Aschenputtel mit Flitterkanonen

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Foto: Björn Hickmann (Stage Pictures)

Am 22.3. hatte im Dortmunder Opernhaus Rossinis La Cenerentola Premiere. Ausnahmsweise setzte ich mich diesmal über alle Regeln des guten Kulturjournalistentons hinweg und beginne mit schonungsloser Subjektivität. Ich mag italienische Opern nicht besonders. Mit Verdi kann ich leben, Puccini ist für mich blanker Kitsch und Rossini finde ich eher langweilig. Gut, die Ouvertüren machen sich in jedem Silvesterkonzert hervorragend und auch mir gute Laune, aber der Rest..

Sicherlich haben auch seine halsbrecherischen Hochgeschwindigkeits-Arien einen gewissen athletischen Witz, wenn aber dieser Witz zum dritten und vierten Mal während einer Oper ausgepackt wird, spricht er nur noch von der etwas eingeschränkten Erfindungsgabe des Komponisten. Außerdem lache ich im Theater oder der Oper äußerst selten, weshalb komische Opern nicht unbedingt zu meinem Lieblings-Genre gehören. Um es gleich vorwegzunehmen: Im Dortmunder Aschenputtel habe ich mich entgegen allen schlechten Voraussetzungen nicht gelangweilt.

Zuallererst ist das natürlich der Regie von Erik Petersen zu verdanken. Der gerade mal 26jährige legt mit seinem Erstling auf der großen Bühne eine geradezu brillante Arbeit im komischen Fach hin. Großartige Unterstützung erhält der dabei von seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Tatjana Ivschina. Sie baut eine enge Barockgasse auf die Bühne, die nur für den ersten Augenblick etwas trist wirkt, im Laufe des Abends jedoch immer mehr Geheimnisse preis gibt und sich als außerordentlich wandlungsfähig erweist. Klappen, Türen und Ausschübe bieten jede Menge Gelegenheiten für die Entfaltung szenischen Witzes. Und Erik Petersen nutzt sie bravourös für ein flottes Erzähltempo. Besonders in Details ist der Regie anzumerken, dass Petersen über ein gutes Maß an Musical-Erfahrung verfügt, das er auch bei Rossini in die Waagschale wirft. Mit seiner sprühenden szenischen Fantasie hilft er der Oper über manche dramaturgische Klippe hinweg. Grandios, wie Petersen die Chor-Herren führt und nicht nur auf der Bühne arrangiert, sondern zu komplexen Choreographien treibt. Es ist ja fast schon überflüssig zu erwähnen, dass er sich dabei voll auf den nahezu sprichwörtlich spielfreudigen Dortmunder Chor voll verlassen kann. Wie natürlich auch auf das gesamte Sängerensemble. Allen voran Julia Amos und Inga Schäfer als die bösen Stiefschwestern in nahezu comichaften Kostümen irgendwo zwischen Jean-Paul Gaultier und Vivienne Westwood. Eugenio Leggiardri Gallani singt den Stiefvater Don Magnifico mit großer Lust an der präzisen Zeichnung eines komischen Charakters. Christian Sist ist nicht nur von der Erscheinung her, sondern auch stimmlich ein stattlicher Alidoro und Gerardo Garciacano läuft als Dandini dem Prinzen beinahe den Rang ab. Den singt John Zuckerman mit schönem Tenor, der den echten Belcantofan jedoch nicht ganz befriedigen wird, da er nur wenig auf vordergründigen Glamour setzt. Und dann ist da natürlich noch Ileana Matenescu als Angelina. Die Mezzosopranistin hatte bereits vor einigen Wochen eine beachtliche Carmen hingelegt und zeigt nun als Aschenputtel ihre ganze Größe. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt sie sich durch rasante Koloraturen und nutzt ihre technische Überlegenheit, um selbst in Hochleistungs-Bravourarien noch Seele zu verleihen. Und das, obwohl die Dortmunder Philharmoniker unter Motonori Kobayashi ein oft halsbrecherisches Tempo vorlegen, was gelegentlich noch bei der Premiere zu Schwierigkeiten in der Orchester-Bühne-Koordination führte. Und um das Maß voll zu machen: Auch die Damen der Statisterie sind so urkomisch, dass man ihnen gerne den ganzen Abend unter die Röcke schauen möchte. La Cenerentola in Dortmund ist schlichtweg beste Unterhaltung und wenn es am Schluss auch noch Flitterkanonen gibt, ist der Kritiker ohnehin garantiert glücklich. Und selbst ich habe ein paar Mal herzlich gelacht.

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