‚7:1 – Das Jahrhundertspiel‘

DSC02045 (577x600)Es gibt Bücher, die aus der Masse der Neuerscheinungen irgendwie hervorstechen. Das ist so sicherlich auch bei ‚7:1 – Das Jahrhundertspiel‘ der Fall.
Als ich kürzlich über das 288 Seiten umfassende Taschenbuch ‚gestolpert‘ bin, da erweckte die Tatsache, dass es sich mit dem WM-Spiel Deutschland vs. Brasilien von der letzten Fußball Weltmeisterschaft beschäftigt, sofort mein Interesse.
Da thematisiert ein ganzes Buch also tatsächlich offenbar ein einziges Spiel einer Fußballweltmeisterschaft, welches zudem nicht einmal das Endspiel, sondern lediglich ein Halbfinale war, ruft dieses Spiel zum ‚Jahrhundertspiel aus. Das ist tatsächlich ungewöhnlich!

 
Mir fiel dazu eigentlich so auf Anhieb nur ein Vergleich ein, das sogenannte ‚Miracle on Ice‘, die inzwischen allgemeine Bezeichnung für den unerwarteten Sieg der US-amerikanischen Eishockeynationalmannschaft am 22. Februar 1980 über die zu der Zeit als unschlagbar geltende Sowjetische Eishockeynationalmannschaft, sowie den anschließenden Gewinn der Goldmedaille im Eishockeyturnier der Olympischen Winterspiele 1980.

 
Ein Spiel welches in Nordamerika noch heutzutage regelmäßig thematisiert wird, auch ein Halbfinale welches in der Sportgeschichte als bedeutender als das später folgende Endspiel gilt.
Christian Eichler, Sportredakteur bei der FAZ, startete nun dieses ungewöhnlich anmutende Projekt, welches am Montag in den Buchhandel kommen wird, und welches ich bereits in den letzten Tagen vorab in Augenschein nehmen durfte.

 
Der Autor saß lt. Verlagsinfo an diesem denkwürdigen 8. Juli 2014 natürlich auch auf der Tribüne des Mineirão-Stadions, sprach unmittelbar nach Abpfiff mit beteiligten deutschen Spielern.
Seine nun in Buchform vorliegenden Erzählung der kuriosen 90 Minuten bettet er ein in das Bild zweier sich schneidender Kurven: „die der aufstrebenden deutschen und die der einem überholten Fußball verhafteten brasilianischen Mannschaft.“

 
Und obwohl das Taschenbuch durchaus seinen Reiz hat, es tatsächlich ungewöhnlich ist hier noch einmal quasi im Minutentakt durch ein bereits vor Monaten gespieltes Match geführt zu werden, hat das Projekt genau hier auch seinen ‚Haken‘.
Natürlich war das Spiel eine Sternstunde des DFB-Teams. Daraus aber nun einen Wachwechsel im Weltfußball konstruieren zu wollen, das erscheint mir dann letztendlich doch etwas sehr bemüht.

 
Man darf nicht vergessen, dass die deutsche Nationalmannschaft ja längst nicht in jedem Turnierspiel in Südamerika so sehr zu überzeugen vermochte wie es der Autor hier vielleicht gerne erscheinen lassen möchte. Und wie wenig dauerhaft die ‚aufstrebenden Deutschen‘ sich an ihrer Spielfreude und –Kultur erfreuen konnten, dass durften Fußballfreunde ja nach der WM auch rasch wieder erleben, als die EM-Quali-Spiele mit einigen herben Enttäuschungen begann.
Mir erscheint das Anliegen hier einen Wachwechsel im Weltfußball konstruieren zu wollen daher letztendlich doch deutlich zu bemüht. Zudem erinnere auch ich mich noch an die bereits zuvor wenig überzeugenden WM-Auftritte der Gastgeber in Brasilien, welche wohl auch an dem immensen Druck zu scheitern drohten und es im Halbfinale gegen die Deutschen dann halt auch taten.

 
Ein solches Taschenbuch, zudem komplett ohne Fotos vom angeblich so historischen Spiel, wirkt auf mich am Ende ein wenig zu bemüht aus einem bemerkenswerten WM-Halbfinale einen Fußballhistorischen Meilenstein, eine Art Zeitenwende im modernen Fußball zu konstruieren.
Was bleibt ist eine durchaus nette Reiselektüre für Bus- und Bahnfahrende Fußballfreunde, welche sich noch einmal mit glänzenden Augen an einen gelungenen Fußballabend im Detail erinnern möchten. Wer es vorliegen hat, dem ist mit einem DVD-Mitschnitt des kompletten Spiels aber auch hier vermutlich deutlich besser geholfen.

 
Ein Sportbuch aus der Kategorie ‚Kann man haben, muss man aber nicht!‘

Zum Buch:
Broschiert: 288 Seiten
Verlag: Droemer TB (2. März 2015)
ISBN-13: 978-3426300862
Preis: 12,99 Euro

7 Kommentare

Wenn es läuft, läufts, dann kommt es zu solchen Spieln.
Wenn es nicht läuft, spielt man eine Vorrunde wie der BvB.

Man kann auch alles überinterpretieren.

In einer immer rastloseren, immer eiligeren, in einer m.E. unter informativer und kommunikatiever Überfunktion leidenden Geselslchaft, in einer Medienwelt, in der tagtäglich mindestens eine neue “epochale” Sensationen” schlagzeilenträchtig verkauft und in der ebenfalls beinahe tagtäglich “Sensationelles aus der Welt des Fußballes ” dargeboten wird, bleibt von einem Ereignis wie dem des 7: 1 und von dem späteren Gewinn der WM nicht lange, nicht allzu viel im Bewußtsein der Menschen, der Fußball-Fans präsent.

Insofern mag ein Buch über das 7: 1 Erinnerungen wachrufen und das Ereignis so , z.B. beim Blick auf den Bücherschrank, stets präsent halten können. Ich vermute aber ‘mal mit Blick auf die Auflage, weil das Ereignis für die meisten Fußball-Fans “eigentlich keines mehr ist”, daß dieses Buch kaum nachgefragt werden wird.
j

Klingt nach viel Geschwafel über 90 Minuten Gekicke. Offenbar wollte der Verlag da sein Programm noch abrunden und schauen, ob man damit Geld verdienen kann. Hoffentlich nicht.
Viel spannender sind doch die politischen Fragen: Gibt es eine Anschlussnutzung für die teueren WM-Stadien? Wird etwa gegen die Korruption in der FIFA getan – da sind deutsche Funktionäre maßgeblich beteiligt? Solchen Fragen hätte der Autor mal nachgehen können. Warum bei dem Spiel jeder Schuss ein Treffer war…? Who cares?

Ich werde sicher warten, bis man dieses Buch für billig Geld irgendwo bekommt, was wohl nicht allzu lange dauern wird. Dennoch bleibt bei mir immer noch dieses ungläubige Staunen während dieses Spiels und natürlich bleibt dieses Spiel viel eher im Gedächtnis als das finale Spiel, dass denn doch eher ein deutsches Spiel und Ergebnis war, Sieg mit einem Tor Unterschied, wie alle WM-Finals und zwei EM-Siege. “Ein gutes Pferd springt eben nicht höher als es muss”, sag ich gern beim Doppelkopf wenn ich wieder mal ein (Zwangs)Solo schmutzig mit 121 Punkten gewonnen habe.

Vorsicht, das Lesen dieser Rezension kann zu Schwindelgefühlen führen.

“Daraus aber nun einen Wachwechsel im Weltfußball konstruieren zu wollen, das erscheint mir dann letztendlich doch etwas sehr bemüht.”
“Mir erscheint das Anliegen hier einen Wachwechsel im Weltfußball konstruieren zu wollen daher letztendlich doch deutlich zu bemüht.”
“(…), wirkt auf mich am Ende ein wenig zu bemüht aus einem bemerkenswerten WM-Halbfinale einen Fußballhistorischen Meilenstein, eine Art Zeitenwende im modernen Fußball zu konstruieren.”

“Das ist tatsächlich ungewöhnlich!”
“(…) startete nun dieses ungewöhnlich anmutende Projekt”
“Und obwohl das Taschenbuch durchaus seinen Reiz hat, es tatsächlich ungewöhnlich ist (…)”

@ Colin Kreuzer: Genau! Der Rezensent reitet immer wieder auf diesem einen Punkt herum, der – da gebe ich ihm recht – Fragen aufwirft. Eichler argumentiert in seinem lesenswerten Buch allerdings deutlich differenzierter: Während in den letzten 10 Jahren die Top-Teams in der Champions League, aber auch die spanische und die deutsche Nationalmannschaft einen variablen, von einzelnen Superstars weitgehend unabhängigen Spielstil entwickelt hätten, setzten die Brasilianer bis dato in bewährter Manier auf das einzelne Genie, an dem sich das ganze Team ausrichte. Die “Wachablösung” besteht aus diesem Blickwinkel darin, dass dieser ehedem erfolgreiche Stil sich einfach nicht mehr gegen Mannschaften mit moderner taktischer Ausrichtung durchsetzt. Als weiteres Beispiel für diesen Wandel wird die argentinische Niederlage gegen das DFB-Team bei der WM 2010 angeführt: weil deren Trainer Maradona auch noch diesem Geniekult anhing.

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