Alles außer Pop – Au, Au, Autotune

Im Neo Magazin Royale war kürzlich eine junge Frau am Mikrofon und durfte zur Musik des Rundfunktanzorchesters Ehrenfeld singen. Ihr zuliebe war der musikalische Anteil der Sendung deutlich länger als sonst. Es wäre unfair, ihr zu unterstellen, dass sie diese Ehre nur hatte, weil sie blond und gutaussehend war. Aber ob sie wegen ihrer Gesangsqualitäten auftreten durfte, lässt sich nicht sagen.
Denn ihr Gesang war von Anfang bis Ende mittels des Autotune-Effektes verfremdet. Ich verstehe das nicht. Ich verstehe vielleicht Pop-Musik sowieso nicht und spreche hier ja daher auch über alles außer Pop. Aber wie man im Jahre 2018 noch immer modern finden kann, wenn jemand singt wie ein Roboter von 2005, das ist mir schleierhaft. Tatsächlich habe ich unlängst auf Facebook über Autotune hergezogen und die Antwort erhalten, dass ich vermutlich einfach zu alt wäre, um das zu verstehen. Und ich räume ein, dass ich alt bin. Aber ich bin immer noch jünger als Cher. Und alt genug, schon anno dings, wo sie das Lied da gesungen hat, gewusst zu haben, dass das schrecklich ist.

Und dass dieser Autotune-Effekt jetzt irgendwie eine supermoderne Sache sei, die junge Hipstermädchen bei Böhmi machen (nicht nur die Blonde, sondern z.B. auch Haiyti) kann man einem alten Brummbären wie mir nicht erzählen. Denn die Vibratostimmen stehen in meinen Ohren schon seit einer deutlich zweistelligen Jahreszahl für prollige Musik unterschiedlicher Provenience, wie Westcoast-Hiphop und Ibiza-Techno. Das war schon abgelutscht und abgehangen und leicht angewest, als es von superinnovativen Elektronikfricklern und urbanen Popbarden augenzwinkernd zitiert wurde und auch das ist schon wieder ein paar Jahre genug her, um endgültig davon zu sprechen, dass der Autotune-Effekt von jeder Festplatte gelöscht gehört. Autotune ist Aua fürs Ohr, macht es weg. Bitte.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

3 Kommentare

Autotune steht nicht nur für Roboterstimmen und Verzerrungen als Belive von Cher, sondern ist in der gesamten Musikproduktion ganz normal. Ich erinnere mich als Zladko mal Live ohne Autotune gesungen hat …

Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Antares_Auto-Tune
Das Programm analysiert die Tonhöhe eines monophonen (einstimmigen) Audiosignals (meist Gesang), prüft, ob und wie weit die gefundene Frequenz vom nächsten korrekten Halbton einer vorgegebenen Stimmung entfernt ist, und zieht (pitcht) das Signal ggf. auf die korrekte Tonhöhe. Um den Eingriff in das Audiomaterial gering und das Ergebnis möglichst natürlich klingen zu lassen.

Die englische Wiki ist mal wieder ausführlicher https://en.wikipedia.org/wiki/Auto-Tune

Wahre Worte! Schmerzlindernd wirkt Damien Rice. Und wenn's ganz hart kam Sister Rosetta Sharp und Howling Wolf! Proved

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