Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer

Sascha Pranschke, Autor von "Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer"
Sascha Pranschke, Autor von “Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer” – Foto: Peter Ansmann

Der lokale Buchhandel geht den Bach runter. Ich muss gestehen: Ich habe meinen Anteil an dieser Problematik. Seit ich mein Kindle lieben gelernt habe, kaufe ich meinen Lesestoff – nicht wenig – ausschließlich bei Amazon. Das Kindle kann ich halt überall mitschleppen, was einfacher ist als einen Zentner Papier im Rucksack mitzuführen.

Bis zur letzten Woche gab es zwei Ausnahmen von dieser Regel: Einen Akupressuratlas – aber nur wegen der ausklappbaren und großformatigen Ansichten des menschlichen Körpers – und einen Roman von Christopher Buckley: Danke, daß Sie hier rauchen (In dem gleichnamigen Film fehlt – by the Way – die Haupthandlung des Buches.) hat es bisher leider nicht in den Kindle-Shop geschafft. Was wirklich verdammt traurig ist.

Nun habe ich jedoch, trotz meiner klaren Vorliebe für digitale Bücher, eine dritte Erwerbung in konventioneller Buchform:

 „Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer“

von Sascha Pranschke, machte mich bereits aufgrund des Titels neugierig. Als Fatalist interessiert man sich natürlich für Themen wie Zombieapokalypse (Ein sehr naheliegendes Thema, wenn man sich sehr oft zu den falschen Zeiten an den falschen Orten in Duisburg aufhält.), Erderwärmung, Klimawandel – und den damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels bis zur Schmerzgrenze.

Als neu-neigschmeckter Ur-Duisburger, der nun wieder in seiner Heimatstadt wohnt, interessiere ich mich aktuell außerdem für alles was irgendwie mit Duisburg zu tun hat. Grund genug, um nach vielen Jahren mal wieder eine Buchhandlung zu betreten, sich ein vordigitales Leseprojekt zu organisieren und sich an einem Donnerstagabend zu einer Lesung des Autors, Sascha Pranschke, im Correctiv-Buchladen in Essen zu begeben.

Hanna Wollmeiner (Correctiv Buchladen) und Sascha Pranschke bei der Lesung in Essen
Hanna Wollmeiner (Correctiv Buchladen) und Sascha Pranschke bei der Lesung in Essen

Zugegeben: Das Fehlen der digitalen Version macht im Nachhinein doch Sinn und ist konsequent. Das Buch handelt von der Zeit nach der großen Katastrophe.

Und nein, es geht nicht um eine Zombieapokalypse oder Deutschlands nächsten Beitrag zum European Song Contest in Israel, sondern um ein realistischeres und finstereres Szenario: Der Klimawandel ist vollbracht und seine Folgen sind einen Tick extremer zu spüren als erwartet oder gehofft  wurde. Die Meeresspiegel sind stark angestiegen und die überlebenden Bewohnerinnen und Bewohner von Duisburg erfreuen sich, mehr oder weniger, am direkten Meereszugang.

Was nach heutigen Duisburger Maßstäben nach einem gewaltigen Standortvorteil klingt – Urlaub am Meer, gleich vor der Haustüre – ist natürlich desaströs: Kein flächendeckendes 4G-Netz mehr, kein Strom, kein WLAN, die Duisburger Verkehrsbetriebe haben ihren Betrieb auf Dauer eingestellt und im Daddy gibt es Tauchkurse statt Musik. Sogar McDonalds hat seine Filiale in Duisburg für die Ewigkeit geschlossen: Die einstmals so stolze Smart City ist zur Wet City mutiert. Der frühere Binnenhafen ist ein Seehafen geworden, was – zugegeben – ganz neue Perspektiven für die Wirtschaft bieten würde, wenn diese noch existent wäre.

Ein Kindle nützt in dieser apokalyptischen Welt eher wenig – und es ist eigentlich dringend an der Zeit für einen Umzug in eine angenehmere Umgebung. Auf dieser Reise kann man das Buch in seiner Form übrigens prima gebrauchen. Ich war überrascht und gleichermaßen begeistert, für knapp 10€ ein Buch im Hardcover zu erhalten: Wenn die Apokalypse eintrifft und die öffentliche Ordnung zusammengebrochen ist, kann man mit diesem Buch feindlich gesonnenen Gestalten prima auf den Kehlkopf oder die Schläfe schlagen. Das Wort ist mächtiger als das Schwert. Der Autor hat hier wirklich mitgedacht.

Durch das schöne, wenn auch nasse, Ruhrgebiet

Ausgangspunkt der fesselnden Roadstory ist, man hat es aufgrund des Buchtitels vielleicht schon geahnt, die einst wunderschöne Ruhrmetropole Duisburg am – der Rhein ist ja auch futsch – Meer: Die Protagonisten des Romans, Mara und ihr jüngerer Bruder Ben, machen sich auf die Suche nach Noah, einem ehemaligen Schiffskapitän, der Rettungssuchende mit einem Boot in eine angenehmere und sicherere Gegend bringen soll. 

Der mühsame Weg von Duisburg nach Dortmund, wo Noah Gerüchten nach zu finden sein soll, ist der Handlungsrahmen der packenden Geschichte.

Was mich an dem Buch besonders fasziniert: Die apokalyptische Atmosphäre. An einer Stelle des Buches, in dem Mara einen alten Mann mit nichttödlicher Gewalt zu Boden bringt, erinnert mich das beschriebene Szenario unwillkürlich an eine beklemmende Szene aus dem – übrigens auch auf YouTube verfügbaren – TV-Film The Day After: Einer der Handlungsfiguren (Der Farmer und Familienvater Jim Dahlberg, gespielt von John Cullum.) wird von nahrungssuchenden Nachbarn erschossen oder erschlagen. Diese “gefühlte Hoffnungslosigkeit” ist auch in Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer sehr greifbar.

Im Gegensatz zu diversen anderen Katastrophenromanen und -filmen, ist man bei diesem Buch auch direkt in der Handlung drin. Das Vorspiel fällt aus und man findet sich ab der ersten Seite bereits mitten im postapokalyptischen Ruhrpott  wieder.

Auf ihrer Odyssee durch ein Land, in dem jeder sich selbst der Nächste ist, schlagen die Antihelden dieser packenden Roadstory sich so tapfer, wie nur Verzweifelte es können.
(Auszug auf dem Buchdeckel)

Leserinnen und Lesern, die Roadstorys und Endzeitszenarien mögen, sei dieses Buch empfohlen. Für Menschen im Ruhrgebiet – insbesondere in Duisburg – ist der Roman eigentlich eine Pflichtlektüre. Die lokalen Bezüge faszinieren, viele Orte – der heute noch trockenen und wunderschönen Ruhrgebietsstadt – sind identifizierbar: Der Duisburger Landschaftspark beispielsweise als verwilderter Park. Ein Sumpfgebiet. Was nicht verwundert, da es über weite Strecken in der Handlung des Buches wie aus Kübeln gießt.

Am meisten faszinierte Ben ein roter Turm mit spitzen Dach, der aus einem alten Speichergebäude emporwuchs. Der Turm war fensterlos, und die Fenster des Speichers waren zugemauert Als wollte dieser Monolith in seinem Inneren Geheimnisse verbergen. Tatsächlich hatte Sophie erzählt, dass dies ein Archiv gewesen sei.

Sophie hätte sich ihren Hinweis für die Duisburgerinnen und Duisburger eigentlich sparen können: Erkennt man hier, bereits an der Beschreibung des Objekts, das in einem historischen Speicherturm am Innenhafen angesiedelte Landesarchiv NRW wieder.

Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer - von Sascha Pranschke
Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer – von Sascha Pranschke

Bei der Lesung seines Romans, am vergangenen Donnerstag im Correctiv-Buchladen in Essen, ging Sascha Pranschke, der beruflich als Dozent bei Schreibwerkstätten und Schreibprojekten tätig ist, auf die Hintergründe seines Romans ein. 

Wie kommt man auf die Idee, so ein Buch zu schreiben?

„In erster Linie weil wir hier leben. Ich wollte ein Szenario schaffen, in dem hier Dinge passieren die eigentlich nicht so weit weg sind.“

Weiterer Hintergrund der Geschichte ist, neben dem Klimawandel, selbstverständlich das Thema der letzten vier Jahre: Die Flüchtlingskrise und die Fragen die mit dieser auftreten: Wie menschlich bleibt man in Krisenlagen? Wie ist der moralische Kompass eines Menschen in extremen Situationen eingestellt?

Den Zeitpunkt der Katastrophe erfährt man im Roman nicht. Auch nicht, wie es im Rest der Welt aussieht.  Das Szenario, das Sascha Pranschke beschreibt ist jedoch, im Hinblick auf die negativen Auswirkungen des Klimawandels, nicht komplett unrealistisch: Bei starkem Regen sind die Abwasserkanäle in Duisburg heute schon (“Unwetter mit Überflutungen in Duisburg” ist ein sehr eindrucksvolles Video auf YouTube zu diesem Thema.) überfordert.

Der Flughafen BER ist nur eine Jahrhundert- oder vielleicht eine Jahrtausendaufgabe. Die Fertigstellung im überschaubaren Rahmen absehbar. Das Abpumpen des Grubenwassers im Ruhrgebiet – eine Folge des Bergbaus – ist eine Ewigkeitsaufgabe: Ohne dieses Eingreifen, würde der Essener Hauptbahnhof ganz schnell metertief unter Wasser stehen.

Es gibt nun natürlich Fragen, die mich als Duisburger bewegen: Trotz diverser Mißstände – keine richtige Innenstadt, kaum Nachtleben, Stimmung wie auf einem Friedhof – empfinde ich die finale Flutung meiner Heimatstadt schon als extremes und eher unerfreuliches  Ereignis.

Warum gerade Duisburg?

„Ich wollte eine Roadstory schreiben. Und da meine Vorstellung eben war, dass das Meer sich ausgedehnt hat – die flachen Gebiete sind ja nun mal westlich – und ich die beiden sie dort starten lassen wollte , wo die Bedrohung am größten ist, musste es Duisburg sein. Es kommen aber auch andere Orte im Ruhrgebiet vor.“

Bist Du Duisburger?

„Ich bin Dortmunder. Ich war für die Schreibwerkstätten und auch so viel im Ruhrgebiet unterwegs Bei diesen Emscherprojekten führte mich der Weg  durch sieben Städte von Dortmund nach Duisburg die Emscher entlang. In sieben Städten gab es Gruppen von Jugendlichen die eine Geschichte weiterentwickelt haben. Im Grunde habe ich in der Geschichte den Weg rückwärts beschrieben. Zurück nach Dortmund.“

Ein spannendes Buch über die Region –  von einem sympathischen Autor aus dem Ruhrgebiet: 

Am Ende der Welt liegt Duisburg am Meer – auf Amazon

Ein Trailer zum Buch…

2 Kommentare

Vielleicht würde es ja beim Umstieg auf Wasserball ja auch wieder für die erste Liga reichen. Mit dem Wedaustadionbad hätte der Meidericher Seesportverein das perfekte Trainingsgelände.

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