Alles außer Pop – Bunter, schwarzer Krieg

Soll mir keiner kommen und sagen, Anaal Nathrakh wären Sell-Outs. Nur weil sie Clean-Gesang, groovende Parts, eingängige Melodien, pathetische Chöre und kitschige symphonische Synthesizer haben, darf man dieses Gewaltgewitter nicht vorverurteilen. Die neue Platte A New Kind Of Horror ist soeben erschienen und ballert mich aus meinem Schleudersitz. Ich muss eine gewisse Empfänglichkeit für Kitsch einräumen, ich mag auch Cradle of Filth, jedenfalls manchmal.


Aber Anaal Nathrakh (die mir schon sympathisch sind, weil ich den Film Excalibur liebe, aus dem sie den Namen haben) benutzen die kitschigen Elemente mit einer Souveränität und musikalischen Passgenauigkeit, die ihresgleichen sucht. Viele Schüsse und Kriegsgeräusche habe ich schon in Musik gehört. Aber wie Anaal Nathrakh hier in Forward! eine Maschinengewehrsalve mit dem (virtuellen) Schlagzeug verschmelzen, einschließlich des als Beckenschlag eingesetzen „Ping“, wenn der letzte Schuss verfeuert wurde, das ist heldenhaft. Anaal Nathrakh rattern mit Präzisionsfeuergitarren um sich und sie setzen schamlos Melodien und Samples und Chöre und Metalcore-Breakdowns ein, wie es ihnen passt, um das musikalische Erlebnis zu perfektionieren. Diese Herren müssen keine Rücksicht auf Sellout-Vorwürfe nehmen, weil sie eine Klasse für sich bilden.

Und wenn die Piano-Linie oder der Frauen-Chor das nachfolgende Gekeife noch eine Spur besser knallen lässt, dann ist es das wert. Anaal Nathrakh haben ein Niveau erreicht, bei dem das Tonstudio (oder die DAW) in den Rang eines eigenen Musikers erhoben werden muss. Wie es gelingen kann, derartig viele Ebenen von Gewummer, Geballer, Geschrei, Geräuschen, Samples, Gekeife und Gegrunze übereinander zu stapeln und dabei so verständlich zu bleiben, ist mir ein Rätsel. Hier lässt sich jede Sedimentschicht des Schlachtfeldes klar heraushören und zugleich entsteht ein Soundtsunami, der dich von den Füßen fegt.

Das ist durchaus dynamische Musik. Nur dass hier nicht, wie üblich, mit lauten und leisen Passagen gespielt wird. Sondern mit lauten und sehr lauten. Anaal Nathrakh hantieren mit entfesselten Energien so, wie Akrobaten mit brennenden Fackeln jonglieren. Und sie beherrschen das so gut, dass sie einem die unterschiedlichen Nuancen zwischen sehr intensiv und sehr, sehr intensiv um die Ohren hauen, bis man staunt.

Und wenn man sich die alten Sachen dieser Band anhört, dann ist all das eigentlich schon da. Bis vielleicht auf den Cleangesang hört man schon die Melodien, die Samples, die Suche nach einer Mischung aus Härte und Abwechslung, das Pathos, auf den ersten Platten. Anaal Nathrakh haben sich nicht verkauft. Sie sind einfach nur unglaublich gut in dem geworden, was sie von Anfang an tun. Und sie scheißen auf eure Schubladen. Oder schießen.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

 

Nachtrag (7.10.2018, 20:33): Jetzt halte ich auch das Vinyl in den Händen. Die Linernotes zeugen davon, dass Anaal Nathrakh sich ernste Gedanken machen und dass dieses Album so sehr von Krieg handelt, wie es danach klingt. Fast schämt man sich ob des Unterhaltungswerts, den man dabei empfindet.

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