Angst vor dem Trinkraum

 

Kaum ein Thema polarisiert zurzeit stärker als der geplante Trinkraum in der Dortmunder Nordstadt. Das von einer Mehrheit aus Grünen, CDU, FDP/Bürgerliste und Linke gegen den Willen der SPD beschlossene Projekt soll am 15. November in der ehemaligen Kneipe „Gypsy“ an der Kreuzung Nordstraße Heroldstraße seine Arbeit aufnehmen. Es soll für die Menschen, die momentan am und um den Dortmunder Nordmarkt Alkohol konsumieren, eine Anlaufstelle bieten, in der sie in einer kontrollierten Umgebung, mitgebrachte leichte Alkoholika zu sich nehmen können. Der Konsum von hartem Alkohol soll nicht gestattet werden. Als Modellversuch geplant orientiert sich das Projekt an ähnlichen Räumen in Kiel, Wuppertal und Gelsenkirchen. Von unserem Gastautor Sebastian Sellhorst.

Mit einer anonymen Einladung zu einer Bürgerversammlung, die an die Haustüren der umliegenden Bewohner verteilt wurde, versuchte Marita Hetmeier – Ratsfrau der SPD, Immobilienbesitzerin in der Nordstadt und erbitterte Gegnerin des Projekts – auf eigene Faust gegen den Ratsbeschluss mobilzumachen. Da ein Bürger der Nordstadt Hetmeier wegen fehlender Nennung des Veranstalters auf dem Einladungsflyer beim Ordnungsamt anzeigte, berichtete die Lokalpresse im Vorfeld über die Veranstaltung und so fanden am Freitagabend gut 60 Anwohner der Nordstadt den Weg in den Gemeinderaum der St. Josef Gemeinde. Und die Stimmung war angeheizt.

„Warum immer in der Nordstadt?“, war die Frage, die von vielen Anwohnern gestellt wurde. Ob die Nordstadt es nicht schon schwer genug hätte, beschwerten sich einige. Das es nur darum gehe eine Anlaufstelle für die schon vorhandene Scene zu bieten und niemand vorhabe Alkoholiker aus Kirchhörde zum Trinken in die Nordstadt einzuladen, war den aufgebrachten Nordstadt-Anwohnern durch die Grünen Politiker vor Ort nicht zu vermitteln. Diese gaben sich alle Mühe das Projekt detaillierter vorzustellen, fanden aber mit ihrer Ausführung kaum Gehör. Zu groß die Angst vor „betrunkenen Horden“ oder Wertverlust der eigenen Immobilie.

Sicherlich gibt es eine Reihe berechtigter Bedenken. So ist es nur schwer vorstellbar, dass sich die teilweise stark verfeindeten Gruppen, die sich zurzeit am Nordmarkt treffen, in der räumlichen Enge eines Trinkraumes friedlich nebeneinander aufhalten. Auch inwieweit das Projekt überhaupt von der Zielgruppe angenommen wird und ob es der richtige Weg ist Probleme wie Alkoholismus möglichst aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben ist fraglich. Überlegungen dieser Art fanden nur am Rande statt und gingen im allgemeinen Konsens, dass man „die da hinten“ gerne möglichst weit weg hätte, unter.

Wenn es das Ziel von Hetmeier war, einen konstruktiven Diskurs anzustoßen, ist sie wohl gescheitert. Den „Wutbürger“ der Dortmunder Nordstadt sollte sie aber erfolgreich geweckt haben. Dass sich aus dieser Veranstaltung weiterer Protest formiert scheint abzusehen. Siegessicher zieht Hetmeier auf ihrer Webseite den Vergleich zur Anti-AKW-Bewegung. Ob sie allerdings bald mit Blasorchester unter dem Motto „Ihr sauft weiter ohne Raum“ über den Nordmarkt ziehen kann bleibt abzuwarten.

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