Alltagssplitter (15): Seelenverkäufer

Einkünfte durch ‚Zukünfte
Das Ruhrgebiet hat eine große Zukunft längst hinter sich und ehrgeizig-pompöse Inszenierungen seines Wir(r)-Gefühls kamen die Region oft teuer zu stehen. Erinnern Sie sich? Griffige Slogans (‚Claims‘) sollten her, koste es, was es wolle.
Ruhrn TeamworkCapital“ war nur einer davon. Dafür sollen mehrere Hunderttausend Euro gezahlt worden sein. So nahe können ‚Dachmarke‘ und Dachschaden also beieinanderliegen.

Und die Unternehmen an der Ruhr können’s nicht besser als die Politik. Das „VORWEG GEHEN“ von RWE muss einem Texter eingefallen sein, der nach zu viel Buchstabensuppe mit Durchfall kämpfte. Es hätte aber schlimmer kommen können: mit einem „VERWEGEN VORWEG“ oder gar mit einem perwekt-innovativen „QUERWELDEIN GEHEN“ – immer rein in die roten Zahlen (s. WAZ von heute).
Völlig verwelkter Buchstabensalat auch beim „rewirpowerStadion“ in Bochum. Und das ECCE (european centre for creative economy in Theremouth, sprich: Dortmund) wirbt für sein Labkultur-TV mit „CITY.CHANGE.FUTURE“. Das alliteriere ich gleich zweimal in vier Sekunden besser, und zwar mit links: „CITY.CHANGE.CHANCE“ oder „CULTURE.CHANGE.CHANCE“. Hohl tönt’s natürlich trotzdem. Deshalb:
Wie wär’s mit: „DIE RUHR? Mehr als eine Krankheit“ ?

Kulturnekropole
Wenn ich mich so umschaue, arbeitet kopf- und hilflose Kulturpolitik hierzulande konsequent am weiteren Abbau von Bildung, Kultur und Sozialem. (Und warten Sie erst einmal die Zeit nach den Kommunalwahlen im Mai ab!) Will man sich etwa um den Titel „Europäische Kulturnekropole Ruhr.2020“ bewerben? Ich würde diese Bewerbung jedenfalls mit einer Event-Reihe „Kaputte Abende“ unterstützen. Coming soon.

Yin, Yang, Ping und Pong
Habe gestern meditierend versucht, einen Tag lang aus reiner Leere zu schöpfen – herausgekommen ist tatsächlich: Nichts. Grundgefühl heute: heitere Verlassenheit.

Auf Bewährung
Zunehmend vergesse ich sogar, an was oder an wen ich mich auf keinen Fall mehr erinnern wollte. So erreiche ich Amnestie durch Amnesie. Auch für mich.

Wider Geburt
Was nach mir aus mir wohl werden wird?
Hoffentlich nicht dieses ‚Ich‘ schon wieder.

Vorübergehend sterblich
Wie er sein mag, der Tod? Dumme Frage, wir kennen ihn doch!
Erinnern Sie sich nur an die Zeit vor Ihrer Zeugung.
Hatten Sie etwa 13 Milliarden Jahre Angst vor einer Gebär-Mutter in spe? Hatte Ihnen JEMAND oder ETWAS ein paradiesisches Leben nach Ihrer Geburt versprochen? Haben Sie gebetet? Für was? Zu wem?
Glauben Sie also wirklich, dass Sie die Milliarden Jahre nach Ihrem Tod so ganz anders erleben werden als die Milliarden Jahre vor Ihrer Zeugung?

Zum Trost: Seelenwandertag
Wie lange dauert eine gelungene Seelenwanderung? Sollte man ein Schweizer Messer bei sich haben? Outdoorkleidung, Rucksack, Proviant? Was kosten Seelenwanderstiefel? Wandern Seelen in Gruppen oder allein? Auf Seelenwanderwegen? Oder schummeln sie und lassen sich ein Stück des Weges von Geisterfahrern mitnehmen? Zieht eine Seele auch in den Körper eines zuvor Seelenlosen ein, Erstbezug sozusagen? Und – Matthias Beltz z.B. fragte das bereits: Da heute mehr Menschen auf der Erde leben, als zusammengenommen jemals zuvor auf der Erde gelebt haben: Woher kommen all die neuen Seelen?
Ich kenne so viele, die schon heute keine Seele mehr abbekommen haben, nicht einmal eine gebrauchte, nicht einmal auf dem Schwarzmarkt.

9 Kommentare

Ja Gerd, so ist das mit der Meditation. Am Ende ist man deshalb nicht schlauer, weil man unbedingt etwas wissen will. Ich habe kürzlich in einem Buch über “Zen”
(Zen für Dummies) gelesen, daß man nichts erwarten soll beim Sitzen, denn mehr als das Sitzen passiert nicht. Das Sitzen selbst sei bereits die Erleuchtung.
Da habe ich als unsportlicher vielsitzender Stubenhocker den Schluß heraus gezogen, daß ich seit meiner Geburt so etwas wie ein Zen-Meister sein muß.
Den Gedanken habe ich als Vorform einer Erleuchtung eingestuft. Der hat mich schließlich erheitert.
Eine Protoerleuchtung gewissermaßen.
Ein Freund, der im englischsprachigen Raum seine Jugend verbracht hatte, las das Wort Dummies so, wie vielleicht Puppe. Die denken auch nicht. Und bei denen kommt vermutlich auch nichts heraus.
Was mich an deinem Bericht beunruhigt, ist der Satz “Ich kenne so viele, die schon heute keine Seele mehr abbekommen haben”.
Die hätten dann doch unberechtigterweise das buddhistische Endziel bereits erreicht, ohne Seele, die sie quälen könnte.
Aber mach weiter.

#Helmut: Naja, Ziel des Buddhismus ist eher die Überwindung des ewigen Kreislaufes von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Das erreicht man durch Mitgefühl und gutes Handeln. Von Seelenlosigkeit also keine Spur, ganz im Gegenteil: Kultivierung von Seele, Geist, Körper, Handeln ist angesagt.
Und was wäre das überhaupt, eine Seele? Ach, was soll’s. Du weißt ja: Wenn du Buddha triffst, dann töte ihn.

Ehre, wem Ehre gebührt: Das „VORWEG GEHEN” von RWE ist keinesfalls „… einem Texter eingefallen …, der nach zu viel Buchstabensuppe mit Durchfall kämpfte”, sondern einem gewissen Jürgen Großmann, damals Vorstandsvorsitzender der RWE AG. Was die Sache nicht besser macht …

Au weia. Eine Anmerkung zur Existenz bzw. in diesem Fall Nicht-Existenz Gottes bzw. in diesem Fall des Jenseits. Bei den Ruhrbaronen! Wenn das jemand mitkriegt… – Unter 100 Kommentaren läuft dann gar nicht mehr. Immerhin: ein erster Zugang zur Kategorie “Ewigkeit”.

‘#stefan: das “schreIBMaschinen” von IBM ist wirklich genial, weil es markenkern und markennamen damals direkt in beziehung setzte. der erste, der sowas gut macht, ist pfiffig, der zweite, der es – wie im falle rwe auch noch schlecht kopiert – macht sich zum deppen und hält sich für “kreativ”, “innovativ”, blablabla

@ Werner Jurga # 5

Ich vermute das Thema ist hier durch. 🙂 … obwohl… verlorene Seelen können ja auch wieder auftauchen ….z.B. weil der Sauerländische Gebirgsverein zu seiner ersten Seelenwanderung eingeladen hat… 😉

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