Alles außer Pop – Zufallsplatte

In loser Folge bespreche ich hier eine Platte aus meiner Sammlung, die ich blind ziehe und mir anhöre. Manche kenne ich gut, manche habe noch kaum gehört. Augen zu, mit dem Finger über das Plattenregal gewedelt und irgendwo draufgetippt.

Und es erwischt … Ella&Basie, von, nun ja, Ella Fitzgerald und Count Basie. Ich höre eigentlich wenig vokalen Jazz. Aus irgendeinem Grund spricht die Musik mehr zu mir, wenn keiner spricht. Vielleicht tendiert der Jazz mit Gesang auch einfach mehr zu Kommerz als der instrumentale. Aber natürlich weiß ich, dass es auch hier großartige Musik zu entdecken gibt und von Zeit zu Zeit mache ich Anläufe, die Größen wie Ella und Billy besser kennenzulernen.

Gelegentlich kaufe ich mir auch solche Platten. Diese hier ist alt und hat schon einiges gesehen. Wahrscheinlich habe ich sie auch mitgenommen, weil sie nur fünf Euro gekostet hat, wie ein Preisschild verrät. Was wiederum an ihrem Zustand liegen dürfte. Aber ich mag das. Es ist eine deutsche Pressung, aber sicherlich eine ziemlich alte. Es wird einem erklärt, dass man dieses Album mit Stereo-Cartridges abspielen kann. Das Papier ist vergilbt und riecht nach Keller. Jemand hat vorne ein Klebchen mit einer 34 aufgeklebt und dann auch noch mal mit Tintenstift hinten die 34 draufgekritzelt. Was war das wohl für eine Nummerierung? Welche Reihenfolge gibt jemand seinen Platten? Es muss ja wichtig gewesen sein, wenn man sie hinten extra nochmal vermerkt, obwohl man sich vorne die Mühe mit dem kleinen Kleber schon gemacht hat.

Das Cover ist schön gestaltet und strahlt rundum die Fünfziger aus. Komisch nur, dass am unteren Ende eine kleine Gestalt aufgedruckt ist, kaum erkennbar, etwas, das von Weitem wie ein Fleck aussieht, aber ganz offensichtlich gedruckt.

Foto: R. v. Cube

Und wie ist nun die Musik? Sie swingt, natürlich, und wie. Es sind vor allem uptempo Stücke darauf, lauter Klassiker, wie Tea For Two, Honeysuckle Rose etc. Ella Fitzgerald singt mit ihrer ganzen Pracht und mir fällt auf, dass sie eigentlich eine helle, geradezu süße Stimme hat, auch wenn sie diese Stimme groß und tief und weit machen kann, wenn sie damit raspeln und rasseln und dröhnen kann. Eigentlich ist es egal, ob das instrumental oder gesungen ist, Ella füllt die Musik mit Nuancen, mit Pausen und präzisen Attacken, mit Dynamik-Puzzleteilen, wie die besten Solo-Spieler.

Die Bigband ist etwas dünner aufgenommen als sie, macht im Arrangement von Quincy Jones aber eigentlich das Gleiche: spielt von Sekunde zu Sekunde das Richtige, nie repetitiv, nie gelangweilt, nie pragmatisch. Basie als Meister der Reduktion hält die Musik am Laufen wie ein Jongleur die Bälle, immer in der Luft, immer im Schwung, aber ohne unnötige Berührungen, ohne Schwere, ohne zu forcieren oder zögern.

Das ist fröhliche, leichte Musik. Ich bin für so was nicht allzu oft in der Stimmung. Aber ich bin gerade sehr froh, dass ich die fünf Euro investiert habe und dass der Zufall heute diese Platte herausgesucht hat.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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