2017 in der Alamo-Stellung: Alles geben, um nicht alles zu verlieren.

The Fall of the Alamo , Robert Jenkins Onderdonk Lizenz: Public Domain
The Fall of the Alamo , Robert Jenkins Onderdonk Lizenz: Public Domain


Das Jahr 2016 geht zu Ende und da es ein aus so vielen Gründen kein gutes Jahr war, ist das eigentlich ein guter Grund, sich heute Abend ins Koma zu trinken und einen Monatslohn für Polenböller auszugeben, um all die bösen Geister zu vertreiben, die es von der zweiten bis zur letzten Minute bestimmten. Blöd nur: 2017 könnte noch schlimmer werden.

Bevor ich mich den unschönen Aspekten des Jahres 2016 zuwende, möchte ich den Blick auf das wenden, was gut war: 2016 war nicht langweilig. Das ist schon mal was, denn es gibt Jahre die sind einfach nur öde und schleppen sich hin wie ein Abendessen im Kreis der erweiterten Familie mit lauter Menschen, mit denen man normalerweise nicht eine Minute freiwillig verbringen würde. So war 2016 nun einmal nicht: Es war ein Speed-Jahr, schnell, voller Überraschungen und ungeahnter Wendungen, ein Jahr, in dem alte Gewissheiten nichts mehr galten. Das ist ja erst einmal nicht schlecht, denn das bedeutet, dass man nachdenken muss, und das ist eigentlich eine gute Sache. Eigentlich. Denn wie haben es Tocotronic auf den Punkt gebracht: „Ich hab noch nie so viel gedacht, doch irgendwann hatte ich mal mehr gelacht.“

Und zu lachen gab es nicht viel. Immer klarer wurde, das alles, was für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit war, sich innerhalb kurzer Zeit auflösen könnte. Die westliche Kultur in der wir leben, könnte schnell Vergangenheit werden. Demokratie, Meinungsfreiheit und vielleicht sogar der Frieden in unserem Teil der Welt sind nicht mehr gesetzt. Die Europäische Union, an der es unendlich viel zu kritisieren gibt, die aber ohne jeden Zweifel dazu beigetragen hat, große Teile Europas zu befrieden, könnte sich auflösen, die NATO, Deutschlands Westbindung, all das ist könnte in den kommenden Jahren in Frage gestellt werden. In Österreich ist trotz des knappen Wahlsieges von van der Bellen die FPÖ nach wie vor die stärkste Partei. Groß-Britannien ist aus der Europäischen Union ausgetreten – und damit hat das Land, das im modernen Europa die Demokratie begründet hat. Der Brexis ist ein Menetekel und wenn ich Leute wie Junkers und Schulz anhöre bin ich erschrocken über die Geschichtslosigkeit und Ignoranz, mit der sie dieses Beben kommentieren. Zur Tragik der Gegenwart gehört auch die schaurige Qualität des europäischen Führungspersonals.

In Frankreich gewinnt der von Putin mitfinanzierte Front National an Einfluss.

Gleichzeitig wird Europa von Islamisten angegriffen, macht sich eine Angst breit, die lähmt und leider nicht dazu führt, darüber nachzudenken, wie nicht nur Europa, sondern auch die Menschen, die im Nahe Osten leben und für werte wie Freiheit einstehen, und die gibt es, am Ende zu den Gewinnern gehören werden. Um uns herum brennt es: Russlands Präsident Putin bedroht den Osten Europas und verschärft die Repression im Inneren, Erdogan ist dabei die Türkei in eine islamistische Diktatur zu verwandeln und im Nahen-Osten kollabiert ein Staat nach dem anderen. Und Israel steht Dank der EU und Obama so alleine da, wie wohl nie zuvor. Auch das ein Zeichen des Verfalls des Westens, den keine Idee mehr zu verbinden scheint.

In Deutschland gewinnt die AfD an Zustimmung und das ist politisch nicht das einzige Problem: Wir leben in Querfrontzeiten, das Projekt des Westens, ja, auch da kann man viel kritisieren, wird in die Zange genommen: Von rechts, von links, von Reichsbürgern, Putin-Freunden jeder Coluere, von einer postmodernen Linken, die nicht nur jede freie Debatte abwürgen möchte, sondern mit ihrem Kulturrelativismus dafür sorgt, das viele nicht mehr zu schätzen wissen, was unsere Gesellschaft ausmacht: Das Maß der Freiheit die wir genießen ist nicht selbstverständlich. Sie wurde uns nicht geschenkt, Generationen haben über Jahrhunderte für sie gekämpft, sind für sie gestorben und verfolgt worden. Nichts, aber auch wirklich gar nichts ist an unserer Freiheit ist selbstverständlich. Aber anstatt dafür zu kämpfen sie zu verteidigen, ja sie auszubauen, neue Freiräume zu erobern, sind viele bereit sie preis zu geben. Gefühlt hat diese Tendenz in den vergangenen Jahren zugenommen und ich beobachte das mit Erschrecken und Fassungslosigkeit.

Wir leben in Zeiten eines autoritären Rollbacks: Ob AfD, Islamisten, Teile der postmodernen Linken oder alles was man unter Grünen zusammen fassen kann – ihnen allen ist gemein, dass sie die Freiheit der Menschen nicht schätzen und überzeugt davon sind, zu wissen, wie wir zu leben haben – und zum Teil auch, wie man uns am besten ausnimmt. Kern ihres politischen Geschäftsmodell ist die Angst und wer Angst hat, ist bereit seiner Freiheit aufzugeben.

Vieles spricht dafür, dass wir im kommenden Jahr weitere Angriffe auf die Art wie wir leben erdulden werden. Es gibt wenig Gründe, optimistisch zu sein. Es wird weitere Anschläge geben, Trump wird den Westen destabilisieren, wir werden einen Wahlkampf erleben, in dem russische Propaganda gespielt über Wikileaks, eine große Rolle spiele wird. Aber vielleicht hat das ja alles sein gutes, werden Menschen angesichts der Bedrohung ihrer Freiheit Gräben überwinden und zusammen stehen, weil sie merken, dass es um alles geht. Auf der Weihnachtsfeier der Jungle World sagte mir ein Freund, das in ein paar Monaten die Liberalen, Libertären und antiautoritären Linken ohnehin auf der selben Seite stehen werden, weil es angesichts der kommenden Bedrohungen dazu ohnehin keine Alternative mehr gibt. Und so begeben wir uns 2017 in die Alamo-Stellung, bereit alles zu geben, um nicht alles zu verlieren.

 

2 Kommentare

"Liberale, Libertäre und antiautoritäre Linke", hört sich besser an als es ist, rein zahlenmäßig gesehen. Freiheit ist anstrengend, immer muss man nicht nur selbst denken und das Gedachte dann auch umsetzen oder gar verteidigen. Schwierig, schwierig. Da ist es doch schön, wenn man einen Wächterrat oder Führer hat, der sagt, wo`s langgeht. Guten Rutsch allerseits

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