Anderthalb Kilometer

Eine sehr frische und dummerweise wahre Geschichte aus dem Berliner Straßenverkehr.

Eine sehr frische und dummerweise wahre Geschichte aus dem Berliner Straßenverkehr.

Nachdem ich meine Freundin zum Hauptbahnhof gebracht habe fahre ich die John-Foster-Dulles-Allee nördlich am Berliner Tiergarten entlang. Nach einem vergleichsweise kühlen Tag durchflutet die Sonne Berlin mit diesem warmen goldenen Licht, das diese Stadt streckenweise doch manchmal lebenswert macht. Iron Maiden trällern eine fröhliche Weise. Das Leben könnte so schön sein.

Kurz nach der Kongresshalle zwei Radfahrer hintereinander. Standardsituation: Blinker links, Innenspiegel, linker Außenspiegel, Schulterblick links. Mit den sinnvollen eineinhalb Metern Abstand –Platz ist ja da – ziehe ich an ihnen vorbei.

Ich bin schon mit der Motorhaube auf der Höhe der vorderen Radfahrerin. Da schert der hintere Radfahrer plötzlich weit zum Überholen aus und kommt meiner Beifahrertür immer näher.

Dabei ist zu beachten, dass in Berlin viele Radfahrer das Recht um so mehr auf ihrer Seite wissen, je weniger sie das Verkehrsgeschehen um sie herum beachten. Konzepte wie Schulterblick oder das Verbleiben im vorgesehenen Verkehrsraumkommen für diese Zeitgenossen direkt aus den schwefligsten Abgründen des Orkus. Recht so! Sie sind ja was besseres.

Die Szene verlangsamt sich.

Ich ziehe so weit nach links wie möglich, ohne in den Gegenverkehr zu geraten – blicke auf weiße Kopfhörerkabel –Wahrnehmung des Verkehrsgeschehens ist etwas für Fußgänger und Nazi-Autofahrer – , ein Achselshirt, eine Sonnenbrille, ein argloses Gesicht.

Würden wir jetzt kollidieren, es würde nicht nur der achtlose Champion der zeitgemäßen urbanen Mobilität zu Konfitüre. Die junge Dame auf dem Fahrrad ganz rechts würde unweigerlich auch zum äußerst unsanften Fall kommen.

Wir – insbesondere die völlig unbeteiligte Radfahrerin – haben noch einmal Glück.

Als ich  den Lieblingsverkehrsteilnehmer der rot-rot-grünen Landesregierungskoalition vollständig passiert habe, liegen nur noch fünf Zentimeter Abstand zwischen ihm und meiner Karosserie.

Mein Adrenalinschub legt sich auf dem Großen Stern, wo von der organisierten Umweltverschmutzung des Gesinnungskonzerns Greenpeace nicht mehr viel zu sehen ist.

Auf der Straße des siebzehnten Juni westwärts parken dann eine halbes Dutzend BMW in zweiter Reihe auf der Fahrbahn. Ein Insasse wedelt mit einer kurdischen Flagge.

150 Meter dahinter blitzt die Polizei. Es muss ja alles seine Ordnung haben.


Zuerst hier erschienen

1 Kommentar

Im Straßenverkehr helfen die guten alten Vorurteile bzgl. Art des Fahrzeugs, Aussehens … Das vermeidet Kratzer und schlimmere Fälle.

Ich hatte heute meine Erlebnisse in Autobahnbaustellen, wo sich die größten Autos auf der eigentlich zu schmalen linken Spur an breiten LKWs durchdrängelten. No risk no fun.

Insgesamt passiert für das tägliche Chaos doch ziemlich wenig. Es ist auch gut, dass die Polizei bei ihren Kontrollen immer wieder Prioritäten hat, die mit der persönlichen Gefährdungseinschätzung wenig gemeinsam haben.
Die Geschwindigkeitskontrolle auf gut ausgebauten Strassen ohne gefährdete Fußgänger gehört bspw. dazu.

Aber wer will sich bspw. mit Helikoptereltern anlegen, die ihre zukünftigen Familienoberhäupter mit dem Auto 500m bis zur Schule fahren, um dann direkt dort in der n-ten Reihe zu parken und dem gar nicht mehr so kleinen Nachwuchs die Tasche bis zur Schule tragen. Wen interessiert schon, dass durch das Auto alle anderen Verkehrsteilnehmer blockiert sind.

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