dass Menschen mit Down-Syndrom kein glückliches Leben führen können. Dürfte eine Schwangere bei einem positiven Trisomie-Test ihr Kind nur maximal bis zum dritten Monat abtreiben, hätte sie jedoch maximal zwei Wochen Bedenkzeit, da ein solcher Test erst ab der zehnten Woche durchgeführt werden kann.

Dennoch sollten, auch im Hinblick auf die deutsche Geschichte, nicht nur die Rechte von Schwangeren in dieser Frage berücksichtigt werden. Die Nazis haben systematisch Menschen mit Behinderung getötet, da sie deren Leben als „lebensunwert“ ansahen. Der Begriff „Euthanasie“, der damals verwendet wurde, ist eine Beschönigung, da damit ursprünglich die Linderung des Leidens von Patienten auf deren ausdrücklichen Wunsch bezeichnet wurde.

Damals wie heute dürften auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle in dieser Debatte spielen, auch wenn das kaum jemand zugeben mag. Behinderte Kinder benötigen nicht nur mehr Aufmerksamkeit, sondern auch mehr Zeit und Geld als andere Kinder. Sicher ist es nicht einfach, mit dieser Diagnose umzugehen und es wäre vermessen, eine moralische Beurteilung vorzunehmen, ohne selbst je in dieser Situation gewesen zu sein. Solange Abtreibungen in solchen Fällen die Normalität sind, sollte die Debatte über Trisomie-Tests allerdings anders geführt werden.

Dass Krankenkassen deren Kosten übernehmen sollen, ist grundsätzlich eine begrüßenswerte Forderung, da dadurch gewährleistet wäre, dass alle Eltern einen Zugang zu dieser Form der Früherkennung haben. Auf der anderen Seite müsste aber auch über ein Verbot von Spätabtreibungen behinderter Kinder diskutiert werden. Dabei geht es gar nicht darum, die Zahl der Abtreibungen zu senken. Der Wert menschlichen Lebens sollte schlicht nicht daran gemessen werden, ob ein Kind möglicherweise mit einer Behinderung zur Welt kommt.

2 Kommentare

Ich gehe mit vielen Punkten im Beitrag einverstanden, aber… und jetzt kommt ein massives Veto- es sollte auf keinen Fall dazu kommen, die Gesetzeslage zum Nachteil des errungenen Rechts auf Abtreibung zu ändern. Das wäre absoluter Backlash.
Die Debatte muss sachlich bleiben. Von den etwa 100.00 Abtreibungen im Jahr sind die allermeisten Abtreibungen die von unerwünschten (gesunden) Kindern und nur ein Bruchteil aufgrund von Behinderungen. Niemand wird leichtfertig die Entscheidung treffen, eine Spätabtreibung vornehmen zu lassen. Theoretisch ist sie je nach Indikation auch im neunten Monat rechtlich möglich, aber da würde mich interessieren, wie häufig das in der Praxis überhaupt eintrifft.
Je besser und je früher die Pränataldiagnostik einsetzt, desto weniger Spätabtreibungen gibt es. Hier muss man ansetzen.

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