Als ob nur die Worte zählen würden!

Alexander Gauland Foto: Metropolico.org Lizenz: CC BY-SA 2.0

Es ist eine Binsenweisheit, dass eine Botschaft immer auch nonverbale Anteile hat. Diese Binsenweisheit scheint allerdings in der Politik nicht zu gelten. Derzeit wird heiß diskutiert, ob und wie die AfD mit ihrer sprachlichen Verrohung einen Anteil an dem schrecklichen Mord an Walter Lübke hat. Die AfD weist dies natürlich von sich und nutzt die Vorwürfe einmal mehr, um sich als Opfer zu stilisieren. Im Rahmen dieser Diskussion werden die gleichen Beispiele hervorgekramt, die schon vielfach durch die Medien gingen und sie werden seitens der Rechten abermals mit den gleichen Gegenargumenten gekontert.

Da ist auf der einen Seite Gauland, der davon spricht, die etablierten Politiker zu “jagen” oder Aydan Özoguz nach Anatolien zu entsorgen. Und dann ist da das Gegenargument, dass doch Frau Nahles davon gesprochen habe, dem Gegner “auf die Fresse” zu geben oder Journalisten davon sprachen, dass Politiker nach Brüssel entsorgt werden.

Es ist bemerkenswert, dass simple Weisheiten und Gewissheiten aus dem Alltag im politischen Geschäft außer Kraft gesetzt werden. Denn es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Ein und derselbe Satz kann eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben, je nach Kontext und je nachdem, in welchem Tonfall er ausgesprochen wird, welchen Blick sein Sprecher aufsetzt, welche Gesten er macht. Ein simples “Guten Tag” kann ausgesprochen freundlich sein. Oder aber – am Ende eines Streits und im Tonfall eines “Jetzt machen Sie die Tür von außen zu!” – schnippisch, arrogant, ja geradezu beleidigend klingen.

Diese weichen Begleitfaktoren einer Botschaft sind selbstverständlich subjektiv und das macht sich jeder zu Nutze, der hinterher nur auf die objektive Wortwahl einer Aussage verweist. Das passiert bei jedem Ehestreit. („Aber du hast doch gesagt: Mach doch was du willst! Und jetzt ist dir nicht recht, dass ich mit meinen Freunden unterwegs war?“) Es hat allerdings gravierende Auswirkungen, wenn es in der großen Politik geschieht.

Jeder, der ein bisschen Menschenkenntnis besitzt, muss erkennen, dass der Spruch von Frau Nahles in ihrer derben Art und im Zusammenhang mit ihrer Körpersprache, ihrem Lachen und auch im Kontext der Fragestellung, keine ernsthafte Drohung war und dass darin nichts mitschwingt, das jemals mit echter körperlicher Gewalt zu tun haben kann. Jedem empathischen Menschen muss hingegen eine Gänsehaut über den Rücken laufen, wenn er hört, wie Herr Gauland seine Gegner jagen will. Wenn man weiß, welche Fantasien immer wieder aus den Reihen der AfD ans Licht kommen, wenn man weiß, wie viel Hass diese Partei auf die etablierte Politik hat, wenn man weiß, wie wenig Bedeutung Herr Gauland den Gräueln der Nazizeit zugesteht und wenn man ihm in die Augen schaut, während er vom Jagen spricht, die Schärfe seiner Stimme hört, dann kann kein ehrlicher Mensch ernsthaft behaupten, es handele sich hier um das Gleiche, wie das, was Frau Nahles mit der Fresse meinte.

In der Empörungsmaschinerie unserer medialen Zeit ist die Verkürzung ein großes Problem. Die auf Überschriften und Schlagworte zusammengeschrumpfte Debatte geht ungefähr so:
„Er hat entsorgen gesagt!“,
„Habe ich entsorgen gesagt?“
„Andere sagen auch entsorgen!“
„Jetzt darf man nicht mal mehr entsorgen sagen!“

Dabei lohnt es sich, die besagte Aussage genauer zu betrachten. Herr Gauland erregte sich über Frau Özoguz, die in Frage gestellt hatte, ob es eine spezifische deutsche Kultur gibt. Er rief seinen Anhängern zu: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“
Die nonverbale Kommunikation ließ dabei keinen Zweifel daran, dass es sich hierbei um eine Drohung handelt. Mit Frau Özoguz soll etwas passieren, wonach sie 1. nie wieder herkommen wird und 2. so beschädigt ist, dass sie „entsorgt“ werden kann. Ob nach Anatolien ist dabei eigentlich zweitrangig. Nach der Einladung kann man sie wergwerfen, also wird die Einladung sie kaputt machen. Falls Herr Gauland jetzt behaupten wolle, er meine eine Einladung zu einer Aufführung des Ring des Nibelungen, die so erschöpfend ist, dass Frau Özoguz danach auf den Müll gehört, so macht er sich lächerlich. Die Einladung kann unter diesen Bedingungen nur als Drohung verstanden werden. Und wenn „spezifisch deutsche Kultur“ eine Drohung ist, so kann damit eben nicht Goethe, Kant oder Bach gemeint sein. Es kann nur die spezifisch deutsche Kultur des Tötens gemeint sein, alles andere ergibt keinen Sinn.

Die Frage, ob das Wort „entsorgen“ nun problematisch ist und der Verweis auf andere Verwendungsfälle lenken geschickt davon ab, was Gauland wirklich ingesamt gesagt hat, einschließlich den vorangegangen Worten und in Kombination mit Blicken, Gesten und Stimme. Das Problem sind eben nicht nur Leute wie Poggenburg, Gedeon oder Höcke, die auch im konkreten Wortlaut so extrem sind, dass die AfD sich zu (mehr oder weniger starken) Distanzierungen gezwungen sieht. Die Drohung mit Gewalt kommt direkt von der Parteispitze. Man ist nur dort so geschickt, an der Nachweisgrenze derart knapp entlang zu schrammen, dass auf dem Papier ein Herausreden möglich wird.

Wer an dieses Herausreden glaubt, der muss sich fragen, ob er entweder ein ernsthaftes Problem mit Menschenkenntnis und dem Lesen nonverbaler Zeichen hat (sind Sie z.B. schön öfter auf Trickbetrüger hereingefallen?) oder aber heimlich durchaus selbst ein bisschen Gewalt herbeifantasiert.

3 Kommentare

Wenn ich dieses süßsäuerlich grinsende Gesicht sehe, brauch ich so oder so keine weiteren verbalen Signale, ob Sprache oder irgendeine Vorstufe zu Sprache.
Egal was da kommt, symphatisch wird es wohl kaum klingen. Bin ich jetzt voreingenommen?
Manche Gesichter mag ich nicht. Es wird andere in dieser Partei geben, bei denen es mir nicht sofort ins Gesicht springt.
Wie das im kopf funktioniert weiß ich nicht, aber es muß in der Evolution noch vor der Sprache angelegt sein.

@Yilmaz, stimmt. Bleiben die Worte um "Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren,weil sie gestrig,intolerant, rechtsaußen und gefährlich sind!"
Ich bin sowieso mehr für Worte.
Aber dieses "man muß" macht mich stutzig, weil ich da kluge Vorgaben von den Politprofis mit ihrer größeren Reichweite erwarte.
Und wenn Stegner aus seiner gut plazierten Position heraus die richtigen Worte treffen würde, dann wäre die AFD sicher nicht so weit gekommen. Und daß er dieses Ziel nicht erreicht hat, liegt m.M nicht an der "Fleppe" die er oft zieht. Die kann er sich auch absichtlich antrainiert haben. Die wirkt auch nicht abstoßend. Bei ihm muß ich sogar manchmal lachen.
Die Fehler liegen bei ihm sicher anderswo.

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