„Mich mangeln die Wörter“ (2) – Heute: „Werte demonstrieren“

Self- oder Ego-Marketing heißt sie, die systematische Vermarktung des „Produktes Ich“. Natürlich setzt Selbstvermarktung voraus, dass da überhaupt erst einmal ein Ich existiert, das es zu verkaufen lohnt, was naturgemäß selten der Fall ist.
Herz, Geist, Seele: Fehlanzeige? Mitgefühl: abhanden gekommen? Was soll’s, muss man alles nicht haben, kann man heute auch nur „demonstrieren“.
Wo keine Haltung sich entwickeln durfte, da übt sich der Poser als Charakterchamäleon. Copy & pose. „Jedes Ei hat etwas, das andere Eier nicht haben. Du musst es nur entdecken“ (Reinhard Siemes, Werbepapst). Verraten bin ich also und verkauft, falls ich mich nicht beizeiten selbst verkaufe.

Hat man wirklich jede Chance verpasst, zur Premium-Markenpersönlichkeit heranzureifen, sollte man auf keinen Fall auch noch das rettende Ich-Geschäft allein verrichten – und vermasseln. Es gibt da Profis. Sie helfen, jedes Ich-Dummy smarter zu verkaufen, als dies es selbst je könnte. Schließlich soll so ein Ich nicht einfach verramscht, verhökert werden, ausverkauft, billigbillig, alles muss raus …

Der Simulant ist der Held des Tages
Also gilt es, teuren Rat zu beherzigen. Zum Beispiel den: Egal, was Du wirklich tust, tu einfach so, als ob Du Gutes tust und rede drüber.
(Hinter den Kulissen kannst Du dann machen, was Du willst.)
Und zeig Dich auf jeden Fall gut aufgelegt, demonstriere Humor in der Öffentlichkeit, beste Laune gegenüber Geschäftspartnern, Steuerfahndern, Leiharbeitern, selbst gegenüber pakistanischen Rosenverkäufern, diesen Schnorrern in Deinem Sushi-Laden – man weiß nie, welche Kamera gerade mitläuft.
Und sollte tatsächlich neben dem Humor ganz und gar die Fähigkeit fehlen, Esprit auch nur ansatzweise zu demonstrieren, dann reicht zur Not tumbes Witzemachen.
Hier half mir einst die inspirierende Rezension eines Buches mit dem Titel „Führungsfaktor Humor“. Verfasser Holtbernd wurde zitiert mit der Aussage: „Manager, die eine Witzkultur fördern, ermöglichen den Mitarbeitern, ihr eigenes Scheitern zu bewältigen. Unternehmen, die einen Hofnarren haben, gewähren den Mitarbeitern ein bewusstes Verdrängen oder die Öffnung für Verrücktheiten.“ (www.humorcare.com/BUCHHINWEISE/Holtbernd)

Humor inszenieren
Na siehste, geht doch. Ist das nicht schön? Demnächst werde ich rausgeschmissen und das Witzchen dazu gibt’s gratis. Mein crazy Chef fragt mich: Na, Herholz, was ist der Unterschied zwischen Ihnen und einem, der noch Arbeit hat?
Und ich lach mich kaputt.
Heiterkeit und Humor werden hierzulande flächendeckend künstlich inszeniert, daran haben wir uns gewöhnt. Jedes Späßchen wird reduziert auf ein verlogenes Mittel zur Manipulation, zur Beutelschneiderei und verglüht beim Self-Marketing in Hierarchien, die um der Gewinnmaximierung willen ein bisschen Unternehmens-Demokratie imitieren. Von Heiterkeit keine Spur, dafür jede Menge Humorarbeit im Akkord und viel grelle Witzkultur für Witzfiguren.

Werte demonstrieren
Ja, was denn: Sie wollen sich an Werten nicht nur orientieren, sondern sie auch leben? Heilige Scheiße! Auch hier reicht „Werte demonstrieren“ völlig aus. Ganze Wertekommissionen kümmern sich mit ihren Kampagnen darum, dass man – vorne hui, hinten pfui – trotz aller Übergriffe auf Menschenwürde und Umwelt vor den Mikrofonen und auf den Bildschirmen der Welt immer glamourgeil aussieht.
„Wir von der Wertekommission sind überzeugt, dass langfristiger Erfolg von Werten als Entscheidungsmaßstab abhängt. Werte geben Sicherheit, steigern die Effizienz und sind ein ökonomisch bedeutsamer Faktor. Demonstrieren Sie Werte, für die es sich lohnt, einzustehen: Integrität, Nachhaltigkeit, Verantwortung, Mut, Vertrauen und Respekt.“
(http://www.wertekommission.de/content/pdf/kampagne/kampagnemotive.pdf)

Positiver Transfer beim fachgerechten Einsatz von  Plüschtieren nach Unfällen mit Kindern
Aber wie funktioniert denn nun diese Wertedemo in der Praxis des globalen Warenkriegs, der auch Castrop-Rauxel nicht verschont? Ach, sorge dich nicht, lebe. Hilfe naht, die Friedenskämpfer der Werbeartikel-Industrie sagen, wo’s langgeht (http://www.source-werbeartikel.com/blog/soziale-verantwortung-demonstrieren-2010-08-23/):
„Der Bundesverband der Werbeartikel-Berater und -Großhändler (bwg) empfiehlt Unternehmern, auch ihre sozialen Aktivitäten publik zu machen.
bwg-Vorsitzender Hans-Joachim Evers erklärte: ‚Manager (…) kümmern sich vielfach um gesellschaftliche Defizite und tragen somit auch zum sozialen Frieden bei, ohne dies öffentlich zu machen. (…) Unaufdringlich, bescheiden aber dennoch transparent können Firmen diese gesellschaftliche Verantwortungen auch mit Werbeartikeln erstklassig demonstrieren.‘“ (…)
„Beispielsweise freuen sich Krankenhäuser darüber, wenn ihnen durch Unternehmen Kuscheltiere zur Verfügung gestellt werden, damit Kinder ihren Aufenthalt leichter meistern. Auch die Polizei verweist auf erstklassige Erfahrung in der unmittelbaren Unfall-Nachbetreuung, wenn sie Plüschtiere bei Kindern einsetzen kann. Das Produkt, ‚der Werbeartikel‘, so Evers, ‚kommt‘ vom Unternehmen. Der fachgerechte Einsatz bzw. die Verwendung obliegt der sozialen Stelle. Somit ist gewährleistet, dass ein positiver Transfer entsteht. (…) Und der Werbeaufdruck dokumentiert, welches Unternehmen sich sozial engagiert hat.“
(…) „‚Man kann zeigen, wenn man Gutes tut‘, sagt Hans-Joachim Evers, ‚soziale Verantwortung gilt zunehmend als Qualitätsmerkmal von Firmen. Untersuchungen zeigen, dass Konsumenten bei der Auswahl von ähnlichen Produkten oder Dienstleistungen sich für die Anbieter entscheiden, von denen sie wissen, dass diese sozial engagiert sind.‘“

Niemals Frieden schaffen ohne Knusperwaffeln
Und weiter: „Bauklötzchen aus Holz für einen Montessori-Kindergarten sind ideal für Firmen aus der Baubranche. Malbücher zur Verkehrserziehung könnten Fahrrad-Händler einsetzen. Comics, in denen der Umgang mit Geld altersgerecht erklärt wird, favorisieren Sparkassen oder Banken. Wärmedecken für Tiere eines Tierheimes passen zu einem Energie-Dienstleister oder Installateur-Betrieb.
Hans-Joachim Evers: ‚Ohne wirtschaftlichen Erfolg kann kein Unternehmen existieren. Menschen leben aber nicht von Bilanzen, sondern vom sozialen Wohlfühl- und Gerechtigkeitsempfinden. Hier können Manager ihren Betrieb eindeutiger positionieren und mit Werbeartikeln unaufdringlich ihre Unternehmens-Botschaften transportieren bzw. demonstrieren.‘“

Einfach mal mitdemonstrieren
Also, wenn Sie mich fragen: Wo alle allen alles demonstrieren, aber für nichts mehr einstehen, da sollte man vielleicht einfach mal wieder auf die Straße gehen, um sein Ego zu lüften und ein bisschen Nachdenklichkeit zu demonstrieren: Heute fiel mir dazu tatsächlich selbst noch ein Aphorismus ein:
Raus aus dem Glashaus und mit Steinen werfen.

P.S.:
Für den Kolumnentitel „Mich mangeln die Wörter“ danke ich Jürgen Lodemann. Das schöne Sprachspiel stammt aus „Essen Viehofer Platz”. Roman. Zürich: Diogenes, 1985.
Und Jürgen schrieb mir dazu: “Lieber Gerd, da ich gerade in guten Momenten bin  (…), schenk ich Dir gern diesen Originalspruch zur beliebigen Verwendung“.
Danke.
Es wäre eigentlich an der Zeit, dass der Klartext-Verlag oder Henselowsky & Boschmann oder S. Fischer oder KiWi … den Roman „Essen Viehofer Platz“ neu auflegen würde. Aktuell ist er leider nicht lieferbar. Schade um diesen spannenden, melancholischen und hochaktuellen Text.

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