Nachruf auf OZ

Mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Klöckner, urbanshit.de
Mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Klöckner, urbanshit.de

Hamburg – Meine gelegentliche Wahlheimat hat sich soeben grausam verändert. Oder besser: Sie wird sich grausam verändern, wenn in wenigen Monaten oder Jahren eine neue Generation Künstler mangels Information und damit einhergehender Ehrfurchtslosigkeit sein Andenken crossen wird. OZ wurde in der Nacht auf Freitag beim Ausüben seiner primären Tätigkeit von der S1 erfasst. Auf einer Stromschiene in unmittelbarer Nähe ist ein letztes Tag zu sehen und seine Sprühdose fand man einige Meter weiter. Es wäre mir aufs Äußerste zuwider, deswegen nun mit erhobenem Zeigefinger zu tippen.

Ich habe es von meiner Mutter erfahren und meine erste Reaktion war, in Hamburg anzurufen um sicherzustellen, dass man im Zuge der Renovierungsarbeiten in der roten Flora unbedingt darauf achte, kein Tag von ihm zu überstreichen.

Hamburg gehörte ihm

Die Stadt wurde in den 37 Jahren seiner Tätigkeit zu einem einzigen Popart-Kunstwerk, denn OZ war kein gewöhnlicher Sprayer und OZ hatte nicht viele Werke mit einem OZ versehen, die einem ins Auge sprangen und packten; bei denen man dachte: “Wow OZ, den merk ich mir!” Nein, an OZ lebte man in der Regel eine Weile vorbei, bis einem plötzlich auffiel, dass er schier überall um einen herum ist. Hauptsächlich war er eben für sein Bombing bekannt. Auf 120.000 wird die Anzahl der kurzen und einprägsamen Tags mit dem Pünktchen geschätzt. Gegenüber der Tageszeitung äußerte OZ allerdings, dass es auch Nachahmer gäbe, was er -anders als wahrscheinlich jeder andere Künstler – für eine gute Sache hielte. Denn Streetart ist, nicht nur bei ihm, immer auch Politik gewesen. Er sah sich selbst als “Kämpfer gegen die Normen der deutschen Sauberkeit und die Kommerzgier” und als ALG2-Empfänger bezeichnete er das Sprayen als seinen Job. OZ wurden etwa so viele Ausstellungen gewidmet, wie er Jahre im Gefängnis zubringen musste.

“All City King” kann man ihn gerne nennen, oder auch Godfather, aber in jedem Fall ist bei OZ von einer Legende zu sprechen. Sogar zu meinem damaligen Acid-Dealer in Wilhelmsburg hat er irgendwie seinen Weg gefunden – Von dem Eingangstor zur Freistadt Christiania ganz zu schweigen. Wer in Hamburg unterwegs ist, ist in OZ-Land unterwegs. Und wer sich nicht in der Writer-Szene auskennt, dem dient vielleicht der Vergleich mit “Bad Wolf” aus der Serie Doctor Who; Man hat sich wirklich verfolgt zu fühlen; Er war schlicht überall vor einem selbst.

Nicht nur Quantität

Seine Handskills gelten zwar als umstritten, doch OZ konnte eigentlich alles. Ohne zu signieren hat er das Straßenbild, quasie ganz nebenbei, mit Spiralen, Blumen und seinen berühmten Smileys verschönert. Er beherrschte auch Wildstyle, obwohl er das nicht so heraushängen ließ, und ich bin mir fast sicher, dass er an jeder einzelnen gelungenen Concept Wall im ganzen Bundesgebiet mitgewirkt hat. Seine Werke waren so unkonventionell wie vielseitig. Für mich stellt sich nicht die Frage, ob es noch Streetart ist, wenn einer (als Penner verkleidet) gläserne Fahrstühle an Bahnhöfen zerstört; Als OZ genau dies getan hat, ja, da war es verdammt nochmal Kunst. Im Sommer 2013 war ich gerade bei underpressure einkaufen, als ein Mann zu dem Verkäufer sagte: “Für einen Blick in sein Blackbook würde ich fast alles tun.” Augenblicklich herrschte andächtiges Schweigen.

Es ist davon auszugehen, dass sich das Stadtbild in den nächsten Tagen rapide verändern wird. So mancher King und natürlich auch seine Biter werden OZ ein letztes mal ihren Respect zollen und die traurige Kunde zumindest zwischen Wedel und Poppenbüttel hin und her fahren lassen. Und dann gilt es, auf einen milden Winter zu hoffen, sodass nicht allzu schnell verblasst, was meine gelegentliche Wahlheimat so viele Jahre lang ausmachte.

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