Alles außer Pop – Coltrane kocht mit Wasser (aber lecker)

Es ist zwar erfreulich, aber keine umwerfende Überraschung, wenn ein neues Coltrane-Album herauskommt. Selbst bei Musikern, die eine kürzere Schaffensphase hatten, erscheinen postum immer wieder neue Platten und Coltrane hat wahrscheinlich mehr musiziert als jeder andere Mensch. Er soll ja sogar in den Pausen zwischen zwei Auftritten in der Garderobe weiter geprobt haben. Natürlich ist die Zahl von Live-Mitschnitten, die noch irgendwo auf eine Veröffentlichung warten (und vielleicht auf den Fortschritt der Musikbearbeitungssoftware, um noch auf hörbare Qualität aufpoliert zu werden) weitaus größer als übriggebliebene Studio-Aufnahmen. Aber das bedeutet ja nicht, dass wir jeden Take jedes Songs auf Platte haben, der irgendwann mal im Studio auf Band festgehalten wurde.
Aber egal, Both Directions At Once stammt aus einer Phase, die bei allen Jazzfreunden beliebt ist, schließlich hatte Coltrane bereits eine Meisterschaft erreicht, eine Tiefe ausgelotet, die begeistern muss, und noch nicht jene Gefilde der Avant-Garde angesteuert, bei der die Durchschnittshörer aussteigen. Wenn der erste unbetitelte Song des „neuen“ Albums ertönt, freut sich sofort das Herz, denn das sind genau die vertrauten Harmonien und Strukturen, die das sogenannte klassische Quartett berühmt und beliebt gemacht haben. Das Sopransaxofon, die satten Akkorde McCoy Tyners, die treibende, schwebende Interaktion von Elvin Jones und Jimmy Garrison an Schlagzeug und Bass. Jeder Jazzfreund liebt das, liebt My Favorite Things, Greensleves, Afro Blue und so weiter. Und so ist es einfach schön, weitere Stücke aus dieser Phase serviert zu bekommen.
Ob man das gleich als „verlorenes Album“ feiern muss, das eine Lücke schließt, das der Meister nicht herausbringen konnte oder durfte, weil er zu kommerziellen Konzessionen gezwungen wurde, diese Frage muss man wohl unter Marketing-Gesichtspunkten sehen. Die Argumente, die Ashley Kahn in den Liner Notes dafür ausführt, dass Coltrane diese Stücke als zusammengehörige LP geplant hat, sind etwas dürftig: Die Lieder ergäben zusammengerechnet eine typische Schallplattenlänge und sie ließen sich gut auf zwei Seiten verteilen. Dieser Befund ließe sich vermutlich bei einer Vielzahl von Aufnahmesessions erheben.
1963 war es noch nicht üblich, Alben als Gesamtkunstwerke zu sehen, die der Musiker als Einheit selbst konzipiert. Bei Coltrane begann diese Herangehensweise erst mit A Love Supreme und wurde durch dessen Erfolg verfestigt. Natürlich wurden auch die Alben mit den Gastmusikern (Duke Ellington und Johnny Hartman oder auch Africa/Brass) am Stück aufgenommen. Aber die Quartett-Alben in besagtem Zeitraum, wie Coltrane, Ballads oder Impressions, setzen sich aus Stücken diverser Sessions zusammen und hätten sich theoretisch auch aus dieser Aufnahmesitzung vom März 1963 speisen können.
Vielleicht wurde die Aufnahme wirklich vergessen. Vielleicht auch nicht benötigt oder für nicht gut genug befunden. Das Coltrane Quartet spielt auch an schlechten Tagen auf einem hervorragenden Niveau. Aber nicht jedes Stück auf dieser Veröffentlichung ist von höchster Qualität. Gerade Coltrane selbst hat diverse Momente, in denen er sich verspielt oder ihm die Töne ersticken und zwar hörbar unfreiwillig. Es gibt einige Stücke bei denen er ungewöhnlich uninspiriert wirkt. Das gilt freilich nicht für McCoy Tyner, der Mann hat glaube ich noch nie einen Durchhänger gehabt.
Am nächsten Tag kam Johnny Hartman, abends war ein Auftritt im Birdland dran. Wie es dort geklungen haben könnte, kann man auf der nur wenige Wochen später entstandenen Live-Platte Newport ‘63 hören. Live at Birdland ist noch ein paar Monate jünger. Vielleicht hat man einfach freie Studiozeit gehabt, ein, zwei neue Stücke geprobt, ein bisschen gejammt (Slow Blues), einen poppigen Standard mit verschiedener Instrumentierung ausprobiert (Vilia) und an Impressions gefeilt. Hier wird nämlich das pianolose Feuerwerk vorweggenommen, das uns auf der erwähnten Newport um die Ohren fliegt. Kahn sieht die vielen Takes von Impressions als Zeichen, dass man von diesem Stück unbedingt eine verwertbare Version haben wollte. Aber man könnte ebenso spekulieren, dass das gerade für den experimentellen Charakter dieser Sitzung spricht.
Selbstverständlich hat man geschaut, ob ein, zwei Stücke für irgendein späteres Album herausspringen. Es ist ein großes Verdienst Bob Thieles, des damaligen Produzenten von Impulse!, dass er seinen Musikern Freiraum ließ und ihnen teure Studiozeit zur Verfügung stellte. Gerade deshalb konnte Coltrane sich so entwickeln, wie er es tat. Aber das Material wurde gerade deshalb auch nicht als Heiligtum betrachtet, wie das jetzt geschieht.
Die Veröffentlichung von Both Directions At Once ist toll für uns Fans, weil wir scharf auf jeden Zipfel jeder Aufnahme unseres Idols sind. Aber eine Offenbarung, wie es die letzte Platte (Offering: Live At Temple University) war – wo man Einblicke in eine brodelnde Underground-Szene zwischen Profis und Newcomern bekam, wie sie bis dahin nicht verfügbar waren – eine solche Offenbarung sind die neu entdeckten Songs nicht.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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