Abschied für einen, der mal so eine Art Ruhrbaron war

Wulf Bernotat ist Chef des Energiekonzerns E.on. Er führte das Unternehmen nach der Fusion von VEBA und VIAG weg von seinen Wurzeln als Firma der Ruhrbarone hin zum größten Energiekonzern Europas. Nun wird Bernotat seinen Posten räumen.

Foto: Kai-Uwe Knoth

Wenn Wulf Bernotat zu reden anfängt, werden die Menschen leise. Sie hören zu. Der E.on-Chef spricht mit einer sanftrauchigen Stimme, bestimmt und eindeutig. Er sagt Wahrheiten, die mancher nicht hören will. Zum Beispiel sagt er, dass man bei aller Begeisterung für die Öko-Energien nicht vergessen dürfe, dass diese auch in den kommenden 20 Jahren nicht ganz Deutschland mit Strom und Wärme versorgen könnten. Irgendwo müsse der Rest herkommen. Aus Gas, aus Kohle oder aus der Kernkraft. Irgendwoher. Das versteht jeder. Auch der politische Gegner. "Wer soll den Rest liefern?" fragt Bernotat dann. "Das müssen wir tun." Wenn Bernotat seinen Punkt gemacht hat, lehnt er sich zurück, hebt seinen Kopf und lächelt. Dann sieht Deutschlands mächtigster Energiemanager ein wenig aus, wie ein Universitäts-Professor, der seinen Studenten eine Lehre erteilt hat.

Auch auf der Hauptversammlung seines Konzerns E.on lächelte Bernotat am Ende seiner langen Rede entspannt. Auch hier hatte er seinen Punkt gemacht: unerwartet, doch nachvollziehbar und klar. Bernotat will seinen Vertrag nicht über Mai 2010 hinaus verlängern. Der Chef des mit Abstand größten Energiekonzerns Europas gibt sein Amt ab, freiwillig und ohne Streit.

Und damit sticht Bernotat heraus aus der Klasse der deutschen Topmanager. Gerade in den Dax-Konzernen gab es in den vergangenen Jahren kaum einen Vorstand, der freiwillig abgezogen wäre. Ob Telekom, Post, Siemens oder Bahn: Immer gab es Krach, Krawall und Chaos. Der Skandal war Standard beim Führungswechsel. Lange bevor die Wirtschaftskrise das Vertrauen der Öffentlichkeit in Elite der Unternehmensführer erschütterte, hatten Krawall-Manager das Ansehen ihres Berufsstandes bereits verspielt.

Selbst in Bernotats eigener Branche, der relativ krisenfesten Energiewirtschaft, ging in den vergangenen Jahren kaum etwas ohne Hauen und Stechen. Schon die Art, wie der Chef des Erzrivalen RWE, Harry Roels, trotz unbestreitbarer Erfolge aus dem Amt gemobbt und durch den Stahlmagnaten Jürgen Großmann ersetzt wurde, stieß bei Aktionäre sauer auf.

Wulf Bernotat ist Chef des Energiekonzerns E.on. Er führte das Unternehmen nach der Fusion von VEBA und VIAG weg von seinen Wurzeln als Firma der Ruhrbarone hin zum größten Energiekonzern Europas. Nun wird Bernotat seinen Posten räumen.

Foto: Kai-Uwe Knoth

Wenn Wulf Bernotat zu reden anfängt, werden die Menschen leise. Sie hören zu. Der E.on-Chef spricht mit einer sanftrauchigen Stimme, bestimmt und eindeutig. Er sagt Wahrheiten, die mancher nicht hören will. Zum Beispiel sagt er, dass man bei aller Begeisterung für die Öko-Energien nicht vergessen dürfe, dass diese auch in den kommenden 20 Jahren nicht ganz Deutschland mit Strom und Wärme versorgen könnten. Irgendwo müsse der Rest herkommen. Aus Gas, aus Kohle oder aus der Kernkraft. Irgendwoher. Das versteht jeder. Auch der politische Gegner. "Wer soll den Rest liefern?" fragt Bernotat dann. "Das müssen wir tun." Wenn Bernotat seinen Punkt gemacht hat, lehnt er sich zurück, hebt seinen Kopf und lächelt. Dann sieht Deutschlands mächtigster Energiemanager ein wenig aus, wie ein Universitäts-Professor, der seinen Studenten eine Lehre erteilt hat.

Auch auf der Hauptversammlung seines Konzerns E.on lächelte Bernotat am Ende seiner langen Rede entspannt. Auch hier hatte er seinen Punkt gemacht: unerwartet, doch nachvollziehbar und klar. Bernotat will seinen Vertrag nicht über Mai 2010 hinaus verlängern. Der Chef des mit Abstand größten Energiekonzerns Europas gibt sein Amt ab, freiwillig und ohne Streit.

Und damit sticht Bernotat heraus aus der Klasse der deutschen Topmanager. Gerade in den Dax-Konzernen gab es in den vergangenen Jahren kaum einen Vorstand, der freiwillig abgezogen wäre. Ob Telekom, Post, Siemens oder Bahn: Immer gab es Krach, Krawall und Chaos. Der Skandal war Standard beim Führungswechsel. Lange bevor die Wirtschaftskrise das Vertrauen der Öffentlichkeit in Elite der Unternehmensführer erschütterte, hatten Krawall-Manager das Ansehen ihres Berufsstandes bereits verspielt.

Selbst in Bernotats eigener Branche, der relativ krisenfesten Energiewirtschaft, ging in den vergangenen Jahren kaum etwas ohne Hauen und Stechen. Schon die Art, wie der Chef des Erzrivalen RWE, Harry Roels, trotz unbestreitbarer Erfolge aus dem Amt gemobbt und durch den Stahlmagnaten Jürgen Großmann ersetzt wurde, stieß bei Aktionäre sauer auf. Nicht anders der Umgang bei Vattenfall Europe, wo mit Klaus Rauscher und Hans-Jürgen Kramer innerhalb von zwei Jahren gleich zwei Vorstandschef ihren Hut nahmen. Oder der Fall von Utz Claassen, der bis heute mit seinem Ex-Arbeitgeber Energie Baden-Württemberg vor Gericht liegt.

Ganz anders beim Branchenprimus E.on. Seit mehr als drei Wochen steht Bernotats Beschluss fest. Intern wurden die Führungskräfte informiert und die wichtigsten Aufsichtsräte eingeweiht. Nichts drang nach draußen. Kein Streit der Nachrücker brandete auf, die ihre Chancen wittern. Es bleibt Bernotat selbst vorbehalten, den Zeitpunkt seines Ausscheidens bekannt zu geben. Bezeichnenderweise wählt er die Hauptversammlung seines Konzerns. Üblicherweise gibt es hier nackte Zahlen und lange Antworten und lange Fragen. Aber Bernotat wählte diesen Ort, um seinen Rückzug bekannt zu machen. Damit bedankte er sich für das Vertrauen, das ihm die Eigner des Versorgers E.on entgegenbrachten.

Bernotat kann auf eine lange Karriere im Energiegeschäft zurückblicken. 1976 fing er als Justitiar bei der Shell AG in Hamburg an. Schnell stieg er auf in das internationale Geschäft, leitete in den frühen Achtziger Jahren von London aus den Aufbau ds Kraftstoffhandels im verschlossenen Osteuropa. Bernotat lernte Russisch, flog nach Moskau und eröffnete sogar ein Büro in der Zentrale des Weltkommunismus. Später er das deutsche Erdgas-Geschäft des Energiemultis, wurde General Manager für Portugal, danach Chef des gesamten Geschäfts auf der Südlichen Weltkugel. Bis er 1996 zur weit verzweigten Veba AG nach Düsseldorf wechselte.

Damit begann Bernotats Karriere im hart umkämpften deutschen Energiegeschäft. Die Privatisierung der Konzerne stand an und die Befreiung der Märkte. Die Veba AG war hier ein Unikat der alten Ruhrbarone, der Konzern ging zurück bis auf den Gründer der ersten modernen Revier-Zechen im neunzehnten Jahrhundert, den Iren Thomas William Mulvany. Dessen Büste stand immer noch in der Eingangshalle der Veba, als Bernotat antrat. Zunächst als Vorstand der Veba-Ölholding, dann als Chef der Handelssparte. Auf dieser Position begleitete er die Fusion mit der bayrischen VIAG zum neuen Energieriesen E.on.

Von Beginn an verband Bernotat eine enge Freundschaft zum Veba-Vorstand Ulrich Hartmann, seinem Förderer im Konzern. Nach dessen Wechsel auf den Posten als E.on-Aufsichtsratschef kam Bernotat am 1. Mai 2003 an die E.on-Spitze. Die alte Büste des Iren verschwand im Keller. Bernotat führte E.on durch geschickt Zukäufe und eine Konzentration auf das Kerngeschäft aus Strom und Gas an Europas Spitze.

Weiter ging es nicht. Nach sechs Jahren Mühen in vorderster Front wirkte Bernotat zuletzt müde. In einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ sagte er vor wenigen Wochen: Er arbeite täglich daran, „ein langfristig erfolgreiches Unternehmen zu entwickeln, das ich in gutem Zustand meinem Nachfolger übergeben kann.“ Zugleich zeigte er wenig Lust darauf, weiter als „Außenminister“ des E.on-Konzerns gebetsmühlenartig die immer gleichen Argumente über Atomenergie und Kohlekraftwerke zu wiederholen. „Ich frage mich manchmal“, gab Bernotat freimütig zu: „ob es sich bei all dieser Polemik überhaupt lohnt, permanent den Dialog zu führen.“ Zudem wurde nach Jahren des Aufstiegs die Lage im Konzern härter. Schon lange ist ein Nachfolger für Bernotat ausgeguckt. Johannes Teyssen arbeitet als Chief Operating Officer (COO) und ist Bernotats Stellvertreter. Vor ein paar Jahren wurde Teyssen mal als künftiger Vorstandschef von RWE gehandelt. Doch alle Offerten lehnte Teyssen ab, mit dem Hinweis, er habe sein Wort gegeben, Bernotat an der Spitze von E.on abzulösen.

Einen Konkurrenten hat Teyssen nicht mehr zu fürchten. Finanzvorstand Marcus Schenck hat mit den hohen Schulden von E.on nach den Zukäufen alle Hände voll zu tun. Der Vorstand für die neuen Märkte, Lutz Feldmann, muss die Geschäftsfelder in Spanien und Frankreich nach vorne bringen.

Tatsächlich ist die Situation von E.on derzeit nicht rosig, Gewinnwarnungen, steigende Schulden und fallende Umsätze bereiten genauso Sorgen wie sich abzeichnende Kartellstrafen in dreistellige Millionenhöhe. Vor drei Monaten gab Bernotat das erste Sparprogramm samt Abschreibungen von 3,3 Milliarden Euro auf Töchter in den USA, Italien, Spanien und Frankreich bekannt. Dazu geriet der Börsenkurs unter Druck und sinkende Umsätze verdüsterten die Aussichten in diesem Jahr. Das waren die Menschen bei E.on höchstens vom Hauptkonkurrenten RWE gewohnt – aber doch nicht im eigenen Haus. Hier gab es bislang vor allem beständige Kursgewinne und üppige Dividenden.

Bernotat hat sich seit über zwei Jahren immer weiter aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und stattdessen nach außen gewirkt. Er kümmerte sich um die Politik, versuchte die Rahmenbedingungen für die Energieversorger zu verbessern, verstand sich als Sprachrohr der Branche. Aber auch hier war das Geschäft mühsam. Öffentlich verteidigte Bernotat steigende Strompreise und Investitionen in Kohlekraftwerke. Das sorgte für miese Stimmung in Berlin, wo man die Botschaft einfach nicht hören wollte.

Vielleicht war es dieser Dauerdruck, den Bernotat bewog, jetzt seinen Rückzug bekannt zu machen. Vielleicht war es aber auch die Einsicht, dass der richtige Zeitpunkt gekommen sei, die Zukunft des Konzerns in die Hände des gut zehn Jahre jüngeren Teyssen zu legen – bevor eine offene Rebellion gegen den Älteren ausbricht.

Bernotat sucht nun eine „internationale Tätigkeit jenseits des operativen Geschäfts“. Ihm stehen viele Türen offen. Er bewegt sich fließend in sechs Sprachen und kennt das internationale Energiegeschäft. ich bin gespannt, welchen Weg er geht.

Und ich frage mich, wo die Mulvany-Büste jetzt steht.

4 Kommentare

Das ist ja ein toller Typ, dieser Herr Bernotat.
Und dass er sogar öffentlich hohe Strompreise verteidigt, obwohl das für miese Stimmung in Berlin sorgte, “wo man die Botschaft einfach nicht hören wollte”. Der Mann schwimmt wohl so richtig gegen den “Strom”, was?
Da frage ich mich ja fast, ob dieser freimütige Mensch nicht gar manchmal fast verzweifelt ist, naja ist er doch, manchmal kommt er gar schier ins Grübeln:
?Ich frage mich manchmal?, gab Bernotat freimütig zu: ?ob es sich bei all dieser Polemik überhaupt lohnt, permanent den Dialog zu führen.?
Jaha. Vielleicht lässt man es besser einfach mal mit dem Dialog ganz sein, allein wegen der eigenen Befindlichkeit, nicht dass einen die Dialoge noch ganz aus der Bahn werfen und man gar nicht mehr weiß, wie man sich mit dem “Erzrivalen” RWE und so noch jemals mal einigt, beispielsweise an der Leipziger Strombörse und so.
Und dann noch die ganzen Gewinnwarnungen und so, nachdem man das schwere, schwankende Schiff Eon durch die harte Briese gesteuert hat, gerade mal die wenigen Schaumkronen abschöpfen konnte, die das schwere Wetter im Energiegeschäft in den vergangenen Jahren so abwarf. Doch was für ein Glück für Bernotat und uns, denn er “bewegt sich fließend in sechs Sprachen und kennt das internationale Energiegeschäft”, dieses Unikum, das auch mal so eine Art ruhrbaron war.
Bin mal gespannt, welchen Weg dieses Blog so geht,
Elmar

E.ON hält an Investitionen in erneuerbare Energien fest…

Trotz des geplanten, konzernweiten Sparprogramms bei Energieversorger E.ON sollen nach Unternehmensangaben sech Milliarden Euro in den Bereich der erneuerbaren Energien investiert werden. Dies sagte der Leiter des Ökostrombereichs des Konzerns ber…

Elmar, sie erwarten doch nicht, dass der Boss eines Stromkonzerns öffentlich zugibt, dass der Strompreis zu hoch ist bzw. Eon und RWE ihre oligopole Marktmacht rigoros ausnutzen?

Und stromvergleich.de, wenn sie solche Nachrichten verbreiten, dann schreiben sie doch bitte dazu, wie mimimal nachwievor der Anteil an erneuerbaren Energien bei dem besagten Konzern ist und wie lange dieser Konzern gebraucht hat, überhaupt auf diesen woanders gestarteten Zug, aufzuspringen. Zur Zeit des beginnenden Aufbruchs in die neuen Energien des 21. Jahrhunderts gab es nichts verschnarchteres als die Stromkonzerne an der Ruhr.

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